architektur.aktuell 11/1999

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architektur.aktuell

International

Rafael Moneo: Erweiterung des Rathauses in Murcia, Spanien|Extension of the Town Hall in Murcia, Spain

Von|by Alberto T. Estévez
Bürgerliches Gegenüber

Im Zentrum von Murcia, der südspanischen Provinzhauptstadt, wurde im historischen Stadtkern jener repräsentative und feierliche Bebauungscharakter wieder zu neuem Leben erweckt, mit dem sich ein städtischer Raum bereichern kann. Voraussetzung dafür war der Abbruch eines Gebäudes, das bis dahin die wichtige Fassade gegenüber der Kathedrale am traditionsreichsten Platz der Stadt, der Plaza Cardenal Belluga, besetzte. An seiner Stelle wurde der Erweiterungsbau für das Rathaus errichtet. Nun präsentiert der Platz, wie in einem schweigsamen Dialog, die Architekturstile der zwei Gesellschaftsträger der Stadt, nämlich des Kirchlichen und des Bürgerlichen. Auf der einen Seite steht die üppige Barockfassade aus weißem und blauem Marmor und rotem Jaspis, in zwei Niveaus, mit einem zentralen und zwei seitlichen Bauteilen, die durch die großen korinthischen Säulen betont werden: Es handelt sich um die Fassade der Kathedrale von Murcia, ein Werk von Jaime Bort, begonnen 1737 und vollendet 1764. Auf der anderen Seite die strenge orthogonale Fassade aus gelbem Sandstein, errichtet als ein “waagrechtes Pentagramm”, einer Notenlinie gleich, aus der sich rhythmisch zahlreiche Pfeiler im quadratischen Grundriss entwickeln: Die Fassade des neuen Rathauses von Murcia von Rafael Moneo, von 1995 bis 1998 erbaut. (…)

Penezic & Rogina: Pastoralzentrum Trnje bei Zagreb, Kroatien|Pastoral Centre at Trnje near Zagreb, Croatia

Von|by Vera Grimmer
Die Angemessenheit des Maßstabes
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Im Zagreber Stadtteil Trnje zwischen der in Ost-West-Richtung verlaufenden Baulinie und dem südlichen Ufer der Save, wo sich die kleinräumige Baustruktur schon seit den fünfziger Jahren auf einem ständigen Rückzug vor dem großen Maßstab der Neubebauung befindet, entsteht ein Pfarrzentrum, das gerade aus dieser verschwindenden Peripheriestruktur seine Identität schöpft. Das aus einem Wettbewerb hervorgegangene Projekt der Zagreber Architekten Penezic und Rogina ist eine aus kleinen Einheiten gewachsene Ganzheit, bestehend aus der Pfarrkirche, dem Kloster, einem Pfarrhaus sowie dem Pastoralzentrum. Während sich die Klosteranlage im Bau befindet, ist das Pastoralzentrum als einziger Projektteil vollendet und übernimmt sogar die Funktionen der fehlenden Kirche und des Pfarrhauses. So wie das gesamte Pfarrzentrum als kleinmaßstäbliche Struktur gedacht ist, so bewahrt auch das Pastoralzentrum die Erinnerung an schmale Grenzziehungen und Kleinräumigkeit der ehemaligen Vorstadt. Innere Raumbewegungen werden als differenzierte Volumina manifest, während sich die Materialität als das prägende Element des Baues erweist. Ein Zusammenspiel natürlicher Materialien – Holz, Kupfer, weißer Kalkputz – erzeugt eine identitätstiftende Poetik. Das Pastoralzentrum Trnje ist vielleicht kein großstädtisches Haus, aber sicher fern jeder Vorstellung von einem kleinstädtischen Idyll. (…)

