Am Ende: Architektur Zeitreisen 1959 - 2019

Reiches Panorama über sechzig Jahre Architekturgeschichte: laufende Ausstellung im AZW Foto: AZW

Im Architekturzentrum Wien wurde am 5. Oktober die Ausstellung „Am Ende: Architektur. Zeitreisen 1959 - 2019“ eröffnet. Die drei Kuratorinnen Karoline Mayer, Sonja Pisarik und Katharina Ritter plünderten dafür das umfangreiche Archiv von Dietmar Steiner, dem Gründungsdirektor des Architekturzentrum Wien, um gleichermaßen aus seiner Perspektive sechzig Jahre Architekturgeschehen Revue passieren zu lassen. Doch nicht nur das: Sie stellten den 24 aus dem Archiv herausdestillierten Themeninseln - deren Bandbreite von Funktionalismuskritik, Sanfter Stadterneuerung bis hin zu einer Hommage an den Film Blade Runner reicht -  ein umlaufendes, vertikales Band an den Wänden der Halle gegenüber: Es zeigt hoffungsvolle zeitgenössische Positionen, symbolisiert so räumlich-kontextuell die befruchtende Wechselbeziehung zwischen Vergangenheit und Gegenwart und tritt auch überzeugend den Beweis an, dass jedem Ende ein neuer Anfang innewohnt. Die sehr übersichtliche, lockere Ausstellungsarchitektur, der es gelingt, die Fülle an über tausend Exponaten übersichtlich zu präsentieren und dabei auch das schöne Gewölbe und die Großzügigkeit der Alten Halle zur Geltung kommen zu lassen, stammt von BWM Architekten, die Ausstellungsgrafik von Nicole Six und Paul Petritsch.

Ein Container ragt vor der Alten Halle in den öffentlichen Raum vor dem Architekturzentrum Wien: er bildet gleichermaßen den dreidimensionalen Rahmen für Dietmar Steiner, der hier als Projektion vor laufender Kamera in einem Film von Andrea Maria Dusl aus seinem reichen Erfahrungs- und Anekdotenschatz plaudert. „Der Film über mich war nicht meine Idee, die Ausstellungsgestalterinnen bestanden darauf, dass ich im Film erzähle“, stellt Steiner bei der Pressekonferenz klar. Dem Film – beziehungsweise den vielen Geschichten des Direktors - begegnet man auch in der Ausstellung wieder: er vermittelt direkt und unmittelbar die Sicht von Dietmar Steiner. Ansonsten spricht das Archiv durch den Filter des Kuratorinnenblicks vom Trio Mayer, Pisarik und Ritter für sich und die Architektur – in all der Vielfalt und dem Facettenreichtum, der die letzten sechzig Jahre geprägt hat. „Ich bin nicht nur gerührt, ich bin tief beeindruckt, welch epochale Analyse hier aus dem Material entstanden ist“, streut der Direktor den Kuratorinnen und der Ausstellung Rosen. „Sie haben mir dadurch selbst auch Hoffnung für eine Zukunft der Architektur gegeben.“ Gut so, Endzeitstimmung kommt so nicht auf: im Gegenteil, die Ausstellung zeigt, wie vielseitig Architektur ist und wie viele Denkwege sie ermöglicht.

Ausgangspunkt der Betrachtung ist das Jahr 1959, wo mit der Auflösung des CIAM (Congrès International d‘ Architecture Moderne) gleichermaßen das Ende der Moderne begann, das die Architektur vordergründig in eine Krise stürzte, gleichzeitig aber auch in der kritischen Reflexion und Überwindung der Moderne bereits Alternativen und Neuanfänge aufzeigte. Über tausend Exponate – Modelle, Zeitungsausschnitte, Fotos, Pläne, Filme – formieren sich nun auf Rigips-Platten-Stapeln rund die Stationen Sanfte Stadterneuerung, Revision der Moderne, Signature Architecture, Bottom-Up-Bewegung, Global Business und mehr zu einem vielschichtigen Panoptikum von Architekturphänomenen. Im Kosmos dieser Ausstellung lassen sich rund um bestimmte prominente Protagonisten wie beispielsweise Rem Kolhaas, der gleich in mehreren Stationen wieder auftaucht, auch unterschiedliche Bezüge und Querverweise herstellen.

