architektur.aktuell 01/02/2000

architektur.aktuell 01/02/2000

architektur.aktuell

Von|by Wolf D. Prix
Für eine Zukunft der Architektur|In Favour of a Future for Architecture

Wenn sich die Architektur so weiter entwickelt wie bisher, dann wird der Architekt in wenigen Jahrzehnten verschwunden sein. Anstatt selbst Entscheidungen zu treffen, wird er die Entscheidungen anderer ausführen. Anstatt seine Vorstellungen im direkten Kontakt mit dem Bauherrn umzusetzen, droht er in die dritte Reihe hinter Facility Manager und Generalunternehmer relegiert zu werden. Entsprechend wird erst gefragt werden, wenn alle wichtigen Rahmendaten schon festgelegt sind. Seine Aufgabe wird nicht mehr in der Gestaltung von Gebäudeformen und Raumsequenzen liegen, sondern in der atmosphärischen Ausgestaltung einer Architektur, die schon tot ist, bevor sie aus ihren Schubladen gezogen wird. Mit einem Wort: Die Zukunft gehört dem Architekten als Stimmungsdesigner.


Globale Aktivität – Lokale Repräsentation|Global Activity – Local Representation

Sadar & Vuga: Bürohaus der Kammer für Handel und Industrie in Ljubljana, Slowenien|The Chamber of Commerce Building in Ljubljana, Slovenia

Von|by Andrej Hrausky
Eine neue Generation

In Slowenien und den meisten post-sozialistischen Ländern Europas haben wir es mit einen neuen Phänomen zu tun. Junge Architekten entwerfen auf hohem architektonischen Niveau und gewinnen zahlreiche Wettbewerbe gegen ihre älteren, etablierten Kollegen. Wie ist es möglich, dass ein solcher Qualitätssprung bei der jungen Generation und nicht, wie sonst üblich, erst nach jahrelanger Berufserfahrung entsteht? Vor einigen Jahren waren wir Zeugen des Falls der Zwei-Welten-Idee – Ost und West, die sich gegenseitig ignorieren. In der Architektur fand diese Wende – ebenso wie in einigen anderen Gebieten – jedoch nicht wirklich statt. Trotzdem versuchte die Architekturproduktion des Ostens mit großem Bemühen, ihren westlichen Vorbildern zu folgen.


Sauerbruch & Hutton: GSW-Hauptverwaltung in Berlin-Kreuzberg, Deutschland|GSW Main Administration Building in Berlin-Kreuzberg, Germany

Von|by Claus Käpplinger
Eine ungeheure Leichtigkeit des Seins

Eine neue Leidenschaft hat die Berliner erfasst. Kaum mehr ein Tag vergeht, ohne dass sich eines der Hauptstadtblätter mit der attraktiven Ansicht eines Hochhauses schmückt. Was gestern noch für Berlin ausgeschlossen galt, ja sogar ob seiner vermeintlichen stadtzerstörerischen Wirkung gegeisselt wurde, entfaltet nun eine Faszination, der sich kaum jemand mehr zu entziehen vermag. Nahezu unberührt von der Berliner Doktrin vom Block, von den immergleichen 22 Metern Traufhöhe, ist eine neue Generation von Hochhäusern entstanden, die nach Beachtung verlangt.


Morphosis/Thom Mayne: Das Hypo Alpe-Adria-Zentrum in Klagenfurt, Kärnten|The Hypo Alpe-Adria-Centre in Klagenfurt, Carinthia, Austria

Von|by Margit Ulama
Eine avancierte Gebäude-Landschaft

 

Die Hypo-Bank Kärntens verfolgte in den letzten Jahren eine sowohl expansive als auch innovative Strategie im Management. Deutlich sichtbares Zeichen dafür ist der im September offiziell eröffnete Neubau, das Hypo Alpe-Adria-Zentrum von Morphosis an einer Ausfallsstraße von Klagenfurt. Das Engagement der Bank ermöglichte die Realisierung eines ungewöhnlichen Baus, der sogleich zum erfolgreichen Werbeträger avancierte. An der Völkermarkter Straße, in einer vorstädtischen Situation, bemerkt man nun schon von weitem ein dekonstruktivistisch anmutendes Gebilde, das ein deutliches Zeichen in Richtung Innenstadt setzt.


