architektur.aktuell 12/1999

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architektur.aktuell

International

Gilles Perraudin: Weingut in Vauvert, Camargue, Frankreich|Vineyard in Vauvert, Camargue, France

Von|by Matthias Boeckl
Eine Villa für den Wein

Ein Landwirtschaftsbetrieb kann zur Projektionsfläche von baulichen Experimenten im eigenen Haus des Architekten werden: Gilles Perraudin versucht in seinem Weingut, eine der ältesten Bautechniken überhaupt – trockenes Aufeinanderschlichten von Steinblöcken – im Sinne einer ökologischen Einfachheit wiederzubeleben. Der avancierten Technologie des Stadtteilzentrums in Herne (Architektur ‘aktuell 235) folgt nun sein Versuch, die urtümlichste aller Konstruktionsweisen als eine “kulturelle Revolution” zu begreifen. Dem technischen Rückgriff auf älteste Zeiten steht der typologische zur Seite: Perraudin benutzt die altrömische Villa mit Atrium als Inspiration für die räumliche Organisation des Lager-, Präsentations- und Ateliergebäudes. Eingebettet in den Lebenszusammenhang des Architekten, der auch Weinbau betreibt, erlebt man ein Manifest mediterraner Lebensart, eine Verflechtung natürlicher Bedingungen mit der künstlerischen Ambition, sie zu bestimmenden Faktoren des Bauens zu machen. (…)

Ursa Komac & Spela Kuhar: Fahrradweg und Rastplätze im slowenischen Karst, Slowenien|Bicycle Path and Stopping Points in the Slovenian Karst, Slovenia

Von|by Sandra Krizic Roban
Reduce, Reuse, Recycle

Vor einem Jahr, anlässlich der 16. Tage der Architektur in Piran, wurden Ursa Komac und Spela Kuhar mit dem großen Piranesi-Preis für die Raststätten auf dem Fahrradweg durch den slowenischen Karst ausgezeichnet. Die Idee der Errichtung eines Fahrradweges wurde vom Phare-Programm unterstützt, das von der Europäischen Union finanziert wird. Das slowenische Ministerium für Umwelt und Raumplanung war Auslober eines Wettbewerbes, dessen Bedingung es war, innerhalb eines Jahres das Projekt der Gestaltung eines Fahrradwegnetzes auf dem Gebiet des zukünftigen Karst-Naturparks zu realisieren. Nach dem siegreichen Entwurf von Ursa Komac und Spela Kuhar wurde der Naturraum von 1.500 km2 Fläche mit einem Netz von unasphaltierten Wegen durchdrungen. Entlang dieser Wege befinden sich dreizehn Raststätten, deren Auswahl erst erfolgte, nachdem die Architektinnen selbst mit dem Fahrrad die Region erkundet hatten. So lernten sie die Eigentümlichkeiten, die kulturellen und landschaftlichen Merkmale kennen, auf die sie die späteren Benützer aufmerksam machen wollten. Die von verschiedenen Grenzland-Ereignissen der jüngeren Geschichte, aber auch von der Geologie und Vorgeschichte geprägten Orte der Raststätten sind als Teilelemente eines Gesamtprojektes für die bewusstere Rezeption des Karstraumes gedacht. Sie wurden auch hinsichtlich der Qualität der zu ihnen führenden Wege sowie ihrer horizontalen und vertikalen Entfernung ausgewählt. Auch der Schwierigkeitsgrad der Teilstrecken wurde bei der Radwegführung berücksichtigt. (…)

Diezinger & Kramer: Friedhof mit Aussegnungshalle in Enkering, Deutschland|Cemetery and Chapel in Enkering, Germany

Von|by Cornelia Fröschl
Der letzte Weg

Ein topografisch spannender Schnittpunkt dreier Täler, eine vorgeschichtliche Siedlungsstätte und eine für die Bauaufgabe günstige Lage: Diese Elemente charakterisieren den Friedhof im süddeutschen Enkering, der außerhalb des Ortsgebietes angelegt wurde. Mit klaren architektonischen Maßnahmen haben die Architekten Norbert Diezinger und Gerhard Kramer hier einen Ort der Stille geschaffen. Der Weg des Leichenzuges, das Empfangen und Geleiten, die mit einfachen Mitteln der Lichtführung erreichte Aura der Aussegnungshalle bestimmen die Fassung dieses letzten Rituals der hier Begrabenen. Mit wenigen Elementen ist es gelungen, unter Einbeziehung der kulturhistorischen Hinterlassenschaft (wie etwa des Christuskreuzes) für die Gemeinde einen unpathetischen, aber würdevollen Umgang mit der Stätte der Verstorbenen zu ermöglichen. (…)

Angonese & Scherer: Weinkellerei Hofstätter in Tramin, Südtirol, Italien|Hofstätter Winery in Tramin, South Tyrol, Italy

