architektur.aktuell 06/1999

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architektur.aktuell

International

Carsten Roth: Schwerelose Raumkontur/Weightless Spatial Contour

Von/by Klaus Dieter Weiß
Labor- und Bürogebäude in Hamburg, Deutschland

In Deutschland häufen sich die Beschwörungen einerseits der “Leichtigkeit”, andererseits des “Erhabenen”. Fosters Kuppel auf dem Berliner Reichstag wird im Blätterwald “unverschämte Leichtigkeit” attestiert, von “fliegenden Holländern”, die auf der EXPO sogar Landschaften zum Schweben bringen, wird berichtet, Rem Koolhaas mit seiner “Villa Wagnis” in Bordeaux im Hinblick auf die Stabilität ein fast unheimliches Bauwerk bescheinigt. Dennoch scheint sich Deutsches architektonisch vor allem in einem stabilen Kleinmut wiederzufinden, in einer kleinteiligen “Erhabenheit”, die letztlich noch von Donald Trumps 90-geschoßigem Mega-Wohnturm im Ungers-Gewand rechts überholt wird. Wie anders ist es zu erklären, dass eine kulturell lebendige Stadt wie Köln heute noch in Angst erstarrt vor den “Wolkenbügeln” Hadi Teheranis, einer Wettbewerbsentscheidung, die nach acht Jahren längst gebaute Wirklichkeit sein sollte? Carsten Roth geht den spektakulären Positionen aus dem Weg und arbeitet an seiner Architektur im Stillen umso härter. Zum einen liegen seine kunstvollen Gewerbebauten oft nur den urbanen Vagabunden am Weg, die mit Lust das “Plankton der Vorstädte” durchstreifen. Zum anderen beschäftigt ihn das Weiterbauen und -denken im Sinne einer Einheit, die auf die pathetische Starre der “auf die Grundform heruntergeschliffenen Kisten der Moderne” (O. M. Ungers) verzichten kann. Dabei steht jede Aufgabe unabhängig von Größe und Bedeutung im Zentrum und findet in dieser Konzentration ihre ureigene Lösung. (…)

Barkow & Leibinger: Industrielle Präzision/Industrial Precision

Von/by Claus Käpplinger
Gewerbegebäude in Ditzingen bei Stuttgart, Deutschland

Eine Architektur des Gebrauchs, haptisch und überaus funktional, verfolgen die jungen Berliner Architekten Frank Barkow und Regine Leibinger. Auf die Entdeckung des Raumes, des architektonischen wie ebenso landschaftlichen Raumes zielt ihr schmales Werk, das ungewöhnlich viele Bauten der Industrie aufweist. Überlagerung und Schichtung sind ihre architektonischen Mitteln, mit denen sie wiederkehrend fließende Landschaftsobjekte schöpfen, wie nun etwa am Rande der schwäbischen Kleinstadt Ditzingen, wo sie für das Laserunternehmen Trumpf eine überraschende Erweiterung schufen. Entlang einer neuen Verbindungsachse, die unter einer Landstraße in einem faszinierenden Tunnelbauwerk beginnt, entstehen nun dort große Hallenkomplexe, die nicht nur Verwaltung und Produktion eng miteinander verzahnen, sondern auch mit ihrer bewegten Topographie die kleinteilige Hügellandschaft aufnehmen. Nichts anderes als die Versöhnung der Industrie mit der Landschaft streben sie an. Überaus sachlich, aber nicht nüchtern ist dazu ihre Architektur, die sehr unterschiedliche Anforderungen ganz nach dem Image des Unternehmens mit größter Präzision in Raum und Körper umsetzte.(…)

Coussée & Goris Architekten: Überdachter städtischer Raum/Covered Urban Space

Von/by Marc Dubois
BACOB Bank-Filialen in Dendermonde und Beveren-Waas, Belgien

Ende der achtziger Jahre begann die BACOB Bank in Belgien mit der Errichtung eines neuen Filialnetzes. Das wäre an sich nichts Außergewöhnliches, hätte BACOB dabei nicht auf talentierte junge Architekten zurückgegriffen: Stéphane Beel, Paul Robbrecht und Hilde Daem, José van Hee und die Gruppe Meta. BACOB hat damit dem qualitativ hochstehenden Bauschaffen auf dem öffentlichen Sektor in Belgien einen wichtigen Impuls gegeben. Wesentlich dafür war, dass BACOB nicht für eine vollkommen einheitliche Gestaltung ihrer Filialen durch ein einziges Architekturbüro optierte, sondern sich aufgrund der oft schwierigen Rahmenbedingungen (Baugelände und bestehende Bausubstanz) dafür entschied, zusammen mit den verschiedenen Architekten nach den interessantesten Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Die Suche nach der optimalen Gestaltung des Baugeländes wurde kombiniert mit einer Reihe von erkennbaren Elementen, die einen Hinweis auf das Unternehmenslogo darstellen.(…)

