architektur.aktuell 09/2005

architektur.aktuell 09/2005

science & structure

Diener & Diener, Helmut Federle, Gerold Wiederin: Forum 3 Bürogebäude am Novartis Campus in Basel, Schweiz | Forum 3 Office Building, Novartis Campus, Basel, Switzerland

Photos: Christian Richters, Erica Overmeer; Text: Dominique Boudet
Der Schwebeeffekt

Mit seiner langen, bunten Glasmosaikfassade erscheint das neue Bürogebäude für Novartis in Basel noch zerbrechlich und isoliert. Rundherum wird noch fieberhaft gearbeitet, an archäologischen Ausgrabungen und am Bau eines unterirdischen Parkhauses. Überall stehen Kräne, Gerüste und halbfertige Gebäude. Aber in einigen Monaten, wenn der Park über der Garage angelegt und der Boden über den Ausgrabungen geebnet ist, wird sich das Gebäude von Diener & Diener, dem Künstler Helmut Federle, dem österreichischen Architekten Gerold Wiederin und Vogt Landschaftsarchitekten ganz natürlich in den Bauplatz einschreiben: Der Block aus vier bunten Stockwerken wird aussehen, als schwebte er zwischen Hof und Garten.


Herzog & de Meuron: Fußballstadion in München, Deutschland | Soccer Stadium in Munich, Germany

Photos: Allianz Arena, Michael Heinrich, Duccio Malagamba; Text: Wolfgang Jean Stock
Faszinierende Hülle für den Hexenkessel

Jacques Herzog und Pierre de Meuron stellen ihr neues Stadion in München auf eine hohe Stufe: Als “Pilgerstätte für Fußballbegeisterte” komme es einem Kulturbau gleich, etwa einem Opernhaus. Nach den ersten Spielen wurde freilich klar, dass es sich um einen intelligenten Zweckbau handelt – der attraktive Membrankörper umhüllt eine Arena, die als “Hexenkessel” dem lautstarken Kampf dient.


Staab Architekten: Servicecenter auf der Theresienwiese in München, Deutschland | Service Centre on the Theresienwiese in Munich, Germany

Photos: Werner Huthmacher; Text: Andrea Nussbaum
Chamäleon sucht Fest

Nur 16 Tage dauert das Oktoberfest in München. Dennoch braucht es für diese kurze Zeit ein Servicecenter, das Infrastruktureinrichtungen wie Polizei, Erste Hilfe oder Büroräume der Festleitung aufnimmt. Den Rest des Jahres steht das Gebäude nahezu leer. Volker Staab hat auf diese Anforderung mit einem langgestreckten, ebenerdigen Baukörper geantwortet, der sich hermetisch hinter einer Kupferhülle verschließt und erst zum “Wies’n”-Betrieb verhalten öffnet.


Behnisch & Partner: Akademie der Künste in Berlin, Deutschland | Academy of Arts in Berlin, Germany

Photos: Werner Huthmacher; Text: Dominique Boudet
Offen für Neues

Im Mai 2005, nach zehn Jahren Bauzeit, öffnete die Akademie der Künste in Berlin wieder ihre Tore am Pariser Platz, wo sie bereits vor dem Krieg untergebracht war. Hinter der Glasfassade, die drei Jahre lang eine außergewöhnlich heftige Polemik hervorgerufen hat, bewahrt sie die Spuren der oft tragischen Berliner Geschichte des 20. Jahrhunderts.


Essay

Slowenien – ein Bericht | Slovenia – A Report

Text: Andrej Hrausky
Wenn wir über den augenblicklichen Stand der Architektur in Slowenien sprechen, können wir dem Vergleich “früher – jetzt” nicht ausweichen. Das ist nichts Ungewöhnliches, hat doch Slowenien in den letzten fünfzehn Jahren große Veränderungen erlebt. Nicht nur, dass es 1991 zum selbständigen Staat wurde und sich von dem Staatsgebilde löste, dem es seit dem Ersten Weltkrieg angehörte – gleichzeitig wurde auch nach 45 Jahren Sozialismus die kapitalistische Gesellschaftsordnung wieder errichtet. Für eine Gesellschaft, die großteils ihre kapitalistischen Erfahrungen schon vergessen, die nie eine echte Demokratie erlebt (das Königreich Jugoslawien vor dem Zweiten Weltkrieg war ab 1929 eine Diktatur) und die nie einen eigenen Staat hatte, waren das große Veränderungen, die sich auch in der Architektur widerspiegelten. Vermutlich waren diese aber trotz allem nicht so radikal wie in den anderen Staaten des sozialistischen Europa. 