Von|by Matthias Boeckl
Ein Turm für den Wein

Die Weinkellerei Hofstätter in Tramin zeigt, wie zeitgemäße Marketingüberlegungen mit dazu beitragen können, anspruchsvolle Architektur in einem Wirtschaftszweig zu verwirklichen, der sich ansonsten lieber in traditionellen oder folkloristischen Bauten repräsentiert. Dazu kam die Herausforderung eines geschützten historischen Ortsbildes, in dessen Kernsubstanz das Projekt eingriff. Durch den turmartigen Bau mit einer schlichten Eichenholzfassade, deren Material auf die Weinwirtschaft anspielt, haben Angonese & Scherer nicht nur die historische räumliche Situation zwischen altem Bauernhaus und noch älterem Kirchturm mit einfach-durchdachten Mitteln interpretiert, sondern auch dem Kellereibetrieb zu Lager- und Präsentationsräumen verholfen, die einen Aufbruch der lokalen Weinwirtschaft zu neuen, avancierten Produkten symbolisiert. Komplexe baurechtliche Vorschriften der Gemeinde, wie etwa die Stellung der Fassade und der geforderte Einbau einer Wohnung wegen der entsprechenden Nutzung des Vorgängerbaus, haben die Architekten weniger als Behinderung denn als entwerferische Herausforderung begriffen. (…)

Essay

Bauen in den Alpen

Von|by Friedrich Achleitner

Der 1999 zum dritten Mal ausgeschriebene, seit zehn Jahren bestehende Internationale Architekturpreis für Neues Bauen in den Alpen ist eine der wichtigsten Auszeichnungen dieser Art. Er wird von der Südtiroler Landesregierung und der Gemeinde Sexten in Zusammenarbeit mit einigen anderen Institutionen und Firmen verliehen, das Preisgeld von 20 Millionen Lire wird von der Stiftung Südtiroler Sparkasse bereitgestellt. Jurymitglieder für den diesjährigen Preis waren – wie schon beim letzten Preis 1995 – Manfred Kovatsch (München), Marcel Meili (Zürich), Sebastiano Brandolini (Mailand), Bruno Reichlin (Genf) und Friedrich Achleitner, der anlässlich der Preisverleihung in Sexten im Rahmen eines hier gekürzt wiedergegebenen Vortrags die bisherige Entwicklung resümierte. 1999 erhielten Jürg Conzett und Peter Zumthor den Großen Preis für ihre gesamte bisherige Arbeit, weitere 16 Auszeichnungen wurden für Einzelprojekte sowie elf Anerkennungen für sonstige Arbeiten aus insgesamt 146 Einreichungen vergeben. – Der folgende Essay bezieht sich unter anderem auch auf Überlegungen von Bruno Reichlin, die im Katalog der Sexten-Preisträger von 1995 publiziert waren. Im Birkhäuser Verlag wird demnächst ein Katalog erscheinen, in dem alle 1999 für den Preis eingereichten Projekte vorgestellt werden. (…)

Österreich

Erich Prödl: Massiv-Holz-Halle in Kirchberg, Steiermark|Solid Timber Shed in Kirchberg, Styria

Von|by Nikolaus Hellmayr
Massiv, konstruktiv, pragmatisch

Der Möbelbau ist – wie im allgemeinen die konstruktive Verarbeitung von Holz – durch die Einführung neuer Verbundstoffe und Fertigungstechniken von einem reinen Handwerksberuf zu einer Tätigkeit geworden, die manches mit Hochtechnologie und Ingenieurwesen gemeinsam hat. Im Holzbau sind es neue konstruktive Methoden mit hohem Vorfertigungsgrad und im Möbelbau computergesteuerte Schneide- und Fräsmaschinen, die Lösungen ermöglichen, die in traditioneller Bearbeitung weder technisch noch wirtschaftlich umsetzbar wären. Auch die Tischlerei Josef Prödl im oststeirischen Kirchberg an der Raab hat in diesem Sinne eine Umstrukturierung vollzogen. Für die Lagerung von Furnieren und die Bearbeitung von Massivholz entstand in diesem Zusammenhang eine neue Halle. Erich Prödl, Architekt, international beachteter Möbeldesigner und Sohn des Firmeninhabers, meint, dass es gerade zu Hause am schwersten sei zu bestehen. Dass ihm dies aber gelungen sein dürfte, zeigt nicht nur die Halle selbst mit ihrer lapidaren Eleganz, sondern nicht zuletzt die Auszeichnung seiner Arbeit mit dem diesjährigen Steirischen Holzbaupreis. (…)

Marte & Marte: Einfamilienhaus Marte in Dafins, Verbreiterung Frödischbrücke in Sulz, Vorarlberg|Marte single-family house in Dafins, Widening of the Frödisch Bridge in Sulz, Vorarlberg

Von|by Robert Fabach
“Innere Kräfte”

Von der Autobahn, die vom Bodensee das breite Rheintal aufwärts führt, sieht man die dicht verwachsenen Dörfer und darüber vereinzelte Siedlungen im Anstieg zum Bregenzerwald. Eine dieser Siedlungen ist Dafins. Unweit der stählernen Brücke über die Frödisch von Marte und Marte beginnt jene schmale Straße, die in engen Kehren den Berg hinaufführt; Einfamilienhäuser, vereinzelt Gehöfte, dann wieder Wald. Die Ortschaft Dafins liegt entlang dieser Straße, die Kirche markiert eine Mitte, gegenüber die Volksschule. Die Engführung der Straße zwischen den beiden Gebäuden bringt so etwas wie Dichte.
Der Vorplatz zur Kirche wurde von Marte und Marte 1998 neu gestaltet. Die Brüder Bernhard und Stefan Marte sind auch die Planer eines Einfamilienhauses im Bergdorf Dafins, das Margot und Stefan Marte bewohnen. (…)

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