Von|by Otto Kapfinger
Architektur ist unsichtbar (nach einem Motto von Hans A. Vetter und Heidulf Gerngross)

Die Postmoderne als Gesellschaftsform hat uns einen Zustand ideologischer Ambivalenz und Indifferenz beschert. Andersherum gesagt: spätestens seit dem Bankrott des Real-Sozialismus ist offenbar alles relativ geworden. Da versuchen jetzt die alten “Linken” krampfhaft, die besseren Manager zu sein, und da outet einer unserer besten Essayisten den neuen Kärntner Landeshauptmann als “neuen Linken”. Auf der Ebene der Objektqualität wieder wurde feuilletonistisch alles genießbar, was sich allein durch spektakulären Aufmerksamkeitswert und Quotenträchtigkeit rechtfertigt. Auf der Ebene der Planung sind die letzten Imaginationen öffentlich legitimierter Kompetenz gefallen: die lokalen Organe fungieren heute als zumeist überforderte “trouble-shooter” zwischen Investorendiktat und populistisch manipulierten Bürgerinteressen.


Essay

Europa begegnet Amerika: Chicago um die Jahrhundertwende|Chicago at the Turn of the 20th Century

Von|by Michael Shamiyeh

Der internationale Prozess der industriellen Modernisierung schlug – verstärkt durch die Verbesserung der Transport- und Kommunikationsmittel – am Beginn des 20. Jahrhunderts eine Brücke zwischen den zwei in ihren soziookönomischen und politischen Bedingungen so grundlegend verschiedenen “Welten” Amerikas und Europas. Als Folge entstand eine architektonisch-städtebauliche Schizophrenie, die in der amerikanischen und europäischen Forderung des metaphorischen Ausdrucks einer (in Amerika nicht existierenden) kollektiven Einheit des architektonischen und urbanistischen Plans wurzelte.


Regionale Organisation – Lokale Versorgung|Regional Organisation – Local Supply Infrastructure

Rainer Köberl & Astrid Tschapeller: Jugendnotschlafstelle “Chill Out” in Innsbruck, Tirol|The Chill Out emergency overnight acommodation centre for yo

Von|by Otto Kapfinger
Komfort des Ungezwungenen

Der Bedarf ist spezifisch und beachtlich. Eine vom Verein DOWAS 1996 durchgeführte Feldforschung ergab, dass in Innsbruck rund 200 Jugendliche zumindest einmal jährlich ohne Wohnmöglichkeit sind. Für sie bietet das “Chill Out” eine zentral gelegene Notschlafmöglichkeit mit integrierter Servicestelle für weiterführende Betreuung. Das soziale Engagement, von privater Initiative mit öffentlicher Unterstützung geleistet, und die dazu geschaffenen Räume ergänzen einander nahtlos. Eine deklassierte Schicht von Jugendlichen erhielt hier eine Auffang- und Durchgangsstation mit “street credibility”. Köberl/Tschapeller gelang mit low budget/low tech die präzise, sensible Transformation eines Altbaus.


Essay

Die Heimat der Nomaden: “Konbini” – die Kühlschränke Tokios|Home of the Nomads: Konbinis – Tokyo’s Refrigerators

Von|by Christiana Hageneder

Sie kennen den Unterschied zwischen Wohnzimmer und Küche? Ja – im Wohnzimmer ist es schön und gemütlich, es herrscht gediegene Atmosphäre. Die Küche ist meist etwas “angeräumt” und eng. Ins Wohnzimmer werden die Gäste geführt, man kann es sich dort gemütlich machen. Als der eigentliche Umschlagplatz erweist sich aber die Küche. Es soll praktisch zugehen, Funktionalität beherrscht den Raum, der oft sehr knapp bemessen ist. Um totales Chaos zu vermeiden, haben sich bestimmte ungeschriebene Gesetze etabliert, die – anders als im Wohnzimmer – von allen Mitbewohnern eine gewisse Disziplin erfordern. Alles ist ausgerichtet auf reibungsloses Funktionieren, und die Bewegungslinien, die man als Benutzer zeichnet, sind dichter und komplexer als im Wohnzimmer.