Essay

Der Glaube oder das Leben /Faith or Life

Ein Architekturpreis, viele Experten, und das neue Spiel der Positionen/An Architecture Prize, Several Experts and the New Game of Vying for a Position
Von/by Dietmar Steiner

Der “6. Mies van der Rohe Award for European Architecture”, der offizielle Architekturpreis der Europäischen Kommission, wurde 1999 dem Kunsthaus Bregenz von Peter Zumthor verliehen. Darüber freut sich Österreich – und ein wenig auch die Schweiz. Österreich freut sich auch über die Auswahl der “Finalisten”, wo die SOWI Innsbruck von Henke + Schreieck, das Niederösterreichische Landesarchiv und die Landesbibliothek in St.Pölten von Mike Loudon bzw. Karin Bily und Paul Katzberger, und das Institut für Informatik von Riegler Riewe aufgenommen wurden.
Die Entscheidung der Jury für Zumthors Bregenzer Kunsthaus fiel nach einer intensiven und grundsätzlichen Diskussion in harter und knapper Entscheidung gegen die Villa in Bordeaux von OMA. Damit prallten in der Jury zwei Positionen – anhand zweier außergewöhnlicher Bauten – zur zeitgenössischen Architektur Europas aufeinander, die geradezu prototypisch den Stand der Debatte repräsentieren. So ist die Position von Rem Koolhaas, im “Forschungslabor OMA” entwickelt und von den jüngeren Generationen der niederländischen Architektur abgewandelt fortgeführt. In den Projekten von Adriaan Geuze, MVRDV, Oosterhuis, Spuybroek, Neutelings und anderen zeigt sich eine dynamische und dialogische Architektur. Demgegenüber ist Zumthors Position einer absoluten, autonomen Architektur in vielen anderen Ländern Europas heute sehr verbreitet.
Die folgenden Überlegungen sind Nachgedanken zur Diskussion dieser Jury. Positionen, die vor zwanzig Jahren intensiv diskutiert wurden, kommen nun heute neu an die Oberfläche der Debatte. Hinter dem postmodernen Starkult der Entertainment-Architektur wächst erkennbar ein neuer ideologischer Richtungsstreit der Architektur. Beide Positionen sind bewundernswert legitim, wir sollten nur bedenken, was daraus erwächst.(…)

Österreich

Roland Frei & Lisa Ehrensperger: Eine Bank aus Beton, Glas und Eichenholz, aber ohne Schalter/A Bank of Concrete, Glass and Oak, but Without any Counters

Von/by Barbara Keiler
Bank für Tirol und Vorarlberg in Götzis, Vorarlberg

Was kann es Neues geben an einer Bankfiliale, die jüngst in einer Vorarlberger Marktgemeinde entstanden ist? Wie sieht die “Bank der Zukunft” zweier Schweizer Architekten an der Durchzugsstraße zwischen Feldkirch und Dornbirn aus? – Der erste Eindruck ist ein schlichter Kubus in Sichtbeton mit Fensterbändern und einer durchlichteten Eingangszone, inmitten eines schmalen Grundstückes, das die Häuserzeile durchbricht. Doch die zurückhaltende Hülle hat mehr zu bieten: Die Ambivalenz von geschlossenen und offenen Fassaden, von durchgehenden, großzügigen Räumen auf der einen Seite und ökonomisch zusammengefassten Nutzflächen in der daneben liegenden Raumzone bestimmt das stringente Konzept von Roland Frei & Lisa Ehrensperger. Auf insgesamt vier Geschoße verteilen sich Kundenbereiche, interne Büros, Räumlichkeiten des Beratungsteams für Wohnbaufragen, zwei Treppenhäuser, eine Tiefgarage und sogar eine Dachterrasse. Je nach Raum sieht man sich von Eichenholz oder von Putz und Stein umgeben; Akzente setzen Beleuchtungsdetails oder die bunte Möblierung. Der durchgehende Beratungsraum im Erdgeschoß ist auch nach den Betriebszeiten als Ganzes erlebbar, denn nur bewegliche Holzlamellen werden in der Nacht und am Wochenende eingeschoben. Sie erlauben den Durchblick vom zweigeschoßigen SB-Foyer zum Kommunikationsbereich, in dem sich der Kunde umsehen und bei Bedarf beraten lassen kann. Das moderne Bankkonzept hat den Verzicht auf eine herkömmliche Schalteranlage ermöglicht, und so glaubt man sich in die angenehme Atmosphäre eines Stehcafés versetzt.(…)

