architektur.aktuell 12/1998

architektur.aktuell 12/1998

architektur.aktuell

Cheret + Bozic: Konstruktive Symbolik/Constructive Symbolism

Von/by Klaus-Dieter Weiß
Gemeindezentrum in Heilbronn-Sontheim/Deutschland

Städtebaulich klare Kanten und Räume bedingen keinen fanatischen Rigorismus der Fassaden. Der geschäftliche Ernst, der Überschuß an Würde, der so manchem Berliner Neubau unter dem Diktat der Stilmoden, aber auch der Ökonomie auf der Stirn geschrieben steht, gerät in Verdacht, ein Pathos an den Tag zu legen, das sich mit Funktion und Inhalt nicht deckt. Im südwestlichen Winkel der Republik zeigt sich ausgerechnet ein Katholisches Gemeindezentrum, ohne an Würde zu verlieren, viel gelassener. Trotz Muschelkalk der Straßenfronten und Kuppel im Sakralraum konnten Peter Cheret und Jelena Bozic auf jedes Pathos verzichten. Dennoch ruft diese Architektur die hilflos postmodernen Kulissen im Zentrum des Stadtteils zur Ordnung und deren Bewohner zur Besinnung. Das gelingt sogar, ohne das nicht ganz leicht zu nehmende typologische Konglomerat hinter vorgehaltener Fassade architektonisch zu verleugnen. Undogmatisch ist diese Architektur, weil sie primär nicht Formen sucht und Fassaden, sondern Konstruktionen von integraler Ästhetik und metaphorischer Dimension. Das belegt sehr intensiv der Sakralraum, dessen Expressionismus allein auf orthogonal geführten Sperrholz-Scheiben beruht. Weniger Materialaufwand und mehr Symbolik sind kaum denkbar. Die Kunst der Architekten gilt der räumlichen Komposition, nicht der Systematik ihrer Hülle. Der Ernst kommt von innen. (…)

Makoto Sei Watanabe: Der Raum der Sprache/The Space of Language

Von/by Wolfgang Höhl
K-Museum in Tokio, Japan

Im Mittelpunkt der städtebaulichen Diskussion steht heute häufig der Bedeutungswandel der planungstheoretischen Begriffe von Zentralität, Urbanität und Dichte. Das Bild der Stadt verändert sich. Erste Ansätze einer neuen Begrifflichkeit in der Planung heißen “Compact City”, “Sustainable Development”, “Global City”, “De-” und der “Re-urbanisation” oder “Zwischenstadt”. Wahrscheinlich ist damit aber nur die Spitze des Eisberges beschrieben. Trotzdem reagieren Architekten in ihrer Entwurfskonzeption häufig immer noch mit traditionellen Mitteln.
Dagegen bestehen für Makoto Sei Watanabe die grundlegenden Prinzipien von Stadt in der Verschiedenheit, dem Kontrast und in der Abwechslung. Diese Prinzipien und die städtebauliche Prägung des Ortes durch die Infrastruktur haben in der formalen Konzeption seines Urban Structure Museums ihren Niederschlag gefunden. Watanabe entwickelte zwei unterschiedliche Volumina, formal und im Material klar von einander getrennt. Diese Verschiedenheit drückt sich in mehreren einfachen Quadern aus, die zu einer komplexen Formkomposition zusammengesetzt und mit unterschiedlich reflektierenden “leichten” Materialien verkleidet sind. Im Kontrast dazu: der schwarze, amorphe, “massive” Gebäudesockel. Das Formmerkmal der linearen Orientierung der Leitungsbahnen der städtischen Versorgungsinfrastruktur wird in der ebenfalls linearen Form des Baukörpers aufgegriffen. Eine neue Variante der bekannten Schiffsmetapher, “als ob das Gebäude auf schwarzen Wellen dahintreibt”. Modernes Barock.(…)

Essay

Erinnerungen an einen Impresario/Memories of an Impresario
Zur Person/on Karl Schwanzer (1918-1975)

Von/by Elke Krasny und/and Christian Rapp

Zu seinen Lebzeiten war er allgegenwärtig. Die ersten Popgruppen der österreichischen Architektur, Coop Himmelblau, Haus-Rucker-Co, ZündUp und Missing Link, verdanken ihm ebenso ihr Entstehen wie internationale Konzerne ihre einprägsamsten Verwaltungsgebäude. In den sechziger Jahren öffnete er einer Generation von jungen Studenten die Augen für internationale Architekturtrends. Und er war der einzige wirkliche Stararchitekt der Nachkriegszeit. Heuer wäre Karl Schwanzer achtzig Jahre alt geworden.(…)

Österreich

 