Essay

Shopping City

Von|by Anette Baldauf
Die Shopping Mall ist tot – die Stadt als (open air) Mall

Ob in Las Vegas, auf dem City Walk in Californien, am Times Square oder Potsdamer Platz – zunehmend verlassen die Global Players des Entertainments ihr abgestecktes Territorium und nehmen die “Stadt”, vielmehr die Idee der Stadt, für sich in Anspruch. Fragmentierung, Säuberung, Privatisierung, themenspezifische Organisation und Branding sind die Kennzeichen dieser Montage, in der die Stadt nicht nur Host, sondern Bühne und Narration zugleich ist.
“Urban Entertainment Centers” (UECs) demonstrieren in verdichteter Form die Tendenz zur Fusion von “Stadt & Unterhaltung”: In die Triade “Dining-Entertainment-Shopping” eingespannt, verfügen sie über zumindest eine reine Unterhaltungsattraktion (vielfach ein moderner Kinokomplex), themenspezifisch organisierte Restaurants und Entertainment-orientierte Geschäfte. Signifikanterweise sind UECs häufig adaptierte Shopping Centers, die nun mit dem Flair des Urbanen aufgewertet werden: Egal ob sie in der Innen- oder Vorstadt stehen, die streng choreografierten Unterhaltungszonen werden mit ästhetischen Verweisen auf Plätze, Promenaden und Märkte sowie konzeptionellen urbanen Qualitäten wie Dichte und Vielfalt versehen. UECs strapazieren dabei ein innerstädtisches Zeichensystem und bedienen sich so am kulturellen Kapital der Inner City (dessen Hipness jugendkulturelle Produktionen wie Hip-Hop, Rave und Jungle besonders deutlich machen). Gleichzeitig befriedigen sie Suburbias Ängste vor dem unbekannten Anderen mit einem ausgefeilten Überwachungs- und Kontrollsystem. Dies ist unter anderem der Grund, weshalb sich die gegenwärtige Ausdehnung der UECs auf die ganze Stadt an einer prototypisch suburbanen Institution orientiert: der Shopping Mall. Ihres utopischen Potentials beraubt, ist die Mall heute tendenziell mit rückläufigen BesucherInnenzahlen konfrontiert, dessen Organisations- und Überwachungsprinzipien jedoch führen das Motto “risikoloses Risiko” in die aktuelle Stadt-Transformation ein. (…)

Österreich

Klaus Kada: Landeskrankenhaus Hartberg, Steiermark|Hartberg Regional Hospital, Styria

Von|by Otto Kapfinger
Transitorische Flächen

“Vor dem Wettbewerb, bei der ersten Besichtigung des Grundstückes, bot sich mir ein traumhaft blühender Obstgarten dar: hinter dem schlossähnlichen Gebäude von “Maria Lebing” ein leicht ansteigendes Grundstück, mit weiter Aussicht über die oststeirische Ebene. Hier sollte ein riesiges Haus mit viel Volumen und Masse entstehen. Wie kann man diesen ersten Eindruck des blühenden Gartens weitgehend erhalten? Wie am Rande der Stadt eine urbane Ordnung artikulieren, die eine Grenze zur Landschaft mit dem unendlichen Grün bildet und damit diese Idylle bewahren, als Voraussetzung für Heilung und Gesundheit? Und wie kann man dieses Schloss und das alte Krankenhaus (von einem Otto Wagner-Schüler), welches im Lauf der Zeit verstümmelt, angestückelt und verschlimmbessert wurde, zumindest räumlich bewahren und in respektvoller Weise dem neuen, viel größeren Bau zuordnen? Dieser erste Eindruck vom Grundstück und seiner Lage sollte das Gesamtkonzept des Neubaus wesentlich bestimmen.” (Klaus Kada) (…)

Bruno Spagolla: Gemeindeamt Nüziders, Vorarlberg|Nüziders Municipal Office, Vorarlberg

Von|by Friedrich Achleitner
“Werkstatt Gemeindeamt”

Mit der Verlegung des Gemeindeamtes aus der direkten Nachbarschaft zur Kirche an das andere Ortsende in ein ehemaliges Wohn- und Werkstättengebäude ergab sich die Chance, damit ein neues Zentrum zu definieren und auch Aussagen über die Geschichte des Bestandes und des Orts zu vermitteln. In ortsräumlicher Hinsicht und in bezug auf das Selbstverständnis der Gemeindeverwaltung als Servicebetrieb bringt das neue Haus durchwegs Gewinne. Trotz der Schwere des Bestandes wurden Einblicke in die Geschichte – etwa einem durchfließenden Bach – ermöglicht und eine offene Atmosphäre geschaffen, die eine kooperative “Bearbeitung” bürgerlicher Anliegen demonstriert. Das neue Gemeindeamt, an der “Verkehrsader” des Dorfes gelegen, schließt den Straßenraum an einer jener Verengungen ab, deren Rhythmus für Nüziders so charakteristisch ist. (…)

Gärtner+Neururer+Pitschmann: Gemeindezentrum in Polling, Oberösterreich|Community Centre in Polling, Upper Austria

Von|by Romana Ring
Keine Glaubensfrage

Ein Architekt braucht seinen Bauherren. Nicht nur zur Bezahlung des Honorars. Doch gerade im ländlichen Raum, wo die Auswahl an Anhaltspunkten für die Angemessenheit eines Gebäudes, verglichen mit den Möglichkeiten der Ballungszentren, enger wird, sind oft auch die Gesprächspartner unter Bauherren und Behörden rar. Auf dem Weg des Monologes aber eine Architektursprache zu finden, die verstanden und daher nicht nur toleriert, sondern auch zwanglos gesprochen würde, ist zumindest schwierig. Die geduldigen Bemühungen einiger Architekten, in manchen Regionen von einer gebildeten und engagierten Beamtenschaft unterstützt, bereitet aber auch in Oberösterreich, einem Land des bedingungslosen Bekenntnisses zum freistehenden Einfamilienhaus, den Boden für eine ernsthafte Architekturdiskussion. Schon der Architektenwettbewerb zum neuen Gemeindezentrum für die kleine Innviertler Gemeinde Polling war in Hinblick auf Standort und Auslober eine Sensation. Das Ergebnis war offenbar so erschütternd, dass es für ein Jahr in den Schubladen erschrockener Gemeindeamtsbediensteter verschwinden musste, um dann doch noch hervorgeholt und von einem beherzten Bürgermeister in nützlicher Frist realisiert zu werden. (…)

