architektur.aktuell 07/08/1999

architektur.aktuell 07/08/1999

architektur.aktuell

Lacaton & Vassal: 6 Monate – zwei Tage – zwei Jahre/6 Months – Two days – Two years

Von/by Dietmar Steiner
Drei Einfamilienhäuser in Frankreich

 

Es muss im Jahre 1996 gewesen sein, da lag ein kleines schmales Büchlein herum. Mit vielen Fotos von Landschaft und Natur. Und nur ein oder zwei Bilder eines Hauses, komplett mit Well-Eternit verkleidet. Ein zartes und poetisches Bild, aber mehr erkannte man nicht. Diese kryptische Verschwiegenheit war ein Ansporn, sich auf die Suche zu begeben. Die Recherche ergab, dass dieses Haus von den bislang kaum bekannten jungen Architekten Anne Lacaton und Jean Philippe Vassal entworfen und in Bordeaux errichtet wurde. Dass dieses Haus ein erklärtes Statement zu einer Architektur des “Minimum” war. Nicht minimalistisch als ästhetisches Kalkül und Programm, sondern als radikales Bekenntnis zu einem Konzept der minimalen Kosten bei maximalem Raumangebot, mit einem dennoch höchst ästhetischen Ergebnis.(…)
Inzwischen gibt es zwei weitere Einfamilienhäuser von Lacaton & Vassal, alle demselben Prinzip verpflichtet, Prototypen geradezu, in ihrer scheinbar absichtslos reduzierten Konzeption. Häuser, die eine Zukunft junger Architektur verkünden, die sich auf völlig neue Art zu einer sozialen und ökonomischen Verantwortung bekennt, bei höchster architektonischer Konzentration.(…)

Mey &Pantzer: Going Deeper Underground

Von/by Christof Bodenbach
Discothek “U 60311″ in Frankfurt am Main, Deutschland

Baulandressourcen schonen! Vorhandene Infrastrukturen nutzen! Innenstädte außerhalb der Geschäftszeiten beleben! So schallt es Architekten und Stadtplanern landauf landab entgegen. All dies und noch einiges mehr tut ein neues Tanzlokal in Deutschlands Bankenmetropole.
Mainhattan, City of the Euro, Innenstadt. Hier, im Schatten von Sir Normans Commerzbankturm und all den anderen Himmelsstürmereien der internationalen Finanzwelt, finden sich seit einigen Monaten drei Pavillons, die den zu Fuß oder im Auto Vorbeihastenden irritieren. Sind es Kioske mit rätselhaften Waren, (schon wieder) neue Technikboxen städtischer Infrastruktur, ist es gar Kunst im öffentlichen Raum? Nichts davon – und doch von allem etwas! Aus einer ehemaligen Fußgängerunterführung, lange Zeit brachliegend und verschlossen, machten die jungen Frankfurter Architekten Bernd Mey und Christian Pantzer eine Discothek und Bar mit ungewöhnlichem, weil ganz und gar gewöhnlichen, Ambiente. Am Tag, und überirdisch, ist davon nicht viel zu sehen. Nach Sonnenuntergang hingegen locken die drei beleuchteten Häuschen die sprichwörtlichen Nachtschwärmer in Massen an.(…)

Essay

“got LIVE if you want it!”
Laurids Ortner und Wolf D. Prix im Gespräch mit/in conversation with Dietmar Steiner
Netzknoten, Oberflächen/Network Nodes and Surfaces

