architektur.aktuell 03/1999

architektur.aktuell 03/1999

architektur.aktuell

BRT Architekten: Maschine für Ästhetik/Aesthetics Machines

Von/by Klaus-Dieter Weiß
Leuchtenfabrik Tobias Grau in Rellingen bei Hamburg, Deutschland

Jens Bothe, Kai Richter und Hadi Teherani waren immer schon mit Wolkenbügeln, UFOS, Zeppelinen, fliegenden Gebäudekarrees, organisch anmutenden Multihallen, aber auch architektonischen Miniaturen beschäftigt. Solchen Ideen aus den Anfangsjahren folgen nun große Taten und die Experten stehen vor einem in Deutschland ungeliebten Rätsel: dem ungewohnten, auch anrüchigen Erfolg beim Publikum. Dabei nehmen die jungen Hamburger Architekten mit kulturellen Kühnheiten vom Verkehrsknoten über Wohnung und Arbeitsplatz bis zum Freizeiteldorado eine Hürde, die andere schlicht verweigern: Leidenschaft für Architektur via Emotion. Mit den handelsüblichen Alternativen ökologisch aufgeladener Internationaler Stil, Reduktionismus ohne Raffinement oder gar der pixelreduzierten Neuauflage des 1925 realisierten Chicago Tribune Tower eines Hans Kollhoff in Frankfurt wird man die zum Jahrtausendwechsel anstehende Frage nach der Großartigkeit von Architektur, nach den neuen sozialen Ereignissen und Intensitätspunkten der europäischen Stadt aber ebenso wenig beantworten können wie mit schnell konsumierten Märchenkulissen oder Comic Strips. Als Alternative zum “dirty realism” im Windschatten der Niederlande sucht BRT vom Detail bis zur Großform nach der ästhetischen Metakommunikation. Auch in einem Gewerbegebiet der Peripherie, das die Denkfabrik eines erfolgreichen Leuchtendesigners hinter einem Erdwall versteckt.(…)

Max Dudler Corrado Signorotti : Schweizer Barkultur In Berlin/Bars with a Swiss Flair in Berlin

Von/by Claus Käpplinger
Zwei neue Bars in Berlin-Mitte, Deutschland

“Glückstein” und “Reingold” nennen sich die beiden jüngsten Bars der Spreemetropole, die zwei, in Berlin lebenden Schweizer Rationalisten zu verdanken sind. Dabei setzte Max Dudler, der sich schon seit vielen Jahren wie kaum ein anderer Architekt wider die deutsche Gemütlichkeit um die Hebung von Berlins Raumkultur bemüht und für seine strengen, auf schwarzer Monochromie beruhenden Interieurs bekannt ist, auf unerwartete Spiegeleffekte und dezentes Rot.(…)
Eine ganz andere Atmosphäre strahlt das “Reingold” in der ehemaligen Lokomotivenfabrik August Borsigs aus. In einem zur Straße durchstoßenden Seitenflügel schuf ein früherer Mitarbeiter Dudlers, der junge Tessiner Corrado Signorotti, eine Club-Bar voller sinnlicher Oberflächen, die den Namen des Lokals gewissermaßen wortwörtlich nimmt. Der Gast durchschreitet zunächst ein großes, kupferverkleidetes Industrietor, um anschließend in einen Vorraum zu gelangen. Dort legt er vor einer hinterleuchteten, bernsteinfarbenen Wand aus persischen Onyxplatten seine Garderobe ab. Erst danach eröffnet sich ihm die Bar – es ist die längste Bar Berlins – als ein überaus großzügiger Raum, der mit wechselnden Sitzgruppen ganz unterschiedliche Kommunikationsangebote bereit hält.(…)

Petzinka, Pink und Partner: “Grande Arche” in Düsseldorf/”Grande Arche” in Düsseldorf

