Franziska Leeb: Heiliger Hanappi, unheilige Allianzen

Franziska Leeb

Franziska Leeb

Schwer zu sagen, ob es Zufall oder Kalkül war, die Neubaupläne für das Rapid-Stadion just kurz vor der Eröffnung der Fußball WM anzukündigen und dank Fußballfieber auf eine im Delirium befindliche Bevölkerung zu hoffen. Jedenfalls wird das 1977 eröffnete Gerhard-Hanappi-Stadion, benannt nach seinem Architekten und legendären Kapitän der Grün-Weißen ersetzt. Einfach einen Spielerveteranen mit dem Neubau zu beauftragen, nein, so leicht hat man es sich dieses Mal nicht gemacht. Die am 10. Mai präsentierten Visualisierungen der künftig „Allianz-Stadion“ genannten Heimstatt der Hütteldorfer Kicker sind immerhin Ergebnis eines Totalunternehmerverfahrens, das die STRABAG mit dem auf Multifunktionshallen und Sportarenen spezialisierten Büro „Architektur Concept Pfaffhausen + Staudte GbR“ für sich entscheiden konnte.

„Rapid, Rapid, wir san a Einheit, Rapid, Rapid, wir hoidn z'samm!“ heißt es im Rapid-Lied und so einig wie über den Stadion-Neubau waren sich Vorstand und Fans schon lange nicht. Im Hütteldorfer Westwind soll bald nicht nur die grüne Fahne weh‘n, sondern das ganze Stadion in grün gewandet wie ein feister grüner Frosch in der Ästhetik einer aufgeblasenen Supermarktarchitektur unübersehbar von den Heldentaten des Rekordmeisters künden.

Rechtlich ist offenbar an der Entwurfsfindung nichts auszusetzen. Ein privater Fußballverein baut sich auf einem Grundstück, das sich im Besitz der Stadt, genauer des Sportamtes, befindet im Baurecht ein neues Stadion. Von den kolportierten 53 Mio. Euro Bausumme werden nur rund 20 Mio. aus öffentlichen Geldern finanziert. Also eh alles in Ordnung, betätigt auch der Direktor der Architektenkammer im „Standard“. Oder dürfte man bei einem Gebäude dieser Größenordnung, dieser Medienpräsenz und vor allem mit einem Gebäude von überdurchschnittlich (negativen) Auswirkungen zu Zeiten seiner Nutzung auf die Nachbarschaft ein transparenteres Verfahren erhoffen, das im Idealfall sogar noch gute Architektur hervorbringen kann.  

Besonders transparente Vergabeverfahren sind im österreichischen Stadionbau bekanntlich nicht Tradition. Die Ergebnisse waren allerdings meist besser, als es die medial verbreiteten Schaubilder und Videos vom künftigen Rapid-Stadion erwarten lassen. Das Praterstadion fand anno dazumal sogar höchstes Lob in der internationalen Architekturkritik, wie der höchst lesenswerten und interessanten Dissertation von Bernhard Hachleitner zu entnehmen ist (Bernhard Hachleitner: Das Wiener Praterstadion-Ernst-Happel-Stadion Bedeutungen, Politik, Architektur und urbanistische Relevanz, Wien 2011,  ISBN: 978-3-85493-193-5). „Die Aufgabe ist so einfach und konsequent gelöst, daß man ohne weiteres dieses Stadion als klassisch bezeichnen kann.“ befand zum Beispiel Julius Posener.

Ganz transparent ging die Projektfindung im Jahr 1928 allerdings auch nicht vonstatten. Wiewohl unter anderem die Zentralvereinigung der Architekten kritisierte, dass kein offener Wettbewerb ausgeschrieben wird, blieb die Stadt Wien dabei, nur vier Architekten zu laden. Zwei österreichische, die Wagner-Schüler Hoppe/Schönthal und Hubert Gessner sowie aus Deutschland Otto Ernst Schweizer und Max Bromme/Ernst Balser, die bereits Stadion-Erfahrung vorweisen konnten. Es siegte das funktionalistische Konzept von Schweizer, der zuvor bereits das Nürnberger Stadion plante, obwohl er sich über die Vorgaben der Wettbewerbsausschreibung hinwegsetzte und das vorgesehene Areal als ungeeignet bezeichnete. Im Vorfeld des Wettbewerbs und danach gab es heftige öffentliche Kontroversen, wohl auch Mauscheleien. Aber das Resultat war immerhin ein sehr gutes, sogar von der anfangs extrem dagegen schreibenden Lokalpresse anerkanntes, Stadion. Und heute, im angeblichen Zeitalter der Transparenz ist ein Stadionbau wohl nur ein Geschäft unter Privaten, das man so hinnehmen muss? „Wer's net versteht, der tuat ma laad!“ heißt es sinniger Weise im Rapid-Schlachtgesang.