Eine eigene Station ist dem Science-Fiction Film „Blade Runner“ von Ridley Scott gewidmet, dessen Vision einer zukünftigen Stadt viele Architekten stark beeindruckt und beeinflusst hat. Dietmar Steiner widmete ihm einen Artikel in der Presse, der auch in der Ausstellung nachzulesen ist. Er führte dazu, dass Johannes Spalt – in der Erwartung eines Architekturfilms – ins Kino ging und danach sehr enttäuscht war. Der Film spielt übrigens im Jahr 2019, zu seinen Füßen steht auch ein Modell der Filmarchitektur des Klassikers Metropolis von Fritz Lang (1927), außerdem ist hier der höchst interessante Film „Los Angeles plays itself“ von Thom Andersen (2003) zu entdecken. Ergänzend werden im Filmmuseum im Dezember Science Fiction Filme gezeigt. Sehr bewegend ist auch die Station, die sich der Sanften Stadterneuerung widmet: Hier machen ein Original des Mitmach-Buches „Die Ballade vom Planquadrat-Garten“ von Maya Habian und Tobias Gossow, ein Modell des betreffenden Häuserblocks und die ORF Dokumentation „Das Planquadrat – der Film 1974-1976 “ von Helmuth Voith und Elisabeth Guggenberger sehr unmittelbar nachvollziehbar, wie bedroht einige Häuser damals tatsächlich vom Abriss waren und mit wie viel Enthusiasmus und Widerstandsgeist die Geschichte des ganzen Quartiers gedreht werden konnte: Weg von der geplanten Straße, hin zur Widmungsänderung und zum gemeinsamen Grünraum. Eine aktivistische, lösungsorientierte und engagierte Grundhaltung, die heute wieder Schule machen könnte. Sie prägt auch die anderen Beispiele: Die Besetzung der Arena und die Rettung des Spittelbergs.

Immer wieder erfrischend sind  Begegnungen mit den futuristischen Utopien der 1960er und 1970er Jahre wie den Instant Cities von Archigram oder dem „Austrian Phenomenon“, die sich hier auf der Station „The Inflatable Moment“ versammeln. Weniger erfreuliche Aspekte wie das große Geschäft mit der Architektur, das vor allem durch Stars weiter vorangetrieben wurde, kommen unter dem Schlagwort „Global Business“ zum Tragen: Hier ist zu erfahren, dass das amerikanische Büro Gensler derzeit mit über 3.500 Mitarbeitern in 46 Städten der Welt einen Umsatz von über einer Milliarde Dollar erwirtschaftete. Wie gut, dass es als Gegengewicht dazu auch Tendenzen wie den in den 1990er Jahren aufgekommenen Design-Build-Studios gibt: Diese führen in Entwicklungsländern zu minimalen Budgets und mit eigenen Händen mit Hilfe der lokalen Bevölkerung partizipative „bottom-up“ Projekte durch. Unter dem Schlagwort „Reset – Just build it“ sind hier viele solche Beispiele angeführt. Auch in der Gegenwart setzen sich viele Büros wie das britische Assemble Studio in London extrem engagiert mit partizipativen Projekten auseinander, die stark auf die Bedürfnisse der betroffenen Menschen reagieren. Sie sind im Kapitel „Architektur ist Gesellschaft“ versammelt. Eine von vielen Streiflichtern in dieser Ausstellung, die Hoffnung macht und beweist, dass die Architektur noch lange nicht am Ende ist.

www.azw.at