architektur.aktuell 10/2006

architektur.aktuell 10/2006

resistance

Grüntuch Ernst: Erweiterung Bruno Bürgel Grundschule in Berlin | Extension to Bruno Bürgel Elementary School in Berlin

Photos: Werner Huthmacher; Text: Claus Käpplinger
Polyvalenz in der Peripherie

Eine sehr sensualistische Architektur verfolgen die Berliner Architekten Grüntuch Ernst, die gerade immer wieder auch Kinder für die Potentiale von Raum und Stadt sensibilisieren will. Als eine sehr individuell zu lösende Herausforderung verstehen sie stets die Aufgabe Schule, der sie bereits mehrfach höchst eigensinnige Räume und Körper abzugewinnen verstanden. So verwundert es nicht, dass nun auch ihre jüngste Schulerweiterung im Süden Berlins ein ungewöhnliches Ergebnis hervorbrachte, einen schwebenden Baukörper sehr vielfältiger Maßstäblichkeiten und Perforationen.


Fink+Jocher: Stadthaus München-Westend | Urban Apartment and Commercial Building, Munich-Westend

Photos: Michael Heinrich; Text: Leonie Manhardt-Zech
Rotes Juwel

Das Westend ist ein aufstrebender zentrumsnaher Stadtteil Münchens. Nun ersetzt ein neues Stadthaus fünf alte Wohnhäuser, deren Erhalt nicht mehr wirtschaftlich war. Die Architekten Fink+Jocher -haben durch den Bau eines Wohn- und Geschäftshauses dem Prozess der Aufwertung dieses innenstadt-nahen Gebietes einen weiteren bedeutenden Impuls gegeben.


Helen & Hard: Projekte in Stavanger, Norwegen | Projects in Stavanger, Norway

Photos: Nils Petter Dale, Emilie Maximilian Ezuka Ashley; Text: Martin Braathen
Kompostmoderner Regionalismus

“Der Ort” ist in den letzen 40 Jahren dominierendes Thema im norwegischen Architekturdiskurs gewesen. Durch die Lehren von Theoretikern wie Christian Norberg-Schulz und Praktiker wie Sverre Fehn haben mehrere Generationen norwegischer Architekten als wichtigste Ausgangspunkte für eine regionalistische Architektur die lokale Topografie, Lichtverhältnisse und Naturmaterialen gesetzt. Dieses strenge Ethos, geprägt von Anforderungen wie Materialehrlichkeit, klarer Konstruktion, vorgefundenen Ortsqualitäten und Heideggerscher Verkoppelung von Wohnsitz und Identität, wird vom erweiterten Verständnis des Ortsbegriffes bei Helen & Hard herausgefordert.


Anna Heringer, Eike Roswag: Schule in Rudrapur, Bangladesch | School in Rudrapur, Bangladesh

Photos: Kurt Hörbst; Text: Andrea Nussbaum
“handmade”-Architektur

Nicht erst seit den jüngsten (Natur-) Katastrophen zeichnet sich in der immer wieder von Krisen angetrieben Architekturdebatte ein neuer/alter Low-Tech/Low-Cost-Trend ab. Der ist nicht nur beliebtes Thema an Universitäten, sondern bestimmt auch zunehmend die Praxis von Architekturbüros. Sparsamkeit ist wieder gefragt. Auch der Akt des Bauens wird seit kurzem wieder wörtlich genommen wie das “handmade” Schulprojekt von Anna Heringer und Eike Roswag in Bangladesch beweist.


Essay

Less Aesthetics, more Statistics – 10. Internationale Architekturbiennale in Venedig | The 10th International Architecture Biennale in Venice

Photos: Anna Blau; Text: Matthias Boeckl
“Cities. Architecture and Society” – so lautet das Thema der diesjährigen Architekturbiennale. Die Idee einer idealen Verknüpfung von Architektur und Gesellschaft im aktuellen Stadtbegriff wird jedoch von der Realität widerlegt: Die Ausstellung zerfällt klar in einen soziologischen und einen künstlerischen Teil, die nur selten eine Symbiose eingehen.

Siegfried Delueg: Fernheizwerk Sexten, Italien | Sexten District Heating Plant in South Tyrol, Italy

Photos: Günter Richard Wett; Text: Robert Fabach
Thermotopos

“Das sichtbarste Zeichen des Vorteils, in der Gruppe zu Hause zu sein, ist die Feuerstelle; sie ist als das älteste Menschheitssymbol der klarste Hinweis darauf, dass Menschen ohne ein verwöhnendes Element nicht auskommen. Das gemeinsam gehegte Feuer birgt die Erfahrung, dass es natürliche Begünstiger gibt, die Vorteile gewähren, solange man sie sorgfältig im Auge behält. Wohltätig ist des Feuers Macht, vorausgesetzt, die Brandwache schläft nicht ein.” (Peter Sloterdijk). Wenn auch in Sexten die sinnliche Präsenz des Feuers ausgelagert wurde und seine Wärme – wie die abend-liche Erzählung – nun tele-kommuniziert wird, so hat man zumindest die neue “gemeinsame Feuerstelle” durch technische Exzellenz und die Sorgfalt ihrer Gestaltung gewürdigt. 