Von/by Claus Käpplinger
Bürogebäude in Düsseldorf, Deutschland

Düsseldorf hat mit seinem jüngsten Hochhaus ein neues Wahrzeichen erhalten. Was am Rhein mit 80 Metern Höhe alle Blicke auf sich zieht, ist eine seltsame Kombination aus Grande Arche und High-Tech-Kristall. Als ein modernes “Stadttor” versteht sich denn auch der atemberaubende gläserne Vexierkörper der Architekten Petzinka, Pink und Partner, der nun markant den südlichen Eingang in Düsseldorfs Innenstadt markiert. Mit ihm scheint endlich Realität geworden zu sein, wovon die Gläserne Kette, wovon ein Mies van der Rohe und die vielen ihm folgenden Architekten nur träumen konnten. Denn seit Mies’ erfolglosem, aber folgenreichem Hochhausentwurf für die Berliner Friedrichstraße von 1921 versuchen sich Architekten an gläsernen Wolkenkratzern. Viele dieser Versuche waren dabei ihrer Zeit und deren technischen Möglichkeiten allzu weit voraus. Das ist nun nicht mehr der Fall. Denn heute scheint es tatsächlich möglich zu sein, ein Hochhaus als kristallinen, durchlässigen Körper zu bauen. Eine bislang unerreichte Transparenz zeichnet dieses “Stadttor” aus, das Licht und der Blick können nahezu ungehindert hindurchstreifen. Es erhebt sich wie schwerelos über die Stadt. Seine Gestalt ist unverwechselbar, sie schneidet sich mit einem gewaltigen Maßstabssprung und überaus dynamisch in den Raum ein. Doch jenseits dieser visuellen Attraktion ist das Gebäude auch und vor allem funktionalistisch. Ein Haus, das gerade aufgrund seiner vielen Zwänge zu überaschend konstruktiven und energetischen Innovationen fand.(..)

Essay

Moderne Architektur in Österreich nach 1918: Terra Incognita?/Modern Architecture in Austria after 1918: Terra Incognita?

Von/by Otto Kapfinger

Auszugsweiser Nachdruck eines Vortrages im Rahmen der Ausstellung “Herbert Eichholzer 1903-1943, Architektur und Widerstand” veranstaltet von der ÖGFA, mit Clio – Verein für Geschichts- und Bildungsarbeit, Graz, und dem Bulgarischen Kulturinstitut in Wien, Haus Wittgesntein, November 1998
Herbert Eichholzer war ein großes architektonisches Talent, und zugleich war er ein politisch radikal Engagierter, der gegen den Strom der Zeit für seine Überzeugung kämpfte, der führend im Widerstand gegen das Naziregime agierte und dafür vom nationalsozialistischen Blutgericht zum Tod verurteilt wurde.
55 Jahre nach seiner Ermordung hat nun eine Ausstellung erstmals sein Wirken und sein Schicksal einer breiteren Öffentlichkeit in Erinnerung gerufen, nachdem bereits 1988 Dietrich Ecker im Rahmen eines Symposions der Österreichischen Gesellschaft für Architektur in Wien über Eichholzer referiert hatte.
Die Trauerarbeit kann uns aber nicht davon freisprechen, auch ihrer Disposition gegenüber kritikfähig zu bleiben. In die Genugtuung, dass nun diese vitale, tragisch vernichtete Persönlichkeit ihre historische Würdigung erfährt, fallen nämlich einige Wermutstropfen, was den Umgang mit architekturgeschichtlichen Fakten betrifft.(…)

Österreich

Hanno Schlögl: Abstraktion als Kontrapunkt/Abstraction as Counterpoint

Von Liesbeth Waechter-Böhm
Um- und Zubau der “Galerie im Taxispalais” in Innsbruck, Tirol

Das Innsbrucker Palais Taxis liegt neben dem Landhaus aus der NS-Zeit und wurde um 1690 von Johann M. Gumpp d.Ä. nach dem Muster italienischer Paläste errichtet. Es hat viele Umbauten erlebt und ist seit 1905 im Besitz des Landes Tirol, seit 1964 wurde ein rund 75 Quadratmeter großer (von Josef Lackner ausgestatteter) Raum als “Galerie im Taxispalais” genutzt. Die Diskussionen über eine Erweiterung dieser Landesgalerie reichen bis zum Anfang der neunziger Jahre zurück. 1997 wurde ein Gutachterverfahren durchgeführt, das u.a. die Planung eines neuen Ausstellungssaales für die Taxisgalerie zum Gegenstand hatte. Gewonnen hat es Hanno Schlögl, der als eine Art “Königsidee” nicht die Glasüberdachung des bestehenden Hofes, sondern das Eingraben dieses Saales unter die Erde vorschlug. Der Charakter des Hofes blieb dadurch unangetastet, die glasgedeckte neue Halle ist sensibel in den Bestand eingebettet. Auch der Umbau und die Neuordnung im Erdgeschoß des Palais Taxis erfolgte nach den Kriterien der Offenlegung historischer architektonischer Wahrheiten, die zeitgenössisch interpretiert und kontrapunktiert wurden. Neben ihrer funktionellen Folgerichtigkeit bestechen Schlögls Maßnahmen auch durch die formale Stringenz bis in jedes Detail. Die neue “Galerie im Taxispalais” ist sicher ein – wenn auch verhältnismäßig kleiner – österreichischer Kulturbau, der seine Gültigkeit sehr langfristig behaupten wird.(…)