Daniele Marques & Bruno Zurkirchen: Verdichten und Öffnen der Ortsmitte/Increasing the Density and Opening the Town Centre

Von/by Fabrizio Brentini
Marktzentrum “Kirchpark” in Lustenau, Vorarlberg

Lustenau, aus ehemals sieben Ortsbezirken zusammengewachsen und ohne auf den ersten Blick auszumachendes Zentrum, hat durch das neue Marktzentrum Kirchpark – bestehend aus einem Supermarkt und mehreren kleineren Geschäften – eine neue Mitte bekommen. Dieser Platz, wo bisher schon Kirche, Gemeindesaal, Post und Bank das öffentliche Geschehen konzentrierten, war bereits seit Jahren Gegenstand städtebaulicher Bemühungen. Die beiden Schweizer Architekten erhielten anlässlich eines 1990 ausgeschriebenen Wettbewerbs die Gelegenheit, das Ortszentrum Lustenau durch ihren prämierten Entwurf (Marktzentrum und Platzgestaltung) neu zu strukturieren. Wesentliches und als eigenständiger Bauteil über dem neuen Einkaufszentrum schwebendes Element ist eine große, weit über den Platz vorkragende Dachplatte, (die Jean Nouvels Luzerner Dach in Erinnerung ruft, aber Jahre davor geplant worden war), die dem Wochenmarkt Unterstand bietet und die auch das auf den Supermarkt gesetzte Parkdeck vor Regen und Witterung schützt. Das Layout des Platzes selbst ist bewusst bescheiden ausformuliert, um die umgebende Bebauung nicht zu dominieren. Er ist seiner vielfältigen Funktion entsprechend mit einem fugenlosen strapazierfähigen Belag in Dunkelblau überzogen, der nur durch Rinnenelemente (zur Entwässerung) bzw. durch die eingesetzten Lichtpunkte rhythmisiert wird. Ein Leuchtmast an der nordwestlichen Ecke des Reichshofsaales taucht das vielfältige Geschehen auf dem Platz abends in ein stimmungsvolles Licht – das Marktzentrum wird Bühne. (…)

Alessandro Alverà: Gefasste Fassung/A Contained Setting

Von/by Matthias Boeckl
Erweiterung und Einrichtung des Kaiserlichen Hofmobiliendepots, Wien

Vom verstaubten Kuriosum eines buchstäblichen “Inventars” der Monarchie zu einer gestalterisch und wissenschaftlich anspruchsvollen Präsentation der Wohnkultur dreier Jahrhunderte – so könnte man den 1998 fertiggestellten Umbau samt Erweiterung des Bundesmobiliendepots in Wien umschreiben. Parallel zur Ausgliederung des Publikumsbetriebes dieser bundeseigenen Sammlung von Repräsentationsmöbeln für Amts- und Residenzausstattungszwecke aus der direkten Ministerialverwaltung in die Obhut der Schönbrunn-Betriebsgesellschaft entstand das seltene und daher erfreuliche Ergebnis eines größeren realisierten Projekts von Alessandro Alverà. Die Ausgliederung führte aber auch zu einigen Marketingblüten wie der irreführenden neuen Bezeichnung als “kaiserliches” Hofmobiliendepot. Diese – verständlicherweise – auf den Tourismus ausgerichtete Titulierung verstellt nämlich die Sicht auf die beachtlichen Leistungen der Sammlung und ihrer architektonischen “Fassung” seit dem Ende der Monarchie.(…)

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