architektur.aktuell 01/02/2001

architektur.aktuell 01/02/2001

Living Experiences

Kritik des zeitgenössischen Wohnbaus|Criticism of Contemporary Housing

Von|by Alberto T. Estevez

Deutlich führt uns das Bild auch vor Augen, wie sich die Automobilindustrie im Vergleich zur Wohnbautechnik entwickelt hat: Im Wohnbau arbeitet man zu 95 Prozent noch mit den gleichen handwerklichen Methoden wie seit Jahrtausenden. Man kann nicht behaupten, dass seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute eine Serienproduktion und ein beschleunigtes Bauen überhaupt einen Anfang genommen hätten. Das Ergebnis einschlägiger Bemühungen war und ist – im positiven Fall – stets das Gleiche: der Erfolg vor der Fachkritik, repräsentiert durch Zeitschriften und Architekturschulen, jedoch wenig Durchsetzung im tatsächlichen aktuellen Baugeschehen.


Hermann & Valentiny: Stadtteilzentrum in Halle-Neustadt, Deutschland & Wohnbau in Wien|Urban District Centre in Halle-Neustadt, Germany & Residential Building in Vienna, Austria

Von|by Andrea Nussbaum
Im Bauch der Architektur, oder: Wie ein Architekturbüro lernte, die Farbe zu lieben

Ein gestrandeter Dampfer, ein auf Grund gelaufener Schiffsrumpf, ein urzeitliches Fossil, das sind nur einige der Bilder, die einem durch den Kopf schwirren und die Neugierde auf die tatsächliche Funktion eines mit dunkelviolettem Klinker verkleideten, langgestreckten Gebäudes erwecken. Umso nüchterner die Antwort: ein Einkaufszentrum, aber eines mit urbanistischen Absichten und sozialen Funktionen. Hinter dieser Beschreibung verbirgt sich ein Bau, der dem Umfeld von Halle-Neustadt – einer der größten Plattenbausiedlungen Deutschlands – eine neue städtebauliche Dimension zu geben versucht, die dieser Ort in den letzten Jahrzehnten schmerzlich vermisste. Was aus der Distanz noch geheimnisvoll-monolithisch wirkt, beginnt sich beim Näherkommen aufzulockern: Streckmetall als Werbefläche, Einschnitte in der Fassade. Auch die Parkdecks und die komplexe Dachlandschaft offenbaren den wiederholten Einsatz von Streckmetall, diesmal als Membran-Fassade und für Pergolen. Atmosphärische Leichtigkeit macht sich breit, nicht zuletzt auch durch den melonengelben Putz für die Dacheinschnitte. Im Bauch des Rumpfes: gelbe Terrakotta-Fliesen, rote Wände und grünes Glas. Hermann & Valentiny haben ein Faible für vitale Farben und wissen damit charmant umzugehen, was sie jüngst auch bei einem Wohnbau am Stadtrand von Wien unter Beweis gestellt haben.


Hillebrandt + Schulz: Studentenwohnungen in Halle an der Saale, Deutschland|Student Apartments in Halle an der Saale, Germany

Von|by Andrea Nussbaum
Jung, Single, Student sucht Mitbewohner

Studenten sollen studieren, sie müssen aber auch wohnen. Das Ergebnis sind gewöhnlich Studentenheime, die sich lediglich am Praktischen und Billigen in rudimentärster Form orientieren. Wer dazu gezwungen ist, sie zu bewohnen, den erwartet im Durchschnitt “kasernenähnliche” Einquartierung, Wohnfrust inklusive. Denn schnell wird die nicht freiwillig gewählte Nähe zur bedrückenden Last. Nicht jedes Wohnexperiment im Studenten-Alltag muss jedoch in Frustration enden. Eine erfreuliche Alternative dazu sind die Studentenwohnungen von Hillebrandt + Schulz. Das von ihnen inszenierte “Wohnerlebnis” im WG-Prinzip zeugt von einer erfrischenden Unbeschwertheit, obwohl es sich in einem Teil Deutschlands befindet, wo man solche Gefühle bestimmt nicht vermutet hätte. Den Studentenwohnungen in Halle an der Saale, dieser historischen mitteldeutschen Universitätsstadt mit 14.000 Kommilitonen und einer 500 Jahre langen Tradition als Bildungsort sieht man die Funktion kaum an. Die Sorge der Stadtväter um die Wohnqualität ihrer Studenten war allerdings im Vergleich mit den anderen Bauvorhaben zur schrittweisen Erneuerung der Universität nur eine relativ kleine: Der Neubau des Juridicums mit der wohl elegantesten Universitätsbibliothek Deutschlands wurde bereits 1998 fertiggestellt. Gerade im Bau befindet sich das Audimax, eine städtebaulich präzis durchdachte Intervention.