Andreas Treusch: Fachhochschule Wels, Oberösterreich | Wels College of Engineering, Austria

Photos: Rupert Steiner; Text: Matthias Boeckl
Future Manufacturing

Neben dem Automobilcluster um Graz findet sich in Oberösterreich zwischen Steyr und Linz die zweite Herzkammer der österreichischen Industrie. Nirgendwo sonst in der Alpenrepublik wird mehr in technologische Forschung investiert als in dieser Region. Mit dem neuen Instrument der Fachhochschulen schafft die Landesregierung mit größtem Nachdruck weitere Standortvorteile, zuletzt in Steyr und Hagenberg. Auch die Auswahl der Architekten für diese programmatische Aufgabe verrät einen starken Willen zur Qualität. Andreas Treusch, der trotz seiner Jugend sowohl im Bildungsbau als auch bei Technik-geprägten Bauaufgaben bereits auf mehrere spektakuläre Realisierungen verweisen kann, war für die Planung der neuen Fachhochschule Wels die Idealbesetzung. 

Luger & Maul: Seelsorgestelle St. Franziskus in Wels, Oberösterreich | St. Franziskus Pastoral Centre in Wels, Austria

Photos: Walter Ebenhofer; Text: Romana Ring
Lichtportal und Wiesengrund

Eine katholische Seelsorgestelle, deren Entstehung sich nicht aus bevölkerungsstatistischen Überlegungen ergeben hat, sondern im positiven Echo auf die eigene Arbeit gründet, ist zumindest selten. Das Welser Architekturbüro Luger & Maul hat diese offenbar sehr eigenständige Seelsorgearbeit zum Ausgangspunkt und Ziel seiner Entwurfs-Überlegungen gemacht und so eine ebenso ungewöhnliche Anlage geschaffen, die sich den gängigen Bildern von “Kirche” – so bunt, breit und widersprüchlich diese auch gefächert sein mögen – schlicht entzieht. 

Holzbauer & Partner: Hauptbahnhof Linz, Oberösterreich | Main Railway Station Linz, Austria

Photos: Dietmar Tollerian; Text: Matthias Boeckl
Buy and Fly

Das große Linzer Städtebau-Projekt des Bahnhofsviertels umfasst unter anderem einen Bürobau der Landesregierung, eine Nahverkehrsdrehscheibe, einen Bibliotheks-”Wissensturm” und neuerdings auch einen spekulativen Büroturm der Bundesbahnen. Das Herzstück des neuen Stadtteils ist aber naturgemäß der Bahnhof, der im Zuge der seit Jahren laufenden, grundlegenden Erneuerung sämtlicher österreichischer Bahnanlagen errichtet wurde. 

Neumann & Steiner: Landesdienstleistungszentrum Linz, Oberösterreich | Main Railway Station Linz, Austria

Photos: Dietmar Tollerian; Text: Matthias Boeckl
Der grüne Riese

Vor acht Jahren noch als ambitioniertes Stadtentwicklungsprojekt unter hochkarätigerer internationaler Architekten-Beteiligung begonnen, wurde das neue Linzer Bahnhofsviertel bald in finsteren Kabalen filetiert und die Einzelstücke schließlich – weitgehend unabhängig vom ursprünglichen Masterplan – von verschiedenen österreichischen Planungsteams realisiert. Das Bürogebäude der Landesverwaltung ist das größte Volumen am Platz und zeigt, was unter diesen Bedingungen der geschäftstüchtigen oberösterreichischen Bauträger gerade noch möglich ist.


