Aktuelle Ausgabe
7-8/2010

Die hohe Kunst des Zwischenraums

Der Bauherr war in einem Streckhof in Zellerndorf aufgewachsen. Dort planten ihm franz Architekten ein puristisches Haus, das dem additiven Prinzip des Streckhofs folgt. In edle, schwarze Boxen gepackt, legen sich die einzelnen Funktionen an einem langen, gläsernen Gang im Garten quer und bilden so intime Höfe zwischen den Räumen aus. Die ganze Familie baute mit.

Zellerndorf ist eine kleine Ortschaft im Weinviertel unweit der tschechischen Grenze. Hier haben die Eltern des Bauherren einen Streckhof, der aus mehreren Häusern mit steilen Dächern und schiefen Firsten zusammengewachsen ist. Er reicht vom Tor an der Straße bis zu Stadel und Schweinestall am Ende des Hofes, wo beide Söhne Kindheit und Jugend verbrachten. Robert Diem, ein Jahr älter, ging nach Wien und wurde Architekt. Sein Bruder Martin blieb daheim und wurde Polizist. Mit 28 beschloss er, sich auf einer Doppelparzelle sein eigenes Haus zu bauen. „Ich habe zehn Jahre gespart. Mein Bruder ist Architekt, da kam ein Fertigteilhaus nicht in Frage.“
Von Anfang an war klar, dass sehr viel in Eigenregie geschehen musste. „Im Weinviertel hat jeder seine Mischmaschine im Stadel. Man baut selber, deshalb sind die Wände ganz konventionell aus Hochlochziegeln gemauert“, so Architekt Robert Diem von franz. Dafür ist das Konzept avantgardistisch konsequent. „Wir sind im geschützten Freiraum des Streckhofs aufgewachsen. Es war ganz wesentlich, intime Außenbereiche zu schaffen. Jeder Raum sollte von Süden Licht und einen Bezug zum Garten haben.“ Also leben auf einer Ebene, raumprogrammatisch waren eine Garage für zwei Autos mit Werkstatt, eine Wohnküche mit einer Tafel für zwölf Personen, ein Schlaf – und zwei Kinderzimmer mit eigenem Bad gewünscht.
Diese Funktionen wurden in drei separate Boxen von 6,60 Meter mal 16,60 Meter aufgesplittet. Im Streckhof reihen sich Einfahrt, Stube, Zimmer und Stadel aneinander. Hier sind die quergestellten, leicht gegeneinander versetzten Raumeinheiten von Werkstatt/Garage, Wohnen/Arbeiten und Schlafen/Baden an einem gläsernen Gang aufgefädelt. Dieser 33 Meter lange Flur lässt zwischen ihnen hofartige Freibereiche entstehen, über die hinweg die Räume lose kommunizieren: Das Haus mit der schillernden Hülle aus gewelltem Polycarbonat formt sich seine Umgebung selbst.
„Mein Bruder ist gern im Weingarten. Dieser Flur ist so dimensioniert wie der Gang zwischen den Reben.“ Seine vorstehenden Enden bilden am Eingang einen gedeckten Vorplatz und auf der Rückseite des Gartens eine kontemplative Sitznische aus. Im Süden an der Straße wirkt die Box mit Garage und Werkstatt als funktionaler Schutzwall für die Intimsphäre der Räume am Garten. Obwohl das Haus hier keine Fenster hat, wirkt es nicht abweisend. Weit ragt das mit emailliertem, schwarzem Glas verbrämte Vordach über den rotbraunen Estrich, der wie ein Läufer durch alle Wohncontainer bis auf die Straße rollt. Der Wechsel von weißen Wänden und entgrenzendem Glas, durch das die Umgebung eindringt, gibt dem Gang einen lebendigen Rhythmus, der sich im Spiegel am Ende scheinbar unendlich fortsetzt. (…)
Photos Lisa Rastl
Text Isabella Marboe

7. September 2010