Artec: Umbau Kreuz Apotheke in Peuerbach, Oberösterreich|Redesign of the Kreuz Pharmacy in Peuerbach, Upper Austria

Von|by Gabriele Kaiser
Kleidsamer Marmor

Die Kreuz Apotheke ist im Erdgeschoß eines in den achtziger Jahren an der Hauptstraße von Peuerbach errichteten Hauses untergebracht, das sich ins neobiedermeierliche Ensemble des Ortskerns fügt. Die eingemieteten Apotheker, ein vor etwa 15 Jahren zugezogenes Ehepaar, wollten die aus Platzgründen und atmosphärischen Defiziten erforderliche Umgestaltung ihres Arbeitsplatzes keinesfalls einer einschlägigen Ausstatterfirma überlassen und baten Artec (jene Architekten, die Jahre zuvor bereits ihr Wohnhaus in Peuerbach geplant hatten) um einen Entwurf. Die völlige Neugestaltung von Verkaufsraum, Rezeptur und Materiallager erfolgte bei laufendem Betrieb; es wurden neue Regalflächen zur Warenaufstellung geschaffen, die Verkaufsfläche vergrößert, die Lichtsituation verbessert und die funktionalen Abläufe optimiert.


Universeller Inhalt – Lokale Verankerung|Universal Content – Local Basis
UN studio: Museum Het Valkhof in Nijmegen, Niederlande|Het Valkhof Museum in Nijmegen, The Netherlands

Von|by Bart Lootsma
Lasagne statt Falten

Van Berkel und Bos beschreiben das Museum der Gegenwart als einen hybriden Raum, der sowohl Supermarkt als auch Tempel und Stätte der sozialen Begegnung ist. Dazu lässt sich einiges sagen. Im Zusammenhang mit der Wettbewerbsausschreibung für das MOMA in New York stellte Rem Koolhaas einmal fest, dass die bedeutendste Veränderung, die das Museum während des letzten Jahrzehnts erfuhr, die Ausdehnung jener Fläche ist, die Museumshop und Restaurant vorbehalten bleibt. Museen sind in zunehmendem Maße von eigenen Einkünften abhängig. Im Falle des Museums “Het Valkhof” in Nijmegen, das kürzlich von UN studio realisiert wurde, gibt es noch einen Grund, auf diesen “hybriden” Charakter hinzuweisen. Dieser Grund liegt in der geradezu programmatisch vagen Formulierung des Bauauftrages.


Heinz Tesar: Kunstsammlung Essl in Klosterneuburg, Niederösterreich|The Essl Art Collection in Klosterneuburg, Lower Austria

Von|by Matthias Boeckl
Substanz-Architektur

Karlheinz Essl hat – als erster und bislang einziger Unternehmer in Österreich – demonstriert, wie ein ambitionierter Bauherr die künstlerischen Potenziale eines Landes im großen Stil zur Wirkung bringt. Das gilt sowohl für seine Kunstsammlung, die umfangreichste Dokumentation von Kunst aus Österreich nach 1945 (neuerdings ergänzt durch internationale Beispiele), als auch für ihr neues Gehäuse, dessen vielfältige Raumfiguren von Heinz Tesar entworfen wurden. In kurzer Zeit erreichte dieses kulturelle Gesamt- und Lebensprojekt, das nicht zuletzt auch die involvierten Persönlichkeiten und Mentalitäten aufschlussreich darstellt, das Niveau der in viel längeren Zeiträumen gewachsenen großen europäischen und amerikanischen Privatmuseen – und zwar sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht.


Álvaro Siza: Fondacao Serralves: Museu de Arte Contemporanea in Porto, Portugal| Fondacao Serralves: Museu de Arte Contemporanea in Porto, Portugal

Von|by Paul Naredi-Rainer
Wege, Licht und Linien

Mit dem Museum für zeitgenössische Kunst in der großzügigen Parkanlage der Stiftung Serralves in Porto hat der dort beheimatete Álvaro Siza ein zwar weit weniger spektakuläres, aber durchaus nicht minder gewichtiges Äquivalent zu Frank O. Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao geschaffen. “Museum” als eine der heute wohl prominentesten Bauaufgaben wird bei Siza, der sich damit schon einige Jahre zuvor in Santiago de Compostela auseinandergesetzt hat, zur Bewältigung nicht nur gewaltiger, diskret in die Parklandschaft gefügter Raumvolumina, sondern vor allem auch zu einem facettenreichen Spiel mit dem Licht und einer virtuosen Demonstration effizienter, manchmal auch effektvoller Wegführung.

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