architektur.aktuell 12/2001

architektur.aktuell 12/2001

working conditions

Snøhetta: Bibliotheca Alexandrina in Alexandria, Ägypten|Bibliotheca Alexandrina in Alexandria, Egypt

Karin Tschavgova
Welche Form hat das Wissen?

“Bibliotheken aber gibt es immer noch. Ihre Tugend ist der Anachronismus”, schreibt Hans Magnus Enzensberger in einer sehr persönlichen Erinnerung an eine Bibliothek, die ihm in Kriegstagen Zuflucht und Trost war. In Alexandria, Ägyptens geschichtsträchtiger Stadt am Mittelmeer, wurde im Herbst dieses Jahres ein Bauwerk mit imponierenden Dimensionen fertiggestellt, dem weltweite mediale Aufmerksamkeit sicher ist. Die neue Bibliothek wird am legendären Ruf ihrer antiken Vorgängerin gemessen werden, ihre Sinnhaftigkeit aus mehreren Gründen kritisch hinterfragt. Ein Platz in der Architekturgeschichte scheint ihr und der Architektengruppe Snøhetta aus Norwegen, die 1989 unter 526 Teilnehmern des internationalen Wettbewerbs reüssieren konnte, sicher.


Henke & Schreieck: Fachhochschule Kufstein, Tirol|Kufstein Vocational College, Austria

Andrea Nussbaum
Learning by Doing

Ein Möbel im Park? Da muss man nachfragen. Immerhin geht es um ein Gebäude, das es zu beschreiben gilt. Steht man dann dort, wo das Möbel im Park seinen Platz gefunden hat, wird einem die Metapher klarer, der Vergleich wirkt logisch und sensibel gewählt. Glatt und fragil wirkt die Hülle bei bewölkten Wetterverhältnissen. Bei Sonnenschein zeigt sich die plastische Qualität der Fassade, man erkennt die Schichtung, die nach einem strengen Raster strukturierten Holzlamellen der zweiten Schale. Jetzt offenbart sich der Charme dieser volatilen Installation. Das Möbel lebt. Wird es dunkel und der Körper ist von innen beleuchtet, zeigt sich, was in der gläsernen Box steckt: eine Schule. Nicht irgendeine Schule, sondern eine Managementschmiede, der neue Typus einer Fachhochschule, die Studienrichtungen anbietet, die einmalig sind in Österreich. Und so neu wie die Unterrichtsfächer sind, so neu und einzigartig ist auch die Fassade. Ein bauphysikalisches Experiment, das die Studierenden der Richtung “Facility Management” am “eigenen” Gebäude erforschen.


Essay

Beauty in Simplicity

Wolfgang Jean Stock
The Modern Tradition of Finnish Architecture

Bitterarm war Finnland in der frühen Nachkriegszeit, denn erst 1952 endeten die Reparationslieferungen an die Siegermacht Sowjetunion, deren Umfang im Wert von rund 600 Millionen Dollar für das kleine und mit Flüchtlingen überfüllte Land eine riesige Belastung bedeutet hatte. 1952 war zugleich das Jahr, in dem Finnland den Grundstein zu seinem Wiederaufstieg als eine der führenden Architekturnationen legte – damals begann die Planung von Tapiola, der “Stadt im Wald” westlich von Helsinki. Bereits nach Fertigstellung des ersten Bauabschnitts bewunderte man in ganz Europa die neuen finnischen Leistungen im Wohnbau, jene modernen, zum Teil vorgefertigten Häuser, die mit sparsamen Mitteln errichtet waren und dennoch eine außerordentliche Wohnqualität besaßen. Zusätzlich angeregt durch Alvar Aaltos Nachkriegswerk, durch seine Bauten der “roten Periode” wie etwa das Rathaus von Säynätsalo, wurde Finnland zu einem Wallfahrtsort für Architekten. 

Francisco José Mangado Beloqui: Ärztehaus in San Juan, Pamplona, Spanien|Medical Centre in San Juan, Pamplona, Spain

Alberto T. Estevez
Spektakuläre Stille

Mitten in Pamplona, im dicht bevölkerten Stadtviertel San Juan, genauer gesagt an der Plaza Obispo Irurita, befindet sich – ganz unspektakulär und schlicht – das Gebäude der öffentlichen Gesundheitsversorgung. Natürlich ist in dieser kleinen Stadt im Norden Spaniens mit ihren ca. 180.000 Einwohnern alles Zentrum, was rund um den grünen Nabel der Stadt, den Ciudadela Park, gebaut ist. Hier soll die Versorgung eines Wohnviertels mit bis zu 80.000 Einwohnern sichergestellt werden. Soziale “Schlüsseleinrichtungen” sind in dieser städtischen Umgebung schon vorhanden. Sie ist das Ergebnis denkbar ungünstiger Zufälle, das Resultat eines äußerst gewagten und erzwungenen Zusammentreffens von extrem heterogenen – hohen und niedrigen, breiten und schmalen – Gebäuden. Eine Umgebung, für deren bedauernswertes Aussehen die typische Spekulation und der weitverbreitete Pragmatismus unserer Zivilisation verantwortlich sind. Dank der Sensibilität von Francisco Mangado wird letztendlich das Gebäude selbst diese städtebauliche Situation, in die es gepflanzt wurde, zu verbessern suchen. 

