Aktuelle Ausgabe
7-8/2010

Blue Box

Warum sollte eine Black Box nicht blau sein? Jean Nouvel hat dem einzigartigen Konzerthaus in Kopenhagen das Alltagsgesicht eines Containers gegeben, um seinen Zauberkasten dann bei passender Gelegenheit architektonisch und musikalisch umso furioser zu sprengen.

Viele weltweit gefeierte Architekten begeistern ihr Publikum gerne mit der Formensprache, mit der sie ihren Ruf begründet haben und die von ihnen als Markenzeichen erwartet wird. Das kann zu merkwürdigen Überschneidungen führen, wenn zum Beispiel ein Konzerthaus in Los Angeles (Frank O. Gehry, 2003) in ähnlicher Zersplitterung auftritt wie ein Einkaufzentrum in Las Vegas (Daniel Libeskind, 2009). Daniel Libeskind versteigt sich angesichts seines Einkaufszentrums Crystals sogar zu dem Gedanken: „Für mich ist auch das hier ein Museum. Es geht um die Aura der materiellen Dinge, die hier zu sehen sind.“ In Kopenhagen bleibt die Musik dagegen im Karton, bis der Hexenmeister Jean Nouvel wie ein „Springteufel“ Jack in the Box das Zeichen gibt und für Überraschungen sorgt, wie sie noch kein Konzerthaus aufbieten konnte. Wenn auch um den Preis, mit Kosten von 240 Millionen Euro selbst Frank Gehrys Walt-Disney-Konzerthalle in Los Angeles noch übertroffen zu haben. Der Baugrund erwies sich als zu weich, innerhalb der zehnjährigen Planungs- und Bauzeit explodierten die Materialkosten. Was beim Dänischen Rundfunk, dem Bauherrn, bis hin zum Intendanten erschreckend viele Kündigungen nach sich zog, um den Neubau auch aus dem laufenden Betrieb zu finanzieren. 500 freie und feste Mitarbeiter sollen aus diesem Grund ihren Job verloren haben. Trotzdem wurde das große Orchester inzwischen auf die konkurrenzfähige Sollstärke von 99 Musikern aufgestockt.
Das blau verhängte gläserne, nach oben aber zerklüftete Rätsel, das Nouvel städtebaulich etabliert, weil es für den Entwurf in der ursprünglichen Ödnis der Stadterweiterung entlang der Metro Richtung Ørestad und Flughafen keinerlei Anknüpfungspinkte gab, gleicht einer „Fahrt ins Blaue“, ins Ungewisse. Ein Geheimnis ist stets mit Verführung verbunden, schreibt Nouvel auf seiner Website und verzichtet immer mehr auf eine architektonische Handschrift als Markenzeichen. Die Aufwertung der undefinierten Peripherie liegt damit nicht im furiosen, sondern im verborgenen Formenspiel. Was zwangsläufig eine vermeintliche Nähe zur Allerweltsarchitektur der Peripherie einschließt - aber nur auf den ersten Blick. Diese zurückhaltende Ouvertüre mit der Möglichkeit zur Steigerung ist angesichts der anhaltenden architektonischen Bilderflut eine nachvollziehbare und wirksame Strategie. Der Architekt ging dabei das Risiko ein, völlig neue Wege zu nehmen. Die städtebauliche Unbestimmtheit des Standorts kehrt Nouvel ins Positive, indem er eine architektonische Verwandlungsmaschinerie schafft, deren Erscheinungsbild vom unscheinbaren Möbelhaus bis zum glühenden gesellschaftlichen Ereignisort reicht. Womit auch die Farbwahl des Konzerthauses erklärt wäre, wenn man nicht gleichzeitig den Verdacht haben könnte, mitsamt dem Meteoriten des großen Saales sei auch das dazugehörige Stück Himmel auf der Erdoberfläche gelandet. Der Meteor in Peter Høegs Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ hat Nouvel veranlasst, den großen Saal hinter der 45 Meter hohen, nur sehr knapp geöffneten kobaltblauen Glasfiberfassade so wirken zu lassen, als wäre er vom Himmel gefallen. Vor allem pocht Nouvel darauf, ein Unikat zu schaffen: „Wenn man überall das gleiche Gebäude errichtet, wird die Welt immer kleiner. Man kommt in eine Stadt und weiß nicht, wo man ist, weil sich nichts mehr voneinander unterscheidet. Leben heißt unterschiedliche Erfahrungen zu erschließen und Gefühle. In einer Welt des Klonens gibt es keine Überraschungen, man sieht stets dasselbe.“ Eine Meinung, die selbst Akustik-Experte Yasuhisa Toyata teilt: „Es geht nicht darum, überall den gleichen Klang zu erzeugen. Man muss ein Konzerthaus an seinem Klang erkennen können, aber dieser muss stets ein Optimum, seine eigene Schönheit erreichen.“ (…)
Photos Philippe Ruault
Text Klaus-Dieter Weiss

7. September 2010