Hubert Riess: Holzwohnbau in Trofaiach, Steiermark|Timber Construction Housing Development in Trofaiach, Austria

Von|by Nikolaus Hellmayr
Skandinavien, Bayern, Steiermark…

Die Wohnbauten von Hubert Riess aus den 1990er Jahren und seine Bemühungen um den Holzsystembau in dieser Zeit sind nicht isoliert, sondern als Einzelergebnisse eines Entwicklungsprozesses anzusehen. Ausgehend von ersten, gescheiterten Versuchen in den 1980er Jahren, Holz als Systembaustoff im Wohnbau in der Steiermark einzuführen, über eine Reihe von Modellbauten in Holz, die der Grazer Architekt in der ersten Hälfte der 1990er Jahre in Bayern planen und realisieren konnte, bis zu den Impuls gebenden Projekten Judenburg und Trofaiach verfolgte Riess die grundsätzliche Intention, den Wohnbau als Alltagsdisziplin der Architektur ernst zu nehmen und ihn unter den Prämissen des kostenorientierten genossenschaftlichen Bauens dennoch mit baukünstlerischem Anspruch zu praktizieren. Riess gibt sowohl mit seinen Bauten als auch auf der Ebene seiner planerischen Ethik eine Antwort auf den experimentellen Wohnbau des “Modells Steiermark” der 1980er Jahre, welcher wohl im richtigen Reflex auf die Tristesse des Wohnbaus der Jahrzehnte zuvor eine Reihe interessanter Prototypen hervorbrachte, auf deren serien- und alltagstaugliche Weiterentwicklung aber weitgehend verzichtete.


Coop Himmelb(l)au: Wohnbau “Remise” in Wien|The Remise Residential Building in Vienna, Austria

Von|by Matthias Boeckl
Bewegung im Block

Nach dem “Turm” folgt nun der aufgesprengte “Block” – und schon bald wird mit dem “Schild” vor dem “Zylinder” des Wiener Gasometers hier ein dritter Versuch der neuerdings auch in Mexiko bauenden Coop Himmelb(l)au vollendet, den neuen Lebenskonzepten einer neuen urbanen Generation die entsprechenden (wohn)baulichen Plattformen zu bieten. Den “Marsch durch die Institutionen” haben die Rolling Stones der österreichischen Architekturszene erst spät, dafür aber in rekordverdächtigem Tempo absolviert: Waren sie bis vor zehn Jahren noch mit Szene-Kleinbauten wie Bars, Restaurants, Bühnenbilder, Ausstellungen, Dachbodenausbauten und – vor allem – unausgeführten Visionen neuer, “offener” urbaner Lebensräume beschäftigt, so stehen jetzt nicht nur ihre Position als internationale Stars, sondern realiter auch drei in nur sieben Jahren realisierte große Wohnbauten zur Überprüfung der gebauten Gestalt dieser Visionen an. Vielversprechend ist Wolf D. Prix’ und Helmut Swiczinskys Engagement, als ehemals radikalste Gruppe der Wiener Achtundsechziger (“Unsere Architektur ist dort zu finden, wo die Gedanken schneller sind als die Hände, um sie zu begreifen”) just das Gebiet des hochgradig regulierten kollektiven Wohnbaus als Prüfstein ihrer dynamischen und expressiven Lebensreformkonzepte zu wählen.


Addressing Sensations in Architecture

Von|by Marco De Michelis
Oder: Fragen der Emotion in der Architektur

Im Jahre 1997 bekannte der Schweizer Architekt Jacques Herzog in einem in El Croquis erschienenen Interview mit Jeffrey Kipnis ganz offen: “Wir glauben, dass Architektur mehr mit dem wahren Leben verschmelzen sollte, dass das Künstliche und das Natürliche sich mischen sollten, das Mechanische und das Biologische. Wir sind sehr viel mehr an einem direkten physischen und emotionalen Eindruck interessiert, wie etwa an dem Klang von Musik oder dem Duft einer Blume. Wir suchen bei unseren Gebäuden nicht nach einer Bedeutung. Ein Gebäude kann nicht wie ein Buch gelesen werden. Wir wollen viel eher ein Gebäude schaffen, das Empfindungen hervorrufen kann, anstatt die eine oder andere Idee zu repräsentieren. Unsere Bilder sind nicht narrativ.”
Luisa Hutton und Matthias Sauerbruch, die beiden Architekten des bunten GSW-Hochhauses in Berlin, haben so etwas wie eine Analogie zwischen Landschaftsgarten und zeitgenössischer Innenstadt konzipiert.