Markus Pernthaler: Chirurgie West der Landeskrankenanstalten in Salzburg|West Surgery Building of the Salzburg Regional Hospital, Austria

Nikolaus Hellmayr
Form Follows Communication

Die Chirurgie und ihre Einrichtungen sind – zumindest für den Laien, der sich wünscht, nie akut mit ihnen in Berührung zu kommen – gewaltige, Respekt und zuweilen auch ein wenig Angst auslösende Maschinerien. Im Lichte des rasanten Entwicklungstempos in der Gerätemedizin und des daraus resultierenden eminenten Innovationsdrucks, der auf diesen Einrichtungen in jüngster Zeit lastet, ist die allenthalben gültige ethische Forderung nicht zu übersehen, bei all dem heute technisch Machbaren die menschliche “Komponente” und damit eine individuelle Beziehung zu den einzelnen Patienten aufrecht zu erhalten. Die Architektur Markus Pernthalers für die neue Chirurgie West der Landeskrankenanstalten Salzburg leistet in diesem Zusammenhang einen wesentlichen Beitrag. 

Martin Kohlbauer: Bürogebäude “Adler und Ameise” in Wien|Adler und Ameise (Eagle and Ant) Office Building in Vienna, Austria

Matthias Boeckl
Klare Verhältnisse

Die “g-town” (Architektur aktuell 9/2001) wurde als Zugpferd der Transformation eines ehemaligen Industriequartiers zu einem neuen Stadtteilzentrum mit vielfältigen Funktionen konzipiert. Das “Themenwohnen” in den ehemaligen Gasbehältern wird nun in unmittelbarer Umgebung von weiteren urbanen Attraktoren ergänzt. Selbstverständlich gehört auch ein Bürobau dazu, der das derzeit üppig wuchernde Büroflächen-Neuangebot in Wien um eine klare und elegante Variante bereichert. Er beweist, dass anspruchsvolle Büros nicht nur in Hochhäusern, sondern auch im sonstigen Stadtgewebe entstehen können.header 

Rainer Köberl & Astrid Tschapeller: M-Preis Lebensmittelmarkt in Wenns, Tirol|M-Preis Supermarket in Wenns, Austria

Friedrich Achleitner
Der kulturelle Mehrwert

Wenn man noch vor zehn Jahren erklärt hätte, dass einmal Lebensmittelmärkte, noch dazu in einer alpinen Region, Bestandteil eines modernen Architekturtourismus sein werden, wäre man als verrückt oder zumindest als Spaßvogel angesehen worden. Supermärkte und ähnliche Einrichtungen waren feste Bestandteile jener kaputten Ortsränder, in denen alle gewerblichen und anderen Funktionen “abgeladen” wurden, für die in den alten Orten kein Platz vorhanden oder vorgesehen war. Schon allein die Parkierungsflächen für den gar nicht so ruhenden Verkehr nahmen Flächen in Anspruch, die zwischen den auf Abruf gebauten Hallen keinen wie immer gearteten Raum zuließen. Für diese Art von kommerziellen und ökonomisch ausgereizten Bauten, die höchstens als Werbeträger fungierten, war Architektur nicht vorgesehen, schon gar nicht eine, die in irgendeiner Form kulturellen Anspruch signalisierte.


Small&Smart

Karin Wallmüller: Kapelle und Gemeindeamt in Floing, Steiermark|Chapel and Local Authority Offices in Floing, Austria

Andrea Nussbaum
Bypass Operation

“Ich hatte die Vision eines öffentlichen Zimmers mit geöffneten Fenstern und Türen im Herzen des Dorfes. Hierhin kann alles einströmen, von hier aus wird alles versorgt.” Bis es soweit kam, dass Karin Wallmüller in mühevoller Kleinarbeit ihre Vision eines pulsierenden Herzens inmitten eines dörflichen Gewebes realisieren konnte, vergingen immerhin 12 Jahre. Ein zäher Prozess von zwei gewonnenen Gutachterverfahren, bei dem andere Architekten wahrscheinlich schon längst das Handtuch geworfen hätten. Der kleine Ort Floing mit seinen rund 1200 Bewohnern litt unter akuter Identitätslosigkeit, war erkrankt an einem nur mehr schwach durchbluteten “Herzen” – ein Symptom vieler Dörfer in der Oststeiermark. Für die Behandlung solcher “Erkrankungen” empfehlen sich in der Regel zwei Eingriffsmethoden: ein künstliches Implantat oder ein Bypass.

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