Small&Smart

GRMW: Mobiler Ticketkiosk | Mobile Ticket Kiosk

Photos: Pez Hejduk, GRMW; Text: Matthias Boeckl
Flirrendes Platzgestaltungs-Gerät

Ein mobiler Verkaufsstand, beispielsweise für Tickets, ist nur dann tatsächlich mobil, wenn er unterschiedlichen Kontexten angepasst werden kann. Das ist in den stets Kulturerbeverdächtigen österreichischen Innenstädten von Belang. Und natürlich muss ein mobiler Kiosk auch leicht aufzubauen, zu zerlegen und zu transportieren sein. Diese klassische Einsteiger-Aufgabe meisterte die junge Gruppe GRMW geradezu virtuos. Das System besteht aus einem Basismodul, in dem die Hauptfunktionen untergebracht sind – konkret sind das zwei kleine Arbeitsplätze – sowie aus einem variablen Element, das beliebig daran angedockt werden kann und als Signalträger dient. Der Raumabschluss des Basismoduls besteht aus Isolierglas, Klimaanlage und Heizung sind im Sockel untergebracht. Die Außenhaut beider Elemente ist eine Gitterstruktur aus 5 mm dickem, beschichtetem Stahlblech. Sie ist nicht nur Tragstruktur für einen Plasmabildschirm, sondern auch mechanischer Schutz beider Einheiten und zudem optisches Instrument. Mittels der dadurch fragmentierten Wahrnehmung der Umgebung wird Aufmerksamkeit erzeugt. Die Gitterstruktur ist aber auch transparent, sodass die irritierte Umgebung nie vollständig verdeckt wird, sondern stets sichtbar bleibt. Auch als Mittelpunkt von Freiluft-Happenings eignet sich das Objekt, da zusätzliche Audio- und Videomodule freistehend oder mit dem Basismodul verbunden ihre Inszenierungseffekte ausspielen können. Ein intelligentes, denkmalschutzfestes Universalgerät zur Bespielung städtischer Plätze, die dadurch auch in ihrem Bestand aufgewertet werden können.

2plus-architekten: Offenes Kulturhaus Seekirchen, Salzburg

Photos: Leo Fellinger, 2plus-architekten; Text: Gerald A. Rödler
Kreatives Implantat

Bald nach der Stadterhebung Seekirchens (2000) begann der ebendort rührige Kulturverein kunstBOX, sich nach einer geeigneten Spielstätte für sein engagiertes Programm umzusehen. Mit einer Unterschriftenaktion 2001 und im Jahr darauf der Konzeption als EU-Förderprogramm LEADER+, konnten 2003 noch das Land Salzburg und die Stadtgemeinde Seekirchen für eine Drittelförderung gewonnen werden. Zum öffentlichen Charakter des Projekts, der Aufwertung des kulturellen Stadtlebens, fand sich im Stadtkern das passende Objekt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet, diente das Lagerhaus zwischenzeitlich als Emailierungswerk und sollte nun im strengen Budgetkorsett adaptiert werden. Die Wünsche des Bauherrn setzten kongenial 2plus-architekten um: barrierefrei einen Veranstaltungssaal für bis zu 200 Personen und einen autarken Barbereich, Vereinsbüro, Künstlergarderobe, einen weiteren Raum für Galeriebetrieb sowie Sanitär-, Technik- und Lagerräume.
Die auffälligste Entwurfsidee kam den Planern bei Tabak und einer Zündholzschachtel. Passend zum Namen des Kulturvereins schoben sie eine versetzte orange Box ins Dach, die Direktion und Vereinsbüro beherbergt, und farbkräftig mit der schwarzen Fassade kontrastiert. Nach Entkernung des dreigeschoßigen Gebäudes wurde die letzte Geschoßdecke dank eines neuen Tragsystems für den bestehenden Dachstuhl gehoben, um dem Veranstaltungssaal maximale Raumhöhe und bessere Akustik zu verschaffen und die erfrischend asymmetrische Galerie einsetzen zu können. Von der Künstlergarderobe kann die Bühne über eine Wendeltreppe direkt erschlossen werden. Der zweigeschoßige Barbereich ist als “foyer bar” auch außerhalb der Veranstaltungen in Betrieb und öffnet sich rot leuchtend mit einer Glasfassade zur Straße. Das Deckenlicht kann für jede gewünschte Atmosphäre entsprechend gedimmt werden. Im bestehenden Liftschacht logieren Teile der Haustechnik.
Das Offene Kulturhaus polarisiert in seiner modernen Sprache die Gemüter. Was den einen im rustikal-idyllischen Ensemble als zu schroff erscheint, das nehmen die anderen dankbar als ersehnte kreative Keimzelle wahr. In nicht einmal 20 Kilometern Entfernung zur Festspielstadt Salzburg haben 2plus-architekten nicht nur Einfallsreichtum und Ingenieurskunst bewiesen, sondern auch belebende Überzeugungsarbeit geleistet.

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