Artec: Auf den funktionellen Punkt gebracht/Coming to the (Functional) Point

Von/by Liesbeth Waechter-Böhm
Bibliothekseinbau in Graz und Wohnanlage in Bärnbach, Steiermark

Die beiden Bauaufgaben sind sehr unterschiedlich. In Graz ging es um sensible Interventionen im Altbestand des Oberlandesgerichts, in Bärnbach um den Bau einer Wohnanlage am Ortsrand. Artec haben im Oberlandesgericht die Eingangssituation soweit funktionell adaptiert, daß den heutigen Sicherheitsanforderungen nach einem kontrollierten Zu- und Abgang im klassizistischen Foyer entsprochen wird, daß aber auch das Personal klimatisch geschützt seiner Aufgabe nachkommen kann. Auf der Ebene des Hochparterres ist den Verhandlungssälen ein neuer, nach Süden orientierter Einbau mit Arbeitsplätzen für die Praktikanten vorgeschoben. Die Bibliothek selbst ist in der Bel Etage, auf zwei Ebenen, in einem 4,80 Meter hohen Raum installiert.
Die Wohnanlage in Bärnbach hat mit der dritten Bauetappe nun endlich einen vorläufigen Abschluß gefunden. Die Baukörper sind um ein schmales Bächlein gruppiert, Maisonetten bilden sich plastisch in der Baukörperkonfiguration ab, je größer die Wohnung, desto größer ist auch die jeweils zugeordnete Freifläche. Das über die Maisonetten gestülpte Obergeschoß spielt mit seiner markanten Leimbinderkonstruktion ein differenziertes und reizvolles innenräumliches Spiel. Es ist durch einen offenen Laubengang erschlossen, zu dem man über die seitlich angelagerte Treppe, die durch einen formal sehr bewußt in Szene gesetzten Schutzschild eingehaust ist, hinaufkommt.(…)

Josef Fekonja, Susanne Weigelt, Barbara Paar: Metamorphose eines Innenhofs/The Metamorphosis of an Internal Courtyard

Von/by Liesbeth Waechter-Böhm
Hörsaaleinbauten in der Technischen Universität Graz, Steiermark

Gefordert waren zwei Hörsäle mit je 250 Sitzplätzen, von denen einer eben ausgebildet und auch als Mehrzwecksaal geeignet ist, einer die klassische Staffelung üblicher Hörsäle aufweist. Das Architektenteam setzte die beiden Baukörper links und rechts vom neu formulierten Hauptzugang in den Innenhof und erweiterte im Erdgeschoß die beengte Hofsituation, indem es einen Arkadengang als zusätzliche Raumschicht einführte. Der gesamte Hof ist glasüberdacht, in der kalten Jahreszeit strahlt eine Fußbodenheizung angenehme Wärme ab. Im Mehrzwecksaal, der mit verklebten Eternitplatten ein elegantes Fassadenkleid erhielt, lassen sich große Glaswände zum Foyer hin öffnen. An der Schmalseite mit dem Hauptzugang haben die Architekten Einbauten installiert, die Platz für Kühlschränke und Getränkekisten bieten. Wenn diese Einrichtungen nicht gebraucht werden, schiebt man sie zu, es entsteht ein kompakter Installationsblock. Ein “künstlerisches” Objekt sticht ins Auge: Projektor, Videobeamer sind in einer metallisch schimmernden, öffen- und schließbaren “Wolke” plaziert, zu der eine golden eloxierte “Himmelsleiter” hinaufführt. Der schräge Hörsaal ist von der Ebene des neuen Foyers aber auch vom höher gelegenen Erdgeschoß des Altbaus zugänglich. Er besteht im wesentlichen aus Glas und markant geschaltem Sichtbeton, alle Holzeinbauten sind aus Ahorn.(…)

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