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10/2008

Archi-ologie

„Ein perlgraues Nomadenzelt als Stadtwohnung auf einer alten Rennbahn in den Subtropen…“ Der Schauplatz mag an einen Science-Fiction-Roman erinnern, doch handelt es sich hier um ein vom Wiener Architects Collective in Zusammenarbeit mit at.103 (Mexiko-Stadt) entworfenes Penthausprojekt in der mexikanischen Hauptstadt.

Im Zentrum der Millionenstadt gibt es ein Wohnviertel, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand: Sein Name, Hipódromo Condesa, verweist auf eine aristokratische Vergangenheit. Das Viertel wurde in und rund um den ehemaligen weitläufigen Park und die Rennbahn einer alten Gräfin erbaut; ihre Villa am Rande des Viertels ist ein kleiner Palast im französischen Stil aus dem 19. Jahrhundert, der nun die russische Botschaft beherbergt. Heute finden sich in den Straßen von Condesa zahlreiche Art-déco-, Bauhaus- und Jugendstilhäuser, neben Gebäuden im neobarocken und neukolonialen Stil, einigen Projekten von Luis Barragán sowie mehreren Beispielen moderner und zeitgenössischer Architektur, wie etwa das polyedrische Heim des Architekten Juan José Díaz Infante.
Das Condesa-Wohnviertel entstand in den 1920ern als bürgerlicher Vorort, der auch einigen Einwanderern aus Ost- und Mitteleuropa eine neue Heimat bot. Unter diesen waren viele vor dem jeweiligen Pogrom geflohene Juden, die es mit ihren Geschäften in der Innenstadt zu etwas brachten und gesellschaftlich aufstiegen. An der Ecke Calle Ozuluama, einer schmalen Allee, und Avenida Amsterdam, der ovalförmigen Rennbahnstraße, stand ein von Ingenieur Del Río 1945 errichtetes, vom späten Bauhausstil inspiriertes Gebäude. Seine ursprünglichen Besitzer verkauften es an die Familie Burakoff, die eine Bäckerei nach osteuropäischer Tradition eröffnete. Noch heute denken einige der älteren Bewohner des Viertels beim Vorbeigehen mit Wehmut an das dunkle Roggenbrot und andere dort zum Verkauf angebotene Waren. Doch nach dem Erdbeben von 1985, von dem besonders das Stadtzentrum und somit auch das Condesa-Viertel betroffen war, zogen viele Familien in die Außenbezirke, verließen die alten Häuser oder vermieteten sie an Menschen niedrigerer Einkommensschichten. Die Bäckerei wurde aufgelassen und an Lazaro Okón, einen alteingesessenen Bewohner des Viertels, verkauft.
In den 1990ern entschloss sich dann dessen Sohn Yoshua Okón, ein junger Künstler, das Haus samt der alten Schilder mit den Aufschriften Bäckerei („panadería“) und Delikatessen („salchichonería“), der vertrauten rosaroten Fassade und den altersschwachen Öfen zu übernehmen und daraus eine von Künstlern betriebene Stätte zu machen. Diese sorgte nicht nur mexikoweit, sondern auch international für Furore, da die diversen Räumlichkeiten neben topaktuellen lokalen Kunstausstellungen auch für Feste, Konzerte, Diskussionsrunden und Filmvorführungen genutzt wurden. Die Stätte entwickelte sich zu einem angesehenen Zentrum für zeitgenössische Kunst. Im Zuge dessen begannen andere junge Anrainer Cafés neu zu eröffnen, es entstand ein Skatepark, und das Viertel wurde zu einem wichtigen Treffpunkt der Jugendkultur, etwas später der gesamten Kulturszene. Im subtropischen Park im Herzen des Condesa-Viertels finden Freiluftkonzerte und kleine Kunsthandwerkmärkte statt. Ballonverkäufer gibt es hier ebenso wie einen Ententeich und wundervoll kitschige Sitzbänke, die an rustikales bayrisches Hüttenmobiliar erinnern. Entlang der Straßen, die den Park umgeben, reihen sich Cafés, Restaurants und taquerías (Taco-Stände). Manche sind schon seit Jahren hier und haben von der städtischen Revitalisierung profitiert, andere wieder haben erst vor kurzem, infolge der Gentrifizierung, geöffnet.
Bevor sie 2004 ihre Pforten schloss, bot die Panadería ein „Artist in Residence“-Programm zur Förderung des Austausches unter Künstlern aus verschiedenen Regionen Mexikos und aus dem Ausland an. Dank einer Kooperation mit dem österreichischen Kulturministerium profitierten davon auch etliche Wiener Künstler, u. a. Gelatin, Uli Aigner, Elke Krystufek oder Wolfgang Thaler. In dieser Zeit des regen Austausches zwischen Österreich und Mexiko von Mitte bis Ende der 1990er Jahre entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen Yoshua Okón und Kurt Sattler, einem der Partner von Architects Collective. Sattler durfte später einige Zeit in der kleinen Atelierwohnung hausen, die Okón in den ehemaligen „Dienstbotenquartieren“ der Panadería ausgebaut hatte. Doch wer hätte damals gedacht, dass Sattler die Funktion dieses Raums einmal überdenken und neu definieren würde? (...)
Text Gabriela Jauregui

3. September 2010