Von oben herab
1900 brannte der Südflügel des Linzer Schlosses ab. Nun wurde die seither bestehende Lücke gefüllt. Anlässlich des europäischen Kulturhauptstadt-Jahres hat sich Linz hier ein schönes Stück zeitgenössischen Museumsbaus geschenkt.
Das Linzer Schloss hat mit seiner tief im Mittelalter wurzelnden Geschichte manchen Umbau erlebt. Für die vorläufig letzte Baumaßnahme am Schlossberg hat die Erhebung von Linz zur Kulturhauptstadt Europas 2009 eine entscheidende Rolle gespielt. Immerhin hat man mit dem Entschluss zum Neubau des 1900 durch einen Brand zerstörten Südflügels eine seit dieser Katastrophe durch unterschiedlichste Stadtplanungsvisionen geisternde Idee aufgegriffen und verwirklicht. So ist aus der einstigen, im Lauf der Zeit als kaiserlicher Wohnsitz, Lazarett, Gefängnis, Kaserne und zuletzt als Museum adaptierten Burg „das größte Universalmuseum Österreichs an einem Ort“ geworden.Die Gewinner des im Vorfeld der Planungsvergabe europaweit ausgelobten Architekturwettbewerbes, HoG architektur aus Graz, haben ihrem in der Realisierung weitgehend durchgehaltenen Projekt den stärksten Wesenszug des Schlosses: seine Lage am steilen, unmittelbar neben und dennoch hoch über Stadt und Fluss aufsteigenden Hang zu Grunde gelegt. Eine für die ursprünglichen Errichter in ihrer von Bedrohungen geprägten Welt lebenswichtige Qualität des Ortes: die Fortsetzung des jäh aufragenden Felsens von mächtigen, kaum überwindbaren Mauern erzeugt heute, da der Tourismus alle Wege ebnet, das unschlagbare Verkaufselement der privilegierten Aussichtslage. HoG architektur haben allerdings eine Bresche in die teilweise freigelegten und, wo nötig, fachgerecht ergänzten mittelalterlichen Festungsmauern geschlagen, was die unkomplizierte Belieferung der neuen, in den Tiefen von Mauern und Berg ruhenden Museumswerkstätten gewährleistet. Ein unauffällig gehaltener, von einer Metall-Gitterstiege ergänzter Durchbruch daneben ermöglichst es überdies den vom Linzer Tummelplatz her kommenden Besucherinnen und Besuchern, das Museum im Bereich seines neuen Haupteinganges an der Südseite zu betreten, anstatt den Weg durch das alte Tor und den östlichen Hof des Schlosses zu nehmen.
Dessen der Stadt zugewandte Flanke war seit dem Abbrand des historischen Südflügels von einer Mauer geschlossen, deren Oberkante die Höhenlage der neuen Eingangsebene definiert hat. Hier hat man nun auf einer in unterschiedliche Bereiche zonierten Aussichtsplattform die Gelegenheit, etwas zu tun, was bis dato das – nicht ungefährliche – Erklimmen der Mauerkrone vorausgesetzt hätte: den Blick auf die Dächer der Stadt, die sich daraus erhebenden Türme und das von Industrieanlagen und den Hügeln des Mühlviertels gesäumte Donautal zu genießen. Damit ist der Grundgedanke, mit dem das Projekt die Wettbewerbsjury überzeugt hat, erklärt.
Auch das darauf bauende Konzept des neuen Südflügels ist denkbar einfach angelegt. Der Neubau hat drei Bereiche: den vom historischen Bestand geprägten Unterbau, die „neutrale“ Verteilerzone der Eingangsebene und das von zeitgenössischer Technik erzählende Obergeschoß.
Das Eingangsgeschoß ist folgerichtig transparent ausgebildet. Hier findet sich, von einem großzügigen überdeckten Freibereich flankiert, das Foyer, aus dem sich die Wege in das Museum verzweigen. Auch das Restaurant ist ebenso von hier wie von seiner breiten gedeckten Terrasse her zugänglich. An der östlichen Stirnseite des Südflügels gelegen und mit einer kleinen Ostterrasse ausgestattet, bietet es seinen Gästen einen sorgfältig den Bedürfnissen der Gastronomie angemessenen Raum, in dem angesichts seines mit Witterung und Tageszeit beständig wechselnden Hintergrundes auf den notorischen Ausstattungskitsch verzichtet wird.
Ein mit schräg gestellten Stützen in Erscheinung tretendes Stahltragwerk ruht auf der massiven Schlossmauer und stemmt das mit Streckmetall zum einfach lesbaren Körper zusammengefasste Obergeschoß. In diesem ist, über einen Erschließungskern auch außerhalb des eigentlichen Museumsbetriebes erreichbar, ein Saal mit noblen Proportionen untergebracht. Eine akustisch wirksame abgehängte Decke und ein Vorhang, über die gläserne, der davor liegenden Erschließungszone zugewandte Längswand gezogen, sorgen für die vielfältige Bespielbarkeit des Saales. Dessen südliche, ebenfalls gläsern aufgelöste Längsseite aber schaut auf die Stadt hinunter, wobei der Ausblick und – vor allen Dingen! – die Sonneneinstrahlung von der vorgesetzten Streckmetallfassade deutlich gedämpft werden. (…)
Photos Peter Eder, Paul Ott
Text Romana Ring







7-8/2010 Holz
6/2010 Education
5/2010 Tourismus
4/2010 Gebaute Landschaften
3/2010 Splendid Isolation #4
1-2/2010 Kultur
12/2009 Türkei
11/2009 Spirit & Space
10/2009 Movement
9/2009 Stahl & Alu
7-8/2009 Urban Housing
6/2009 Industrie
5/2009 The Social Agenda
4/2009 Engineering
3/2009 Splendid Isolation #3
1-2/2009 Shopping
12/2008 Tourism
11/2008 Hi-Rise
10/2008 Building Latino
9/2008 The Cultural Agenda
7-8/2008 Ökologie Technologie
6/2008 Sports
5/2008 Urbanism
4/2008 Working Environments
3/2008 Splendid Isolation #2