Von/by Robert Temel

Junge Architektur in Österreich heute, am Ende dieses Jahrhunderts, ist medial vor allem durch zwei Merkmale erkennbar. Die jungen ArchitektInnen sind selten Einzelkämpfer sondern organisieren sich in Gruppen und geben sich häufig kryptische Namen. Und oberflächlich betrachtet sind viele konzeptive und formale Ansätze zu sehen, die an die avantgardistischen Bemühungen der späten sechziger und frühen siebziger Jahre erinnern. Dies ist ziemlich sicher ein Vorurteil, sollte aber deshalb ein Anlass sein, erstmals zwei der Pioniere von damals gemeinsam zu befragen. Haus-Rucker-Co und Coop Himmelblau waren Ende der sechziger Jahre die ersten Gruppen des “Austrian phenomenon” (Peter Cook) die sich international in eine Bewegung einreihten, die auch von anderen Gruppen wie beispielsweise “archigram” in London, “antfarm” in den USA, “archizoom” und “superstudio” in Italien geprägt war.
Heute, ziemlich genau dreißig Jahre später, vertreten diese beiden Pioniere geradezu konträre Positionen zur Architektur. Prix und Swiczinsky waren damals Coop Himmelblau und sind heute Coop Himmelb(l)au. Haus-Rucker-Co waren damals Laurids und Manfred Ortner, Günter Zamp Kelp und Klaus Pinter, haben sich als Gruppe Mitte der achtziger Jahre dezidiert aufgelöst und arbeiten heute als Architekten. Wolf D. Prix und Laurids Ortner stellen sich dem Gespräch über alte Zeiten, die Zeit der Entwicklung, die Position heute und ihre Sicht der heute jungen Architektur, sind sie alle doch inzwischen auch Professoren geworden.(…)

Österreich

Ebner & Eckerstorfer: Zwischen Fels und Stadt/Between the Cliff and the City

Von/by Otto Kapfinger

Mit dem Wiener Museumsquartier wird im Jahr 2001 der erste große Kulturbau der Republik Österreich eröffnet. 15 Jahre lang wird dann seit der Wettbewerbsausschreibung gestritten, geplant und schließlich gebaut worden sein, doch in der Schlacht um Türme und Volumina fielen so manche Themen unter den Tisch. Die Frage ist: Welche Ereignisse haben bisher das Quartier ausgemacht und welche werden das in Zukunft tun? (…)

(…) Die Relevanz des Ortes kann nicht allein von den großen Magneten Leopold Museum, Museum Moderner Kunst sowie Kunst- und Veranstaltungshalle der Stadt Wien gewährleistet werden, sondern wird genauso stark von den vielen kleinen, innovativen Institutionen abhängen. Ein Netzwerk für Kunst und Kultur im 21. Jahrhundert muss digitale Medien ebenso umspannen wie Architektur, Design und Musik, neue Kunstbegriffe ebenso wie zeitgenössische Interpretationen von Kultur. Ich hoffe, Lust gemacht zu haben auf die Fortsetzung und Erweiterung der Experimente…

Peter Ebner: Hoch hinaus/High Aims

Von/by Roman Höllbacher
Zwei Entwürfe in der Schutzzone der Stadt Salzburg

Die Geschwindigkeit, mit der Peter Ebner bei all seinen Aktvitäten zur Sache geht ist atemberaubend. Er hat eine Tischlerlehre hinter sich, ein Architekturstudium abgeschlossen und soeben sein erstes großes Bauvorhaben fertiggestellt. Die Wettbewerbe, die er zum Teil in Partnerschaften mit einigen Hot Shots der internationalen Szene entwickelt hat, wären ein eigenes Thema. Dass ihn nicht nur praktizierendes Entwerfen und Bauen, sondern auch die gedankliche Auseinandersetzung mit Architektur interessiert, dokumentieren die von ihm organisierten Vorträge und Symposien. Stillstand, so denke ich, ist ihm ein Graus und auf die imaginäre gestellte Frage, wonach er strebt, würde er mit einem Lächeln und dem Hinweis auf die Stille des Augenblicks antworten. Solch subjektive Einschätzungen mögen irreführend und in einer Kritik unpassend erscheinen, von der man erwartet, dass sie sich an objektiven Daten, Kategorien und Querverweisen orientiert. Ich empfinde es aber als Bedürfnis, den Menschen nicht hinten den Projekten verschwinden zu lassen. Die Maschinerie der Architekturpublizistik verleiht mitunter Ruhm und Anerkennung, aber sie verschlingt nicht selten das Besondere eines Charakters.(…)

Hans Gangoly: Wie weit kann man mit Glas gehen?/How Far Can One Go With Glass?

