architektur.aktuell 05/1998

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architektur.aktuell

International

Kalhöfer-Korschildgen: Optionen in wandelbaren Räumen / Options in Convertible Spaces

Von/by Gaby Groth

Eine fahrende Küche, ein verschiebbares Büro, ein Bad mit wechselnden Innenräumen – Projekte zur Emanzipation der Bauherren
Eine Küche in Aachen, ein Büro und ein Badezimmer in Remscheid nahe Köln – auf den ersten Blick nicht gerade aufregende Aufgaben für Architekten. Das junge Architekturbüro Kalhöfer-Korschildgen mit Sitz in Aachen und Paris hat diese Projekte aber wirkungsvoll genutzt, um seine Vorstellung von Architektur zu realisieren. Ihre wandlungsfähigen Räume, die den Bewohnern eine neue Entscheidungsfreiheit gestatten, haben Gerhard Kalhöfer und Stefan Korschildgen schon einige öffentliche Aufmerksamkeit verschafft. Einen Rahmen für die Freiheit zu schaffen, die Determination im Wohnen aufzulösen, ist den Architekten ein Anliegen. Dabei wollen sie nicht als radikale Normverletzer auftreten. Wichtiger ist ihnen, den gesamten Kontext eines Ortes in die Planung einzubeziehen und mit den Bauherren einen “geschmeidigen Dialog zu führen”. Daraus sind sensible und komplexe Entwürfe entstanden, mit einer eigenwilligen Einfühlsamkeit für die Situation und Stimmung der jeweiligen Orte. (…)

Hartwig N. Schneider: Poetik des Minimalen / Minimalist Poetics

Von Klaus-Dieter Weiß
Sozialer Wohnungsbau und Stadtreparatur in Ludwigsburg, Deutschland

Nur zwei Straßenblöcke vom Schloßpark entfernt, umgeben von Historie ausstrahlenden “Kaffeemühlen” der fünfziger Jahre, aber auch von deren postmoderner Übersteigerung, setzt die aus Höfen systematisch zusammengesetzte, in den Fassaden stark variierte Wohnanlage im Erscheinungsbild grundsätzlich auf die Sachlichkeit der Moderne. Die Konsequenz, die der Architekt dabei an den Tag legt, erinnert an den Aufbruch dieser Formensprache in der Schweiz vor siebzig Jahren, etwa an Bauten von Hans Schmidt: flache Dächer, Fenster in Marschordnung, strenge Fensterbänder, karges Material, disziplinierte Farbwahl, formelle Erschließungswege. Die Idee des Rationalismus wird jedoch in einer ungewohnt kommunikativen Ausprägung aktualisiert. Dank geläuterter Beziehungen zum Bestand entsteht in Ludwigsburg, nördlich von Stuttgart, stadträumlich, typologisch und architektonisch ein sehr dichtes Wohngefüge mit unterschiedlichen Angeboten, Erscheinungsbildern und städtebaulichen Verknüpfungen. Ein Rationalismus, dessen Komplexität von den Fotografen nur schwer einzufangen ist: variantenreich und geheimnisvoll. Hartwig N. Schneider, bekannt geworden durch seinen prismatischen Kindergarten in Winnenden bei Stuttgart, gehört zur Generation der jungen weltläufigen deutschen Architekten, die auf einen Aufbruch der Architektur hoffen lassen. (…)

Martin Häusle mit Stefan Tenhalter: Dialog mit der Geschichte / A Dialogue with History

Von/by Liesbeth Waechter-Böhm
Zu- und Umbau des Alten Pfarrhauses Bendern, Liechtenstein

Das Alte Pfarrhaus Bendern – der sogenannte “Pfarrstall” – stellt gemeinsam mit der Kirche, dem kleinen Friedhof und dem Pfarrhaus ein markantes Ensemble dar, das malerisch auf einer Hügelkuppe liegt. Das Alte Pfarrhaus hat eine bis ins 16. Jahrhundert zurückreichende Geschichte. 1875 zum Stall umgebaut, wurde es in der Nachkriegszeit dem Verfall preisgegeben. Die Suche nach einer neuen, adäquaten Nutzung für das Haus zog sich über Jahrzehnte hin, bis sich mit dem Liechtenstein-Institut ein Mieter fand, der die Adaptierung des Hauses lohnend erschienen ließ. 1990 wurde daher ein Wettbewerb ausgelobt, den der Vorarlberger Architekt Martin Häusle gewann. Sein Projekt zollte der Geschichte des Hauses allen Respekt, sein kleiner Zubau über einer archäologischen Ausgrabungsstätte führt das historische Gebäude sozusagen weiter, aber – in einer sehr zeitgenössischen Interpretation. Südseitig angefügt und mit nur einem schmalen verglasten Orientierungsschlitz und dem Notausgang mit skulptural davor gestellter Stiege versehen, enthält er jetzt die Bibliothek des Liechtenstein-Institutes. Der Zubau ist etwas breiter als der historische Gebäudeteil, beide gemeinsam werden jedoch von einem großen, durchgehenden Satteldach “beschirmt”. Signifikant: die Außenhaut des Neubaus, die aus traditionellen Lärchenholzschindeln besteht.(…)

