architektur.aktuell 04/2002

architektur.aktuell 04/2002

re-creation

Aires Mateus & Associados: Ferienhaus in Alenquer, Portugal|Holiday Home in Alenquer, Portugal

Photos: Daniel Malhao; Text: Klaus-Dieter Weiß
Zirkulierender Patio

Bis zur architektonischen Anonymität typisch sind die Elemente, die Manuel und Francisco Mateus einsetzen. Umso überraschender ist das Raumkontinuum dieses weißen Sonnenhauses gut 40 km nördlich von Lissabon. Die Stichworte “Mauer”, “Patio”, “Haus im Haus” treffen zwar zu, dennoch lassen sie kaum ahnen, wie raffiniert sich “Außenhaus” und “Innenhaus”, Alt und Neu verbinden. Die Brüder Manuel und Francisco Rocha de Aires Mateus, beide noch keine vierzig Jahre alt, sind die Stars einer weitgehend unentdeckten Lissaboner Szene. Das Land konzentriert sich in einer Agglomeration, die mit vier Millionen Einwohnern ein Drittel der Gesamtbevölkerung stellt und die Hälfte aller Portugiesen mit Universitätsabschluss. Die besten Architekten Portugals beeindrucken nicht vordergründig mit Systematik und Perfektion, sondern mit Improvisation und Poesie. Der Zwang zur Ökonomie wird dabei nicht zur Fessel der Phantasie, sondern ihr Katalysator.


Lacaton & Vassal: Site de Création Contemporaine, Palais de Tokyo in Paris, Frankreich|Site de Création Contemporaine, Palais de Tokyo in Paris, France

Photos: Philippe Ruault; Text: Dominique Boudet
Die fast nichts-Architektur

Ursprünglich ein hastig für die Weltausstellung 1937 errichtetes Museum für moderne Kunst, wurde das Palais de Tokyo in Paris nach der Übersiedlung seiner Sammlungen in das Centre Georges Pompidou im Jahre 1974 für verschiedene Zwecke genutzt. Bis ein Berater des Kulturministeriums auf die abstruse Idee kam, diesen Ort des Lichts (ein Kunstmuseum) um den Preis aufwendiger Umbauarbeiten in eine Black Box – einen Filmpalast – zu verwandeln. Einige Jahre später ein Ministerwechsel: obwohl bereits Abbrucharbeiten stattgefunden haben, wird der Palast an einen anderen Ort verlegt, und das Projekt kommt zum Stillstand. Zwei Jahre lang bleibt das Gebäude in diesem Zustand. 1999 beschließt ein neuer Minister mit neuen Beratern, diesen riesigen Raum im Herzen von Paris endlich einer Nutzung zuzuführen und dort den “Site de création contemporaine”, eine neue Kunsthalle für Gegenwartskunst, einzurichten.


Adolf Krischanitz: Kunsthalle Project Space in Wien|Kunsthalle Project Space in Vienna, Austria

Photos: Margherita Spiluttini; Text: Matthias Boeckl
Der Kontext ist innen

Die Kunsthalle Wien am Karlsplatz beweist, dass eine funktionierende Hardware für moderne und zeitgenössische Kunst in keinem Zusammenhang mit dem traditionellen Ewigkeitsanspruch von Kulturbauten stehen muss. An diesem Ort erbaut als Provisorium, wurde die städtische Plattform zu einer Erfolgsgeschichte, die mit der Übersiedlung ins MuseumsQuartier eine ambivalente Fortsetzung gefunden hat. Ein verkleinerter “project space” samt erhaltenem Café soll nun zumindest einen Fuß der Institution im Haupttor Wiens, dem Karlsplatz, zurücklassen.