Von/by Robert Temel
Einfamilienhaus in St. Peter, Steiermark

In St. Peter, einer ländlichen Gegend am Ostrand von Graz, errichtete Hans Gangoly ein Wohnhaus für seine Frau und sich. St. Peter ist ein heute eingemeindetes Dorf in den Hügeln am Rande des Grazer Beckens, an das die Stadt im Laufe der letzten Jahrzehnte durch die “besseren” Einfamilienhausgebiete herangewachsen ist. In der unmittelbaren Umgebung findet man nur einige kleine Häuser aus den fünfziger Jahren, es fehlen die einige hundert Meter stadteinwärts gelegene Barockbunker und Landgut-Agglomerationen. In diesem Sinne fügt sich der Neubau mit ca. 75 m2 Grundfläche durchaus in den bestehenden Rahmen ein. Dem Haus liegt eine sehr einfache Konzeption zugrunde: Geschlossene Seitenwände nach Norden und Süden in Richtung der Nachbarbebauung, und fast vollständig geöffnete Fassaden in der unverbauten Ost-West-Achse. Diese Fassaden bestehen aus auf vorgefertigte Rahmen montierten Glas- bzw. OSB-Platten, letztere kombiniert mit strukturierten Polyesterscheiben. An der östlichen Straßenseite setzt die Stahltreppe, die aus dem Obergeschoß auf die Dachterrasse führt, ein visuelles Zeichen, das in St. Peter bereits als Landmark
Verwendung findet.(…)

AB domen: “Wir sind neugierig”/”We Are Curious”

Von/by Sasha Pirker
Wohnscheune in Gampern / Oberöstereich, Megacard OFF-ICE in Wien

“Wenn wir etwas umbauen, finden wir natürlich Grenzen vorgesetzt, die wir versuchen aufzulösen. Uns geht es um die Expansion eines Raumes, um das Penetrieren und Durchdringen von Elementen.”
AB domen, das sind Harald Almhofer und Wolfgang Badstuber, die seit 1993 zusammenarbeiten und beide kurz vor ihrem Studienabschluss an der TU-Wien stehen. Beide experimentieren gerne mit Materialien, haben bereits diverse Prototypen im Möbelbau entworfen und wollen ihre Materialwahl nicht auf den Baumarkt beschränkt sehen. Bei ihren Versuchen, neue Werkstoffe in die Architektur zu transportieren, arbeiten sie auch immer wieder branchenübergreifend, mit Künstlern und Designern zusammen.(…)

BEHF Architekten: Die Rhetorik des Nützlichen/The Rhetoric of the Useful

Von/by Gabriele Kaiser
Büro- und Geschäftshaus in Klagenfurt, Kärnten

Das in die verstädterte Peripherie Klagenfurts gesetzte Büro- und Geschäftshaus ist kein Bau der großen Geste. Weder ringt es durch dekonstruktivistische Applikationen um Ausdruck, noch reagiert es auf den im Gewerbebau üblich gewordenen Standard der dekorierten Kiste mit demonstrativer Ärmlichkeit oder Banalität. Objekthaft schlicht und klar gefasst steht der Baukörper da und weckt mit seiner feinen Dialektik zwischen Zurückhaltung und Beredsamkeit Interesse. Dass es den Architekten BEHF – Erich Bernard, Armin Ebner, Susi Hasenauer, Stephan Ferenczy – vor allem um die klare Organisation funktionaler Zusammenhänge, aber ebenso um die Lesbarkeit dieser organisatorischen und funktionalen Ordnungen im und rund um das Gebäude ging, wird bereits in der eindeutigen horizontalen Zäsur zwischen Untergeschoß (wo ein Lebensmittelmarkt eingezogen ist) und dem kleineren Obergeschoß (das zwei getrennte Büroeinheiten birgt) kenntlich. Im inversen Gesims dazwischen liegt ein durchlaufendes Band aus Leuchtstoffröhren, das die funktionale Unverbindlichkeit zwischen den beiden Geschoßen allabendlich beleuchtet. Und dieses kleine Detail wirft auch bereits ein erstes Licht auf ein architektonisches Leitmotiv dieses Gebäudes, in dem sich die zwiespältige Nutzung (Büro / Einkaufsmarkt) in ein ambivalentes Spiel der Betonung und Neutralisierung von Zwecken auflöst.(…)

