architektur.aktuell 11/2004

architektur.aktuell 11/2004

democracy

Enric Miralles, Benedetta Tagliabue: Schottisches Parlament in Edinburgh, Schottland | The Scottish Parliament in Edinburgh, Scotland

Photos: Christian Richters; Text: Ruth Hanisch
Patchy rain with sunny spells

Mit der vor fünf Jahren erreichten Teilunabhängigkeit von England erhielt Schottland eine eigene Regierung mit regionaler Entscheidungsbefugnis. Der Neubau des schottischen Parlaments soll nicht nur durch Symbolkraft vieles wieder gut (und möglich) machen, sondern in spannender Lage dies auch ausstrahlen. Enric Miralles und Benedetta Tagliabue antworteten auf diese schwierige Herausforderung unter anderem mit Zitaten der mythisch aufgeladenen schottischen Landschaft.


NIETO SOBEJANO: Konzert- und Kongresshaus in Merida, Spanien | Concert and Congress Hall in Merida, Spain

Photos: Roland Halbe; Text: Hans Hartje
Der Puzzle-Block

Auf der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig ist den “Concert Halls” eine eigene Ausstellung als neuer Brennpunkt gemeinschafts- und identitätsbildender Bauaufgaben gewidmet. Das neue Konzerthaus in Merida ist Teil einer regionalpolitischen Aufwertungskampagne und schuf mit hohem Anspruch einen baukulturellen und damit auch gesellschaftlich relevanten Anziehungspunkt.


Mahlknecht & Mutschlechner: Friedhofserweiterung in Luttach, Italien | Cemetery Extension in Luttach, Italy

Photos: Günter Richard Wett; Text: Bettina Schlorhaufer
Dunkle Geheimnisse

Möglicherweise konnte sich das Christentum so erfolgreich durchsetzen, weil es die Auferstehung aller Toten prophezeite. Vor ihm war diese Form der “Demokratisierung” des ewigen Lebens nicht in jeder Kultur bekannt. Im alten Ägypten war das Fortleben im Jenseits zum Beispiel nur den Pharaonen und der Oberschicht vorbehalten. Als wollte man an diese ältere Tradition anknüpfen, blieben die besten Plätze für Grabstätten und deren imposante Gestaltung bis heute den gesellschaftlich besser Gestellten reserviert. Doch um der Ungleichheit unter den Bürgern unserer Breiten wenigstens nach ihrem Ableben entgegenzuwirken, spielt bei neuen Friedhofserweiterungen die gleichrangige Anlage der Gräber eine wichtige Rolle.


HALLE 1 & Wimmer-Armellini: Umbau/Neustrukturierung Keltenmuseum Hallein bei Salzburg | Renovation/Reorganisation of the Celtic Museum in Hallein, Austria

Photos: Gebhard Sengmüller; Text: Norbert Mayr
Addieren – Subtrahieren

Die Bergleute der Eisenzeit vor gut 2.500 Jahren bearbeiteten mit einfachen Werkzeugen mühsam die salzhaltigen Gesteinsschichten. Ein Dutzend Bergleute konnte einen Stollen in einem Monat – so wird geschätzt – etwa einen Meter vortreiben. Darüber wird man unter anderem im neustrukturierten Keltenmuseum informiert. Zeit- und kraftaufwändig war auch die Denk- und Diskussionsarbeit der Architekten zur Umsetzung ihrer Ambitionen. Präzis gesetzte, reduzierte und klare Eingriffe – Subtraktionen an den durch mehrere Umbauten veränderten, denkmalgeschützten beiden Häusern sowie zeitgemäße Additionen fassen das Bauensemble zu einer neuen, stimmigen Einheit zusammen.


Essay

Der diskrete Charme des Pluralismus: Aktuelle rumänische Architektur | The Discreet Charm of Pluralism: Romanian Architecture Today

Text: Horia Marinescu
Maria Todorova beschreibt den Balkan als einen Ort, der für den Westeuropäer nicht fremd genug ist, um mit Exotik zu beeindrucken, und nicht europäisch genug, um mit seinen Fähigkeiten in einer ebenbürtigen Weise zu imponieren. Daher muss man im Südosten Europas die Identitäten in der Nuance suchen, in der Nuancierung von etwas, das gleichzeitig europäisch ist und dennoch exotisch und fremd. Ana Maria Zahariade hat dieses letztendlich kulturelle Paradoxon mit dem Begriff der Zone bildlich umschrieben. In der Novelle der Brüder Strugatski “Picknick am Wegesrand”, die als Vorlage zu Tarkowskis Film “Stalker” diente, gibt es eine Zone mit unerklärlichen Objekten – wie sich herausstellt, ein Areal, in dem Außerirdische nach einem Picknick ihren Abfall hinterlassen haben. Für die zeitgenössische Architektur Rumäniens hat die Metapher der Zone “etwas Bestechendes und etwas nicht Greifbares. Sie ist weder als Karikatur noch buchstäblich gemeint. Rumänien kann als “Zone” verstanden werden. Wie viele andere Orte auf der Erde, liegt diese Zone irgendwo entlang der Hauptstraße und im Laufe der Geschichte war sie immer wieder Gastgeber für “Picknicks am Wegesrand”. Aber eben diese Geschichte beweist, dass kulturelle Entwicklungen gerade dann stattfinden, wenn Fremdes auf Lokales trifft, wenn die “Zone” von der lokalen Kultur erforscht wird.” 