Antonio Besso Marcheis: Wohnbau in Rivarolo Canavese, Italien|Housing Development in Rivarolo Canavese, Italy

Von|by Andrea Guarneri
Bauen statt reden

Ein unkonventioneller genossenschaftlicher Wohnbau in der italienischen Provinz Turin belegt, dass Qualitätswohnungen auch abseits des Mainstream realisierbar sind. Er liegt am Rande des historischen Bebauungsgebiets von Rivarolo, einer Gemeinde mit 12.000 Einwohnern. Auf der Liegenschaft befand sich ursprünglich ein Bauernhof, um den herum sich die Verbauung, vor allem entlang den Straßen, im Laufe der Jahrzehnte verdichtet hat, aber hie und da noch Freiräume aufweist. Nordseitig führt eine enge Straße an der Liegenschaft vorbei, die von zwei Häuserwänden gesäumt ist; eines der Häuser, errichtet im späten 19. Jahrhundert, liegt am Grundstück. Bauherr der Anlage sind zwei Wohnbaugenossenschaften. Diese Träger weisen ihren Mitgliedern Wohnungen zu und können nach italienischem Gesetz nicht nur Antrag auf Zuteilung bebaubarer Flächen von Seiten der Gemeinden stellen, sondern auch um regionale Förderungsgelder ansuchen. Bemerkenswert dabei ist, dass die Region Piemont mit diesem Projekt zum ersten Mal derartige Maßnahmen in innerörtlichen Lagen finanziert, waren Fördergelder doch bisher üblicherweise an Neubesiedlungen von Peripherien gebunden; außerdem hat das Projekt von Antonio Besso die höchste Rangordnung laut Finanzierungsskala erreicht.


Ceska Priesner: Wohnanlage Siegesplatz in Wien|Siegesplatz Housing Development in Vienna, Austria

Von|by Matthias Boeckl
Suburbia – was ist das?

Städtebauliche Überlegungen und die Praxis des Wohnbaus teilen gerade in suburbanen Bezirken ein Problem: Jenes des angemessenen Umgangs mit vorgefundenen Maßstäben, Proportionen und Strukturen. In Zeiten knapper werdender Grundressourcen zeigen Beispiele wie jenes von Antonio Besso oder die Wohnanlage Siegesplatz vom Wiener Architektenduo Ceska Priesner, dass teilbebaute Grundstücke in alten Ortskernen oder schmale Restflächen und Parzellenstreifen die räumlichen Qualitäten ebendieser Dorfcharaktere aufgreifen und weiterentwickeln können. Am Siegesplatz in Wien-Aspern – einst Schauplatz einer historischen Schlacht der napoleonischen gegen die österreichischen Armeen – wurde das Grundstück für eine Verdichtung des alten Straßendorfes genutzt. Entlang dem “Dorfplatz” des alten Vororts, der eigentlich eine breite Ausfallsstraße Wiens Richtung Nordosten ist, setzt ein dreigeschoßiger Trakt die alte Struktur fort, während dahinter Flachbautypen mit je einer Wohneinheit situiert wurden. Den Abschluss bildet ein zweiter Straßentrakt an der Rückseite der Anlage, der wieder dreigeschoßig ausgeführt ist. Für weniger dichte Stadtgebiete scheint diese Typologie, insbesondere bei anspruchsvoller Interpretation ihrer innenräumlichen Qualitäten, durchaus Zukunft zu haben. Und mit ihrem Masterplan für das Umfeld der demnächst hier zu errichtenden U-Bahn-Endstation liefern Ceska Priesner einen weiteren Strukturvorschlag für ein sinnvolles, weil einigermaßen urbanes “suburbia”.