The Unit: Von der Straße in die Bank/From the Street to the Bank

Von/by Roland Kanfer
Jugendbank “4you” in Krems, Niederösterreich

Herr und Frau Generaldirektor wären entsetzt. Das soll eine Bank sein? Keine freundlich lächelnde “Bankbeamtin” hinter dem Schalter, keine Polstermöbel, kein Marmor – statt dessen nackter Beton und Glas als Entree, coole Teenager, die dem Besucher aus der Auslage entgegenstarren, MTV-Videos, die an der Wand flimmern. Der Empfangsraum ist leer, nur ein Computerterminal wächst mitten aus dem Boden. Der “Netboy”, eine Erfindung des Wiener Architekturteams the unit, ist eine Multimedia-Station zum Berühren, Surfen, Informieren. Auch sonst erinnert bei der 4you-Bank am Kremser Bahnhofsplatz nicht viel an eine klassische Bankfiliale. Die Architekten Georg Petrovic und Wolfgang Bürgler haben mit ihrem Team vielmehr einen Treffpunkt für Teenager geschaffen, der bereits bei der Eröffnung im April von ihnen begeistert aufgenommen wurde. In der “Jugendbox” sind die Kids zu Hause, hier geben sie den Ton an. Die minimalistische Gestaltung ist Programm. Die Architekten geben der Filiale der Kremser Bank damit eine Corporate Identity, die lautet: die Überwindung der Hemmschwelle zwischen Jugendkultur und Finanzwelt. Mit anderen Worten: Die 4you-Bank bemüht sich um “Street Credibility”.(…)

Georg Marterer: Der konstruktive Gedanke/The Constructional Idea

Von/by Elke Krasny
Teehaus in Neustift am Walde, Wien

Mitten in einer Wiener Kleingartensiedlung in Neustift am Walde ist ein Fremdkörper gelandet: Georg Marterers Einfamilienhaus für einen aus Hamburg stammenden Teeverkoster. Anfänglich wurde das Haus, das in der Zwischenzeit auch bei vielen Anrainern Anklang findet, sogar mit einem Landeplatz für Hubschrauber verglichen. Der konstruktive Gedanke kommt bereits außen deutlich zum Ausdruck. Ein dreigeschoßiger klarer Baukörper mit Flachdach steht auf einem steil abfallenden Nordhang. Schon von weitem sticht die großzügig zum Außenraum geöffnete nordseitige Glasfassade ins Auge. Innenraum und Außenraum gehen einen intensiven Dialog miteinander ein – die landschaftliche Umgebung, der weite Blick auf die gegenüberliegenden Weingärten wurde hautnah ins Hausinnere hereingeholt. Die drei anderen Fassaden sind zum Teil mit schwarz lasierter sibirischer Lärche verkleidet. Dieses Wechselspiel zwischen geschlossenen und offenen Elementen prägt den ersten Eindruck des Hauses. Die geschlossenen schwarzen Fassadenflächen setzen in die Siedlung ein vertrautes farbliches Zeichen.
Viele der Häuser des Altbestands weisen eine ähnliche Farbgebung auf. Auch historisch gibt es Anknüpfungpunkte an die Intentionen der Siedlerbewegung der zwanziger Jahre – Schaffung von Wohnraum unter Auslotung der aktuellen technischen und konstruktiven Möglichkeiten. Auch im historischen Siedlungswesen wurden verschiedenste Baumethoden erprobt und umgesetzt. Das Wohnhaus als realisierte Organisation unserer Lebensgewohnheiten (Margarete Schütte Lihotzky): auf nur 50 m2 bebauter Fläche stapeln sich die drei Geschoße des Teehauses und bieten ungewöhnlich vielfältige Möglichkeiten, neue
Lebensgewohnheiten zu entwickeln.(…)

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