Gerhard Mitterberger: Gemeindezentrum St. Nikolai im Sausal, Steiermark | Community Centre, St. Nikolai im Sausal, Austria

Photos: Zita Oberwalder; Text: Matthias Boeckl
Gemeinde bauen, heute

Planen für ein funktionierendes Gemeinwesen ist auch heute kein utopisches Unternehmen: Das demonstriert Gerhard Mitterberger. Sein Zentrum verschafft einer Marktgemeinde in der Südsteiermark vielversprechende Perspektiven: städtebaulich, funktional und mit einer Platzgestaltung, die der neugewonnenen Öffentlichkeit Entfaltungsraum bietet. 

NOVARON: Jugendhotel “The Cube” in Tröpolach, Kärnten | “The Cube” – Hotel for Young People in Tröpolach, Austria

Photos: The Cube; Text: Robert Fabach
Cinderella auf dem Weg zur totalen Landschaft

Wenn es einst der Kunst vorbehalten war, etwa mit den Stilformen des Verismo ein tiefenscharfes Abbild einer Zeit zu generieren, sind es mittlerweile mehr und mehr ausgesuchte Entrepreneurs, die uns mit emotionslos recherchierten Wunschwelten gesellschaftliche Psychogramme von schonungsloser Präzision vor Augen führen. 

Cernek / Lankmayer: Sozialzentrum in Pöttsching, Burgenland | Pöttsching Social Centre, Austria

Photos: Walter Cernek; Text: Otto Kapfinger
Knoten im Netzwerk

Ein gutes Bauwerk ist immer die materielle Kristallisation eines räumlich weiter gefassten, immateriellen Gebäudes. Selten ist das interpersonelle Gewebe dann so eng und vielfältig mit der Entstehung konkreter Räume verbunden, wie bei dem kleinen Sozialzentrum in Pöttsching, einer Gemeinde von 2.700 Einwohnern im nördlichen Burgenland. Die Geschichte dieser Anlage beginnt nicht bei einem Baugrund, bei der Spekulation eines Bauträgers, bei der Vision eines Baukünstlers, einer Architektin. Sie beginnt bei einem gesellschaftlichen Problemfeld, setzt sich fort in den dazu entwickelten politischen, ökonomischen und humanen Reaktionsmustern des Gemeinwesens, und sie resultiert in einer baulichen und künstlerischen Realität, die als ein Stück “hardware” aufgeht im größeren Netzwerk kommunaler “software”.


Small&Smart

ARTEC: Betriebsgebäude in Baden bei Wien | Commercial Building in Baden, Austria

Photos: Margherita Spiluttini; Text: Andrea Nussbaum
Ready for Take Off

Die Formel für hochwertige Architektur ist mehr als einfach. Dazu gehört einerseits ein aufgeschlossener Bauherr, in diesem Fall einer, der richtigerweise erkannte, dass Unternehmenskultur zu einem nicht unerheblichen Teil über das Betriebsgebäude kommuniziert wird. Auf der anderen Seite braucht es dazu konzeptstarke Architekten, die stilsicher und visionär den Anspruch einer unternehmerischen Positionierung in eine praktikable Form bringen. Beim Neubau des Betriebsgebäude von Efaflex ist diese Formel aufgegangen: Bettina Götz und Richard Manahl von ARTEC entwarfen ein weithin (noch) sichtbares Zeichen. Elf Meter kragt der Bau aus; an dieser Stelle – nach drei Seiten hin verglast – befinden sich die Büros, allesamt transparent, nur Glaswände teilen zwei Büros (für spezielle Anforderungen) aus der Großraumstruktur ab; eine in sich geschlossen wirkende Einheit, da auch die Inneneinrichtung von den Architekten in der Unternehmensfarbe orange gestaltet wurde. Die vom Boden abgehobene Lage des Büroteils ist zwar konstruktiv aufwändiger, bewirkt aber eine Steigerung der räumlichen Qualität: Man arbeitet nicht nur erhöht, die Auskragung schafft gleichzeitig einen geschützten Vorbereich. Und sollte sich das Gewerbegebiet einmal verdichten, das noch bestehende Grünland neuen Industriebauten weichen, dann wird sich die Form als noch angemessener erweisen. Die ebenerdige Lagerhalle steht in Sichtbezug mit dem Bürobereich und erhält über zwei Oberlicht-Bänder entlang der Außenlängswände natürliches Licht. Und wie könnte es anders sein, ist eines der Parade-Produkte des Efaflex-Unternehmens, ein schnelllaufendes Rolltor, in die Anlieferungszone integriert. Innovativ zeigt sich die Haustechnik, denn die Stahl-Hohlkastenträger der Auskragung werden ebenso wie die Hohlräume der Spannbeton-Dielendecke als riesiger Heizkörper zur Gebäudebeheizung bzw. im Sommer zur Kühlung genutzt. Eine Haut aus metallischen Paneelen umschließt das matt glänzende Objekt, das mit großer Selbstverständlichkeit mitten in einem Rapsfeld gelandet ist, oder vielleicht gleich wieder abhebt?

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