Essay

Selling the Shtetl – Industries of Prosthetic Memory

Photos/Text: Anette Baldauf

1993 brachte das Holocaustdrama “Schindlers Liste” eine Krakauer Vorstadt in den internationalen Katalog der Reisedestinationen. Nachdem Regisseur Steven Spielberg Szenen zum jüdischen Ghetto in Kazimierz gedreht hatte, wurde der Ort weithin durch seinen filmischen Auftritt bekannt. In Wahrheit lag das jüdische Ghetto Podgorze jedoch einen Kilometer weiter südlich, auf der anderen Seite der Weichsel, wo erst robuste kommunistische Wohnbauprojekte und schließlich ostentative Glasbürogebäude jede Erinnerung an den Schrecken von einst auslöschten. Der Schauplatz, den Spielberg für seine Darstellung der Deportationen wählte, war früher eine der vitalsten jüdischen Städte Polens, wo vor dem Einmarsch Nazi-Deutschlands über 70.000 Juden lebten. Angesichts des Zustroms von Besuchern aus aller Welt ist Kazimierz heute dabei, seine Vergangenheit als Schtetl neu zu bewerten. 

Walter Pichler: Haus neben der Schmiede in Unterbirchabruck, Italien|The House Next to the Smithy in Unterbirchabruck, Italy

Photos: Elfi Tripamer, Pez Hejduk, Matthias Boeckl; Zeichnungen|drawings: Architekturzentrum Wien, Collection;Text: Matthias Boeckl
Erfahrung der Lebenswelt

Seit den 1960er Jahren arbeitet der international bekannte Plastiker und Objektkünstler Walter Pichler an der Grenzlinie zwischen Skulptur und Architektur. Seine frühen, utopischen Architekturentwürfe waren von beklemmenden, meist unterirdisch angelegten Raumerfahrungen geprägt. Seit über dreißig Jahren baut Pichler nun in St. Martin an der Raab im Südburgenland Stück für Stück eine Anlage von Häusern für seine Plastiken, die ihnen ideale Wirkungsmöglichkeiten bieten. Nur selten entwirft er auch für andere: Bisher ist nur ein Haus für einen Freund auf der griechischen Insel Syros entstanden, ein großes Tor für das Wiener Museum für angewandte Kunst und – seit kurzem – ein Haus neben der ehemaligen Schmiede seines Großvaters, das dem kontemplativen Aufenthalt und der Wahrnehmung einer ursprünglichen Lebenswelt dient. 

Marte.Marte: Bootshaus Steinhauser in Fussach & Ferienhaus in Seewald am Berg, Vorarlberg|Steinhauser Boathouse in Fussach & Holiday Home in Seewald am Berg, Austria

Photos: Ignacio Martinez; Text: Robert Fabach
Im Reich der Zeichen

Japan – sofort war dieses Bild da. Die Architekturfotografie hat ein Bild von japanischen Vorstädten in unseren Köpfen hinterlassen, das an diesem Ort eine unwillkürliche Entsprechung findet. Telefonleitungen zerteilen den Himmel, regellose Hütten, dazwischen ein Stück Architektur mit scharf geschnittenen Kanten und präzisen Proportionen – Aluminium in einem Kiesfeld. Doch der Ort ist Fussach in Vorarlberg und eigentlich ein Sporthafen aus den 1960er Jahren, dessen künstlich angelegte Kanäle sich mit mehreren Reihen einer improvisierten Bootshauskolonie verzahnen. Peter Fritz’ “Sondermodelle” sind längst Wirklichkeit. Schnitt. Kalte Luft. Nur Wald und Schnee und Aussicht. Auf einer Kuppe sitzt ein Haus aus Holz, unwirklich ideal. 

Turner Brooks Architects: Bootshaus der Yale University in Derby, Connecticut, USA|Yales Boathouse in Derby, Connecticut, USA

Photos: Richard Caden; Text: William Morgan
Boots-Theater

Das neue Bootshaus ist ein großzügiger Tribut an den ältesten Traditionssport der Universität Yale. Und wie es bei achtbaren Errungenschaften nun einmal oft so ist, brauchte es auch für diesen Bau ein wenig Zündstoff der Empörung; in diesem Fall war der Auslöser ein Umkleideraum. Der in Yale allgegenwärtige Architekt James Gamble Rogers, dem die Universität einen Großteil ihrer effektvollen Silhouette des frühen 20. Jahrhunderts zu verdanken hat, errichtete das einstige Bootshaus am Housatonic-Fluss in Derby, 15 Meilen nordwestlich vom Campus. Der Bau entstand Generationen bevor in Yale Frauen zugelassen waren, und war daher nur für Männer geplant. Dem wurde nun Abhilfe geschaffen. 