Gigon/Guyer: Stadtvillen in Zürich, Schweiz|Town Villas in Zurich, Switzerland

Von|by Stefanie Wettstein
Farbiger Luxus

In Zürichs nobelstem Villenquartier, hoch über dem See, haben Annette Gigon und Mike Guyer drei Stadtvillen mit Geschoßwohnungen für Singles oder kinderlose Paare gebaut. Herkömmliche Typologien des Wohnungsbaus kamen in diesem Fall für das Architektenpaar nicht in Frage – ständiges Hinterfragen, Optimieren, Neuerfinden, das sind, neben sehr viel Mut, die Stärken der Zürcher Architekten. So wurde in diesem Fall ein für diese Umgebung völlig neuer Bau- und Wohntypus kreiert. Geschah die Aufgliederung des gesamten Bauvolumens in drei Baukörper noch vor dem Hintergrund der quartiertypischen Solitärbebauung, so ist das subtile Spiel von Zu- und Abwendung der drei Baukörper untereinander bereits etwas ganz Neues in dieser Umgebung. Ganz zu schweigen von der Farbgebung, welche in Zusammenarbeit mit dem Künstler Adrian Schiess erarbeitet wurde. Die raffinierte kräftige Farbigkeit macht die Bauten zu fröhlichen Zeichen von Heute in einer Umgebung, welche gerne vom Geist der “guten alten Zeit” lebt.


Mário Louro: Einfamilienhaus in Braga bei Porto, Portugal|Single-Family House in Braga, near Porto, Portgual

Von|by André Tavares
Rahmen und Füllung

Die Küstenregion Minho im Norden Portugals ist von der Bewirtschaftung kleiner Agrarflächen geprägt und mit Klein- bis Mittelbetrieben durchzogen. Die außerordentlich grüne, hügelige Landschaft wurde im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung der 1980er und 1990er Jahre in einer gigantischen Bauwelle durch Einfamilienhäuser und mehrgeschoßige Wohnblöcke umgestaltet. Zur Casa de Palmeira von Mário Louro, der Architekt und Bauherr zugleich ist, gelangt man über einen Hügel kommend, man sieht sie von der Straße aus nicht. Zwar erkennt man die Form schon auf den ersten Blick, doch lässt sie sich erst am Weg ins Innere entschlüsseln. Die 12 x 32 Meter große Gebäudehülle aus Beton ist an der östlichen und westlichen Front offen. Eine der beiden Seiten ist durch eine asymmetrische Gestaltung gekennzeichnet. Der charakteristische Gegensatz zwischen Vorder- und Rückseite löst sich auf, sobald man die von außen sichtbare Glasfront hinter sich lässt und vor einer weiteren, vorwiegend undurchsichtigen Front steht, in der sich der Haupteingang des Hauses befindet. 


Small&Smart
SUIT architektur (Ursina Thaler Brunner, Norbert Thaler): Zubau Haus Hauser in Kirchbichl, Tirol|Extension to the Hauser House in Kirchbichl, Austria

Von|by Matthias Boeckl
Abstrakter Raumklumpen

Kann man dem massenhaft gebauten, unsäglichen “Tiroler” Einfamilienhaus jemals architektonische Qualitäten abgewinnen? – Wohl nur durch intelligente Interpretationen von Adaptierungswünschen, etwa durch neu gedachte, punktuelle Erweiterungen, die nach innen und außen neue “Bilder” produzieren. Ursina Thaler Brunner und Norbert Thaler waren mit dem ungewöhnlichen Raumwunsch der im Obergeschoß wohnenden Familie für einen 16-Personen-Esstisch konfrontiert. Nach unten durften sie nicht ausweichen, im Bestand war nichts zu holen. Die Lösung: Ein “Raumklumpen” wird neben der Küche vor die Fassade gesetzt, “vergleichbar mit einem Holz- oder Steinblock eines Bildhauers, der gleichzeitig langsam von allen Seiten bearbeitet wird. Der Innenraum wird herausgeschnitzt, geschliffen, poliert, die Öffnungen und Fugen durchgebrochen und alles Unnotwendige an Volumen entfernt”, berichtet SUIT-architektur. Und dieses durchmodellierte Holzobjekt wird auf eine Betonstütze gesetzt. Die vollplastischen Wände bieten Raum für Nischen, Einkehlungen, Durchbrechungen. Das Material Holz antwortet in Textur und Substanz. – Interventionen wie diese sind geeignet, funktional und ästhetisch anspruchsvolle Nachverdichtungen in den öden Einfamilienhauskolonien des hierzulande schon raren Baulandes zu schaffen. Vielleicht gelingt durch flächendeckend eingesetzte, smarte Guerillataktiken wie diese der längst notwendige Umbau der Nachkriegs-Wohlstandsquartiere in Richtung ressourcenschonendes Bauen.

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