Aktuelle Ausgabe
7-8/2010

Metamorphose einer Baracke

Aus einer maroden Werkstatt im Hinterhof machten die Architekten FROETSCHER LICHTENWAGNER ein luftiges Gartendomizil. Die einzelnen Funktionen sind konsequent getrennt als Lärchenholzboxen auf die Bodenplatte gestellt, ihr Zwischenraum definiert die offene Wohnzone mit den hohen Glasschiebetüren. Schwellenlos geht ihr Estrich auf die Terrassen des Patio über: ein Zimmer im Freien.

Die Baufrau liebt den sechsten Wiener Gemeindebezirk, Himmel und Weite: ursprünglich träumte sie von einem Dachausbau. Dann stieß sie auf eine Werkstatt, die versteckt in einem Mariahilfer Hinterhof lag. Vor dem Kauf bat sie die Architekten FROETSCHER LICHTENWAGNER zum Lokalaugenschein, um zu sehen, ob sich daraus ein wohnliches Gartenhaus mit Garçonnière machen ließe. „Es war eine Baracke aus den 50er Jahren, die als Lager und Werkstatt gewidmet war und in einer gärtnerisch auszugestaltenden Fläche lag“, so FROETSCHER LICHTENWAGNER. Die Situation war introvertiert, schattig, aber idyllisch.
Umgeben von alten, bemoosten Mauern, steht der eingeschossige Holzbau im Hinterhof. Im Nordosten ragen die Baumkronen des benachbarten Krankenhausparks der Barmherzigen Schwestern über die Wand, im Südwesten zwackt eine Mauer der Werkstatt ihr Stück Hof ab. Das Grundstück wirkt wie ein Freiluftzimmer: dieses Thema bestimmt den Um- und Neubau, der den Garten zum Zimmer und die Zimmer zu Möbeln des Hauses macht.
Der Bestand war ein schwerer Sanierungsfall, musste aber erhalten bleiben. Er wurde geräumt, sein Fundament unterfangen und mit einer neuen Bodenplatte versehen. Die Metamorphose stand unter einem guten Stern: bei den Barmherzigen Schwestern gab es eine Baustelle, Stück für Stück wurde die Baracke vom dortigen Kran abgetragen und durch eine neue Hülle ersetzt. Vorgefertigte Sandwichpaneele schwebten über die Grundgrenze und formierten sich auf der Bodenplatte zu den Boxen von Garçonnière, Küche, Schlaf- und Nebenräumen. Ihre Wände haben hinterlüftete Fassaden mit vertikalen Lärchenlatten, die sich von außen nach innen ziehen. Präzise definiert ihr Zwischenraum den verglasten Wohnbereich, der zum Freiraum durchlässig ist. Unter dem extensiv begrünten Pultdach entfaltet sich nun loftartige Weite im Niedrigenergiestandard.
„Der Garten sollte ein Teil des Wohnraums werden“, so FROETSCHER LICHTENWAGNER. „Das Grundstück ist im Prinzip ein großes Zimmer, in das wir wie Möbel die Räume gestellt haben.“ Um seine Intimität zu betonen, wurde die Mauer zum Hof geschlossen: zwischen zwei Kirschbäumen führt ein Durchgang in den ruhigen Patio mit der alten Kastanie und dem smarten Holzbau. Er wurde als „Das beste Haus 2009“ in Wien ausgezeichnet. (…)
Photos Stephan Huger, FROETSCHER LICHTENWAGNER
Text Isabella Marboe

7. September 2010