querkraft: Privates Fitness-Haus in Klosterneuburg bei Wien|Private Fitness House in Klosterneuburg, Austria

Photos: Hertha Hurnaus; Text: Andrea Nussbaum
Survival of the Fittest

“Die Kunst beim Architektenberuf ist es, zu wissen, wann man stark sein soll,” merken die Architekten von querkraft nebenbei an. Sie haben recht: Stark gegenüber der Verschlossenheit von Behörden bei der Einreichplanung, stark gegenüber sich selbst und den lauernden Verführungen sowie manchmal auch gegenüber Bauherren. Wer stark ist und es bleibt, überzeugt, denn Architektur heißt auch Überzeugungsarbeit leisten. Dabei ist – wie sie weiter meinen – “Arroganz völlig fehl am Platz”. Arrogant zu sein, haben die Architekten von querkraft nicht nötig, denn sie hören ihren Bauherren zu, ja sie fordern es geradezu heraus, dass die Auftraggeber – insbesondere bei privaten Bauaufgaben – ihre Wünsche offenbaren. Und sie geben sich nicht gleich mit dem ersten Entwurf zufrieden, sondern experimentieren, bis die Lösung “passt”. 

Georg W. Reinberg: Feriensiedlung Inselwelt Jois, Burgenland|’Jois Island World’ Holiday Estate, Austria

Photos: Rupert Steiner, Georg W. Reinberg; Text: Matthias Boeckl
Gerät im Schilf

Nachhaltigkeit und ökologisches Verantwortungsbewusstsein wird bei Bauten der Tourismusindustrie – angesichts der begrenzten Verfügbarkeit des Hauptbetriebskapitals Landschaft und Natur – immer mehr zum bestimmenden Thema. Die Zeiten der Wurzelsepp-Ökologie sind in der Architektur längst vorbei. Heute können technologisch, ökologisch UND ästhetisch anspruchsvolle Bauten mit großem Interesse des urbanen Klientels rechnen. Georg Reinbergs Ferienhaussiedlung am Neusiedlersee beweist das nachdrücklich und eindrucksvoll. 

Gerhard Mitterberger: Sportzentrum Bad Waltersdorf, Steiermark|Bad Waltersdorf Sports Centre, Austria

Photos: Zita Oberwalder, Matthias Boeckl; Text: Nikolaus Hellmayr
Low-Cost/High Style

Der Fußballplatz einer Regionalligamannschaft ist im allgemeinen nicht der Ort bemerkenswerter Baukultur. Aber das oststeirische Bad Waltersdorf profitiert ein wenig vom Glanz der internationalen Erfolge des Sportclubs “Sturm Graz”, der die Anlage des Kurorts regelmäßig für Trainingscamps nutzt. So wurden auch Vereine, seien sie aus Mailand, München oder Manchester, die regelmäßig in der Champions League oder im Europacup spielen, auf die Vorzüge aufmerksam, in der intimen Atmosphäre eines Thermalbades das Training für internationale Wettkämpfe mit Entspannung und Regeneration zu verbinden. Das neue Sportzentrum, das Gerhard Mitterberger in Abstimmung auf die Anforderungen führender europäischer Fußballmannschaften in Bad Waltersdorf realisierte, thematisiert Leichtigkeit und Transparenz in der Umsetzung eines puristischen, funktionellen Programms. In der Reduktion auf das Wesentliche und einfache Materialien entfaltet sich der Charme einer intelligenten, der Nutzung angemessenen Architektur.


Small&Smart

junger_beer: Atelierzubau in Wolfurt, Vorarlberg|Studio Extension in Wolfurt, Austria

Photos: Gerhard Klocker; Text: Robert Fabach
Atelier für eine Malerin

Aus dem Wunsch der Bauherrin nach einem Rückzugsort für ihre Malerei haben die Architekten Stefan Beer und Martin Junger eine räumlich wirksame Gesamtlösung entwickelt. Das einträchtige Nebeneinander eines sattelbedachten, graublauen Ensemble von Haus und Garage im träge wachsenden Einfamilienhausband des Rheintals wurde in heftige Spannung versetzt durch den Aufbau einer vorgefertigten Holzbox, deren feuerrote Fassaden die bestehende Garage gleich mit umhüllten. 

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