Otto Kapfinger - Zum Film „Häuser für Menschen. Humaner Wohnbau in Österreich“ von Reinhard Seiss

Otto Kapfinger (c) Thomas Raggam

Otto Kapfinger (c) Thomas Raggam

Ich habe die schöne, schwierige Aufgabe, eine kurze Einleitung zum Film von Reinhard Seiss „Häuser für Menschen. Humaner Wohnbau in Österreich“ zu geben. Wenn man in Wien in der Bau- und Planungsszene etwas kritisiert, ist die Reaktion der Betroffenen oft nicht: Worum geht es? Was wird gesagt? sondern: Wer steckt dahinter? Welche Lobby will da etwas?  Desgleichen: Wenn man in Wien etwas Einschlägiges lobt, kommt zumeist zuerst die Frage: Wer steckt dahinter? Welche Lobby will da was lancieren?

Reinhard Seiss hat sich als Kritiker der Wiener Stadt-, Wirtschafts- und Planungspolitik in diesem Sinne exponiert und profiliert. In der Architekturszene ist er als Raumplaner sowieso ein Außenseiter.

Insofern konnten die Klischeereflexe auf sein formidables Buch „Wer baut Wien“ nicht greifen. Die Wiener Zeitung schrieb darüber 2007: „Er kritisiert die Rathaus-Mächtigen nicht aus dem Kalkül einer anderen politischen Gesinnung heraus (seine Gegner sollten sich vor dieser Polemik hüten!), sondern weil sich die Sozialdemokratie von ihren hehren Zielen im Städtebau weit entfernt hat .... und sich bei allen Großprojekten nicht auf die Seite der Bürger stellt, sondern den potenten Investoren die Leiter baut.“

Das Buch hat nun die 4. Auflage, über 6000 Stück wurden verkauft. Das ist laut Verlagsauskunft die zehnfache Nachfrage, die sonst Architekturbücher bei uns erreichen.

Ein anderer üblicher Reflex auf Kritik ist der: Schön und gut, aber ihr habt ja keine Alternativen anzubieten! Von daher wäre Kritik also a priori bloß destruktiv.

Seiss hat mit diesem Film den Spieß nun umgedreht. Er zeigt am Beispiel von vier Wohnanlagen, wie es anders, besser gehen kann. Er sieht Sozialen Wohnbau als das Rückgrat eines sozialen, ökonomisch/ökologischen Städtebaus, - wo es darum ginge, nicht bloß minimierte Nutzflächenquadratmeter zu bieten, sondern lebenswerte Räume, lebenswerte Milieus zu schaffen.

Was darunter zu verstehen ist, führt der Film an vier sehr verschiedenartigen, doch in dieser Qualität erstaunlich konformen Beispielen uns vor Augen und Ohren: akkurat recherchiert, präzise und empathisch aufbereitet.

Seiss kommt von der Raumplanung. Er sieht – ganz wichtig – die heutigen Probleme unseres ökologischen Fußabdrucks umfassender, grundlegender. Die Richtung seiner Kritik wie auch seiner Botschaft steht deshalb quer zu den gängigen Therapieversuchen. Nicht die technische oder die formal-gestalterische Aufrüstung von Objekten ist es, was primär not tut. Handlungsbedarf ist vielmehr bei Konzepten, die den nach wie vor steigenden Individual- und Pendelverkehr eindämmen, die den nach wie vor steigenden Ressourcenraubbau durch weitere Zersiedelung und weitere Infrastrukturkosten stoppen, bei Konzepten also, die Grund und Boden intelligenter, schonender, komplexer, räumlich vielfältiger, funktional kompletter nutzen als bisher!

Der Film ist über zwei Stunden lang. Er widmet jeder der Anlagen rund 25 Minuten, bringt die unterschiedlichen Entstehungsgeschichten, spricht auch die anfänglichen Probleme und Kritiken an, präsentiert authentische Interviews mit PlanerInnen, BenutzerInnen, versucht auch die optische Sprache des Films für die Vermittlung von Raummilieus und Raumqualitäten zu nützen, bietet vielleicht da und dort ungewohnt lange Einstellungen und „Wiederholungen“, die aber immer inhaltlich gut angesetzt und komponiert sind, fällt damit natürlich aus der heute gängigen, immer hektischer werdenden Schnittdramatik von Actionfilmen, Werbespots und Videoclips heraus.

Architektur, Stadtraum, Wohnmilieus in der täglichen Benutzung, im Zyklus der Wochen- und Jahreszeiten haben mit diesen avancierten speziellen Filmtechniken eben fast nichts gemein. Die Raumerfahrung an Ort und Stelle ist das genuine Medium der Architektur, und ist durch kein anderes Medium zu ersetzen. Viel zu selten gelingt es in Filmen, dieses Erleben, diese Qualität dem anderen Medium gemäß „rüberzubringen“, viel zu selten nehmen Architekturdokumentationen in unseren Massenmedien Maß an solchen wichtigen, schönen Beispielen. Seiss´ Film ist wieder ein Versuch in der Richtung, im Rahmen der verfügbaren engen Mittel. Er beginnt – und endet – in einem schon fast historischen, vor gut vier Jahrzehnten gebauten Kinosaal einer der Wohnanlagen, und er endet dort mit einem kristallklaren Statement, das diese ganze Sache in zwei Sätzen auf den Punkt bringt.

Ich wünsche dem Film viel Erfolg, nicht zuletzt als Lehrbehelf und populärer, kompakter Einstieg, um dieses essentielle Thema so breit wie möglich ins Bewusstsein und so rasch wie möglich in der richtigen Form weiterzubringen.

 

Otto Kapfinger ist Publizist, Forscher und Architekturkritiker. Lebt und arbeitet in Wien.