Leopold Kaufmann/Kaufmann 96 GmbH: Messe-/Eishalle in Dornbirn, Vorarlberg|Hall for Trade Fairs/Ice Skating Rink in Dornbirn, Vorarlberg

Von|by Barbara Keiler
Gekühltes Raumaggregat

“H2O+(-8°C)+arch=Eishalle”: so charakterisieren Oskar Leo und Johannes Kaufmann ihr Projekt im Messegelände Dornbirn. Am Ende einer Reihe von Shedhallen bildet die von weitem sichtbare Multifunktions-Halle mit ellipsenförmigem Querschnitt nicht nur den Abschluss des Geländes nach Süden, sondern auch die Grenze zwischen urbanem und landwirtschaftlichem Gebiet. Statische und städtebauliche Vorgaben haben den Formfindungsprozess wohl beeinflusst; eine vollkommene Erklärung für die konvexe weit aus- und dann doch wieder zurückschwingende Bewegung vermögen sie jedoch nicht zu bieten. Und genau dieses Spannungsmoment, des auf den ersten Blick fast “außerirdisch” anmutenden Objekts erweckt die Neugier des Betrachters. Das Innere überzeugt durch ein ungewöhnliches Flächentragwerk aus Stahlrohren, von dem jedoch nur Untergurte und Streben zu sehen sind, sowie durch dezente Material- und Farbwahl. Die gesamte Infrastruktur konzentriert sich in eingeschobenen Achsen, die eine Pufferzone zwischen bestehenden Messeobjekten und dem neuen Stadion ergeben. Transparente Tribünen, die sich auf drei Seiten um das Eisfeld gruppieren, lassen den Blick auf die Konstruktion frei. Trotz steigender Ansprüche an Funktion und Flexibilität im Laufe des Baufortschritts und einer immensen technischen Ausstattung gelang es den jungen Architekten, die klare Grundform innen wie außen zu erhalten. (…)

Cover

Jourda, Perraudin, HHS: Stadtteilzentrum und Akademie Mont-Cenis in Herne, Deutschland|Mont-Cenis Academy and Municipal District Centre in Herne, Germany

Von|by Klaus-Dieter Weiss
Himmel auf Erden

Zur Expo 2000 häufen sich die ökologischen Superlative: Herne, eine “ökologische Stadt der Zukunft”, bietet das weltweit größte Solarstromkraftwerk auf, in Freiburg ist die größte solare Wohnanlage Europas im Bau (Rolf Disch), in Berlin wurde vor kurzem das “erste ökologische Hochhaus” gekürt (Sauerbruch/Hutton) – zum zweiten Mal, nach dem RWE-Turm in Essen (Ingenhoven/Overdiek). Wenn ein “Neues Bauen” als programmatische Formfindung zur Jahrtausendwende zu beginnen hätte, würden dessen Apologeten nicht funktional argumentieren, sondern ökologisch. Vielleicht existiert für die Menschheit keine zentralere Frage als diese, wenn man von allen sozio-kulturellen Barrieren vor diesem Ziel absieht. Dennoch gelingt es der Ökologie im Alleingang so wenig wie anderen Disziplinen, von der Architektur nachhaltig Besitz zu ergreifen. Das ökologische Moment der Architektur ist so traditionell wie ihre Funktionalität. Neue Bilder dieses Inhalts sind nicht zu erwarten, ein der Sonne folgender Aluminium-Zylinder wurde bereits 1935 realisiert – von einem Schiffsbauingenieur. Das Architektenpaar Jourda & Perraudin, das seine gemeinsame Tätigkeit mit der Ausführung dieses Projekts eingestellt hat, fand mehrfach in der Trennung von Haus und Dach zu einer prägnanten kommunikativen und sozialen Geste (Schule, Studentenwohnheim, Reihenhäuser), ebenso in gläsernen Hallen als zentraler Ort der Gemeinschaft, die introvertierte Welten als eigene Identitäten darstellten. Neu ist, das bergende Motiv von Dach und Großraum durch den Einsatz von Photovoltaik-Elementen mit der ökologischen Zielsetzung zu koppeln. (…)

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