Essay

Die Schule als räumliches Ereignis / The School as a spatial experience

Von/by Margit Ulama

Das Schulbauprogramm 2000 stellt zweifellos eine architektonische Errungenschaft im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Entwicklung von Wien dar. In ästhetischer Hinsicht fungiert es als Spiegel aktueller Tendenzen, zugleich sind die individuellen Handschriften der Architekten klar erkennbar. Betrachtet man die herausragenden Bauten, so wird immer wieder ein – jeweils unterschiedlich formulierter – Bezug zur Moderne deutlich. So bezeugen die Schulbauten sowohl die Kreativität der Architekten im Sinn von prononcierten Haltungen als auch die aktuelle Relevanz unterschiedlicher Topoi der modernen Entwicklung am Beginn des Jahrhunderts. Doch man darf nicht vergessen, daß hier nur von einem Teil der Resultate gesprochen wird, das Schulbauprogramm 2000 insgesamt präsentiert sich äußerst heterogen. Und damit rücken die politischen Aspekte in den Vordergrund, Vergabemodalitäten und Abwicklungsprozesse, die unterschiedlichen Ansprüche an Architektur. Oft fehlt das Verständnis für avancierte Architektur, es fehlen Offenheit und Sensibilität, und es werden hauptsächlich die pragmatischen Aspekte eines Baus bedacht. Schulen müssen natürlich dem täglichen Betrieb genügen und der Beanspruchung durch die Schüler standhalten, doch die architektonisch-ästhetischen Aspekte sind ebenso relevant wie die praktischen. (…)

Österreich

Max Rieder: Das Reich hinter der Mauer / The Kingdom behind the Wall

Von/by Matthias Boeckl
Kindergarten in Salzburg-Aigen

Schon mit seiner konkav geschwungenen Auffahrt malt dieser Bau eine selbstbewußte Geste in das halb grüne, halb mit kompakten Reihenhaussiedlungen bebaute Stadtrandgebiet. Wohnbauten stoßen hier unvermittelt an eine große Wiese, in deren Randzone der Kindergarten liegt, um das Wohngebiet mit seiner Leistung zu versorgen. Er bietet aber auch Widerstand. Aus der relativ engen Siedlungsgasse kommend, wird man zuerst um 90 Grad umgelenkt und steuert den Kindergarten entlang einer gekrümmten Mauer an, in deren Mitte der Eingang liegt. Nicht zufällig hat man den Eindruck einer Vorfahrt, wo Elternautos ankommen, Kinder “abladen”, wenden und wieder abfahren. Diese Geste zeigt aber auch Selbstbewußtsein: Die Mauer grenzt ab, schließt aus, bildet nur einen schmalen Durchlaß in das Reich der Kinder – und des Architekten. Die andrängende Bewegung der agressiven Stadterweiterung wird mit der geschwungenen Mauer abgefangen, umgelenkt und wieder zurückgeschickt. Man kann kaum deutlicher machen, daß nun “etwas anderes” beginnt und keine direkte formale Reaktion auf das Umfeld beabsichtigt ist (die indirekten und übertragenen werden noch zur Sprache kommen). Die geschoßhohen schwarzen Schriftzüge auf dem Signalgelb zweier Außenmauern rahmen diese Bewegung und malen den Zweck des Gebäudes noch einmal wörtlich in den suburbanen Raum.(…)

Walter Stelzhammer: Die Divergenz des Wohnbaus / The Divergence of Housing

Von/by Margit Ulama

Vier Projekte für Wien: Wohnbau am Leberberg, Bebauungskonzept Süßenbrunn, städtebauliche Studie Marchfelder-Quartiere, Wohnarche Atzgersdorf
Walter Stelzhammer blickt auf eine beinahe zwanzigjährige Erfahrung zurück, was den Wohnbau in seinen unterschiedlichsten Facetten betrifft. Unter engen Rahmenbedingungen realisierte er am Leberberg direkt neben der Schule von Dieter Henke und Marta Schreieck einen Bau, der positiv auffällt, der aber gleichzeitig die schwierigen Bedingungen, unter denen er entstanden ist, widerspiegelt. Stelzhammer konnte die von Josef Krawina vorgeschlagene Blockrandbebauung umgehen und konzipierte einen Kammtypus, der sich zur großen, öffentlichen Grünfläche hin öffnet. Am nord-süd-gelagerten Rückgrat hängen drei Äste, wobei die beiden Straßenseiten einerseits von diesem Rückgrat, andererseits von einem der Äste gebildet werden. Nach außen eher hermetisch, ist die Anlage insgesamt für die Fußgänger durchlässig. Diesem Wohnbau werden Planungen gegenübergestellt, die Stelzhammers städtebauliche Idee für den Wohnbau am Stadtrand vorführen. Die Konzepte orientieren sich am verdichteten Flachbau, sie wollen jedoch mit einer Bebauungsdichte, die höher als die der klassischen Teppichsiedlung ist, dem Geschoßwohnbau Konkurrenz machen. Diese Entwürfe, die beinahe wie Konzepte für Idealstädte wirken, münden schließlich in eine Realisierung, die die typologische Idee in einen anderen, nämlich den städtischen Kontext transferierte.(…)

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