Pichler/Traupmann: Logik, pur/Pure Reason

Von/by Liesbeth Waechter-Böhm
Industriehalle in Güssing, Burgenland
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Der Neubau steht an der Peripherie eines kleinen Städtchens im Südburgenland. Die nächsten Nachbarn – Büros, Gewerbe – haben Häuser errichtet, wie man sie von anderen derartigen Randlagen hinlänglich kennt. Für den Glasereibetrieb Ebner hatte ursprünglich ein lokaler Baumeister eine Planung vorgelegt, die allerdings 8,5 Millionen Schilling gekostet hätte. Der Vorschlag der Architekten Christoph Pichler und Johann Traupmann orientierte sich dagegen an den Bedürfnissen und Möglichkeiten des Bauherrn, an der Wertigkeit der Aufgabe – und am Ort. Die verhältnismäßig flache, lang hingestreckte Halle – Kostenpunkt: rund drei Millionen Schilling – hat die Abmessungen zehn mal 36 Meter, bei einer Raumhöhe von knapp fünf Metern, und wächst mit ihrem Betonsockel irgendwie erdverbunden aus dem Gelände heraus. Über diesen Sockel ist die Figur der Halle aus Glas und Blech sehr pur darüber gestülpt. Der Kundenzugang an der Schmalseite vorne zur Straße ist klar definiert, ein Erschließungsweg führt rechts an der Längsseite der Halle – dort ist ein langgestrecktes “Auslagenband” in die Fassade geschnitten – vorbei zur hinteren Stirnseite, die für die An- und Auslieferung vollkommen öffenbar ist. Im Inneren der Halle schiebt sich ein halbgeschoßiger Sockel mit Galerie in den ansonsten durchgängigen Raum, der oben das Büro und einen speziellen Arbeitsbereich für eher handwerkliche Tätigkeiten aufnimmt, unten im Sockel liegt der Sozialraum mit großzügigem Blick nach draußen. (…)

Gerner/Gerner: Vom Ort gelöst/Freed from the Location

Von/by Gabriele Kaiser
Werkbericht, Haus S. in Gießhübel bei Wien, Niederösterreich

Architektur, das Produkt einer Rechenleistung? Andreas und Gerda Gerners Bekenntnis zum Kalkül berührt wesentliche Aspekte ihrer architektonischen Grundhaltung, die um Nüchternheit bemüht ist, ohne jedoch das Unplanbare, Unvorhersehbare zur Gänze auszuschließen. Sie betonen, sich der Architektur strikt von ihrer mathematischen und ökonomischen Seite anzunähern, in der es um Stammfunktionen und Grenzwerte geht, aber auch einen Faktor x gibt, der sich jeder Beschreibung entzieht, in die Planung miteinfließt – und der schließlich für jenes “je ne sais quoi” des Besonderen verantwortlich ist? Die aktuelle Produktion des jungen, 1996 gegründeten Wiener Architekturbüros – vom Dachausbau S. in Gießhübel in Niederösterreich über die Weinkellerei Wellanschitz in Neckenmarkt im Burgenland bis hin zu den Entwürfen für eine Schule und ein Geschäftslokal in der Wiener Innenstadt – lassen gewisse Leitmotive erkennen, die trotz Unterschiedlichkeit von Funktion und Erscheinungsbild der Projekte die methodische Stringenz der Arbeit von Gerner / Gerner nachvollziehbar machen. Zu diesen Leitmotiven gehören: Ortsunabhängigkeit und Zeitlosigkeit im Sinne von “Verschleißresistenz”, konstruktive Grenzgänge im Stahlbau, radikale Kostenreduktion durch industriell vorgefertigte Elemente, ehrliche Materialbehandlung und effiziente Bauabläufe, Bekleidung als “natürliche” Folge der Struktur, Generieren von rundum drehbaren, lichtdurchlässigen Objekten. Diese Objekte strahlen eine Leichtigkeit und Flexibilität in die Umgebung ab, durch die Gerner / Gerner Grenzwerte ausloten, Bewegungsfreiheit lassen und vor allem leistbare Lebensräume schaffen möchten.(…)

Hans Peter Petri: Die Kunst der Vereinheitlichung durch Reduktion/The Art of Unification via Reduction

Von/by Liesbeth Waechter-Böhm
Umbau eines Industriedenkmales zum Atelier und Innenausbau einer Büroetage in einem Innenstadt-Palais in Wien

Das denkmalgeschützte kleine Pförtnerhaus auf dem Gelände einer ehemaligen Eisfabrik in Wien-Brigittenau stammt aus der Mitte der zwanziger Jahre und wurde nun zum Atelier für eine Stoffdruckkünstlerin umgebaut. Der Bestand – nur teilweise unterkellert und durch einen nutzlosen Dachstuhl um seine räumliche Wirkung gebracht – wurde von Petri zu einem großzügigen, hohen, von oben belichteten Hauptraum mit eingezogenem Galeriegeschoß umgebaut. Das Haus ist nun voll unterkellert – im Untergeschoß steht der große Siebdrucktisch der Künstlerin -, ein Wintergarten mit direkten Ausgang ins Freie wurde angefügt. Die Büroetage im Palais Esterhazy in der Wiener City hatte trotz der prominenten Lage in der Wiener Innenstadt gravierende Nachteile: Die relativ enge Innenstadt-Situation beeinträchtigte die Tagesbelichtung, außerdem war der Bestand verwinkelt und in viele kleine Räume unterteilt, so daß die relativ große Fläche (1.200 m2) nicht adäquat nutzbar war. Besonders beengt war der Empfangsraum. Petri eliminierte Zwischenwände, er öffnete Durchgänge und sorgte besonders im Kundenbereich durch einheitliche Wandpaneele und ein konsequentes Farb- und Materialkonzept für fließende Raumübergänge und damit angenehme Großzügigkeit. Ein Kunstlichtsystem unterstützt die natürliche Belichtung automatisch, so daß die Lichtsituation in den Arbeiträumen immer gleich bleibt.(…)

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