Höller & Klotzner: “Tiroler Goldschmied” in Schenna/Merano, Italien | Italy

Photos: Lucia Degonda; Text: Bettina Schlorhaufer
Prisma mit Facetten

Das Goldschmiede- und Schmuckhandels-Unternehmen der Familie Gamper ist in den dreißig Jahren seines Bestehens zu einem kleinen Imperium mit mehreren Filialen in den Tourismus-Hochburgen Dorf Tirol und Schenna bei Meran angewachsen. Nachdem schon das erste Geschäftsgebäude von Georg Klotzner entworfen worden war, wurde er auch mit allen weiteren Bauaufgaben des Unternehmens betraut. Mittlerweile hat er sich mit Thomas Höller zu einer Bürogemeinschaft zusammengeschlossen. Nun stellten sie als Höller & Klotzner für den “Tiroler Goldschmied” ein Wohn- und Geschäftshaus in Schenna fertig, das so gar nicht in das gängige Bild von traditionsbewusstem Bauen in Südtirol passt. 

Heinz Tesar: Infrastrukturgebäude für das Stift Klosterneuburg bei Wien | Infrastructure Building for Klosterneuburg Abbey near Vienna

Photos: Margherita Spiluttini, Atelier Tesar; Text: Matthias Boeckl
Der Weg ist das Ziel

Das Stift Klosterneuburg repräsentiert seit seiner Gründung 1114 durch den Babenberger Markgraf Leopold III., der hier auch seine Residenz errichtete, eine Urzelle Österreichs. Durch den großen barocken Ausbau unter Kaiser Karl VI. erhielt es seine landschaftsprägende architektonische Prominenz. Der Bau und seine Kunstschätze ziehen große Besucherscharen aus dem nahen Wien an, aber auch das Kloster selbst und seine Eigenbetriebe fordern modernste Infrastruktur. Heinz Tesar hat sie samt einem neuen Zugangsweg in und über einem unterirdischen Gebäude geschaffen und damit eine spannende Interpretation geistlicher Betriebsamkeit unter und neben einem bedeutenden Baudenkmal geliefert.


Small&Smart

Ohnmacht Flamm: Kundencenter Hypo Tirol Bank, Innsbruck, Tirol | Customer Service Centre of the Hypo Tirol Bank in Innsbruck, Austria

Photos: Henning Koepke; Text: Matthias Boeckl
Künstlerisches & Immaterielles

Banken bauen derzeit groß in der Innsbrucker Innenstadt. Neben der soeben fertig gestellten BTV von Heinz Tesar Ecke Erlerstraße/Gilmstraße entsteht bis 2008 nur einen Steinwurf weit entfernt, am Boznerplatz, das neue Hauptquartier der Hypo Tirol Bank von Schlögl & Süss. Bis dieser Neubau bezugsfertig ist, wurde das zentrale Kundencenter der Bank in einem nahen bestehenden Gebäude mit denkmalgeschützter Fassade untergebracht. Die prominente Lage neben der historischen Triumphpforte, das Selbstverständnis der landeseigenen Bank auch als eine kulturbildende Kraft und die Ambition der Architekten ermöglichten hier größere künstlerische Interventionen. Die Adaptierung der drei unteren Geschoße des Bestandsobjekts für die Banknutzung “folgte dem Grundgedanken, Kunden und Mitarbeitern einen möglichst freien und großzügigen Bewegungsraum zu bieten”, weshalb “das Raumkonzept auf wenige große raumbildende Elemente und ausgewählte Materialien reduziert” wurde. Die Planung in mehreren Raumschichten setzt sich im Lichtkonzept (Entwurf: Renato deToffol und Urs Fries), in der Möblierung und in den Interventionen der Münchner Künstler Wolfgang Aichner und Thomas Huber fort – drei ihrer Werke thematisieren Zweck und Lage des Hauses. Im Tresorraum des Untergeschoßes ist das die “Triumphpforte” (Inkjet auf Glaspaneelen mit LED), im Erdgeschoß eine 25 Meter lange und raumhohe Glaswand des Titels “Euro” und bei den Kundenwegen im Obergeschoß ein “Werteschleier”, “eine digitale Abstraktionsstufe des Geldes aus Quelltexten von Devisenkurs-Kurven”. Mitarbeiter und Kunden erhalten so eine künstlerisch anspruchsvolle und architektonisch großzügige Umgebung für ihre Geschäfte. Und auch sonst wird demonstriert, dass die Selbstdarstellung größerer Geldhäuser heute längst nicht mehr bei mechanischer Funktionalität endet, sondern auch Immaterielles transportieren soll.

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