Media Review 12/2019

Aufstieg und Fall der Shopping Malls

Die Literatur über die neuere Geschichte zur Architektur des Konsums kommt erst um 2000 mit dem Interesse an den Shopping Malls der Nachkriegszeit in Schwung. Damit wurde ein prägender Architekt, Victor Gruen, aus der Vergessenheit geholt und über diesen Umweg auch die Pariser Passagen sowie das Warenhaus des 19. Jahrhunderts. Mittlerweile hat der Bautypus Mall neue Funktionen angenommen und in einer digital-vernetzten Welt spricht man bereits vom „Onlife-Handel“. Im Folgenden wird eine Auswahl an aktuellen Publikationen zu diesem Thema vorgestellt, ergänzt um eine Video-Serie.


 

 

 

Victor Gruen: Ladendesigner, Architekt, Stadt- und Umweltplaner, Erfinder der Shopping Mall der nordamerikanischen Vorstädte, Wegbereiter der innerstädtischen Fußgängerzonen (samt der frühen Idee von E-Bussen) und in seinen späten Jahren auch Umweltplaner. Aber vor allem war Victor Gruen, 1903 ins Wiener jüdische Großbürgertum hineingeboren, ein Humanist des alten Schlags, ausgestattet mit Sprach- und Wortwitz, der auch ob seiner dramatischen Flucht 1938 in ein fremdsprachiges Land nicht verlorenging und sich in seinen zahlreichen Publikationen wiederfindet. Ein gutes Beispiel dafür sind seine Memoiren, die er 1979, ein Jahr vor seinem Tod, niederschrieb. Die Soziologin und Kulturwissenschaftlerin Annette Baldauf hat diese dankeswerter Weise gehoben und in Buchform gebracht: Victor Gruen. Shopping Town – im Titel die Bezugnahme zu Gruens eigener Publikation „Shopping Towns USA“ von 1960.

 

 

Anette Baldauf (Hrg.)
Victor Gruen – Shopping Town
408 Seiten, Text deutsch, böhlau, € 47,00

Victor Gruen Shopping Town

 

 

Das Buch „World of Malls. Architekturen des Konsums“ (eine Publikation zur gleichnamigen Ausstellung 2016 im Architekturmuseum der TU München) gibt mit Essays von Stadtplanern, Ökonomen und Architekturhistorikern einerseits einen historischen Rückblick auf die Entwicklung des Konsums (Bazar, Ladenstraße, Kaufhaus des 19. Jahrhunderts) sowie auf den – auch städtebaulichen – Transformationsprozess des Bautyps Mall vom 20. zum 21. Jahrhundert. Andererseits werden aktuelle Beispiele quer über den Globus präsentiert – wie Einkaufszentren in der Türkei, China oder den Vereinigten Arabischen Emiraten –, und Fragen nachgegangen, wie beispielsweise potenziellen Umnutzungsstrategien von ausgedienten Malls, die das „Sterben“ der Typologie seit den 1990er Jahren notwendig macht.

Andres Lepik, Vera Simone Bader (Hrg.)
World of Malls
256 Seiten, Text deutsch, Hatje Cantz Verlag, € 20,00

World of Malls

 

 

Tom Avermaete (Professor an der TU Delft) und der Architekturwissenschafterin Janina Gosseye kommt das große Verdienst zu, mit Shopping Towns Europe. 1945–1975 die erste Publikation herausgegeben zu haben, die die Entwicklung des Einkaufszentrums in Europa untersucht und vom gängigen Narrativ abweicht, das die Typologie entlang von US-Entwicklungen beschreibt. Fachautorinnen und -autoren analysieren darin in achtzehn Fallstudien Einkaufszentren – das (ehemalige) Osteuropa inklusive – vor dem Hintergrund unterschiedlicher nationaler, sozialer und ökonomischer Kontexte. So werden neben bekannten Zentren (u.a. Lijnbaan Shopping Centre, Rotterdam) auch zahlreiche unbekannte in z.B. Kroatien oder Schweden vorgestellt.

Janina Gosseye, Tom Avermaete (Hrg.)
Shopping Towns Europe
272 Seiten, Text englisch, Bloomsbury, £ 90,00

Shopping Towns Europe

 

 

Vicky Howard wiederum leistet mit ihrem Buch “From Main Street to Mall. The Rise and Fall of the American Department Store” einen wesentlichen Beitrag, um die Entwicklung des Warenhauses unter wechselnden politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Strukturen in den USA neu zu bewerten: Sie zeigt auf, wie die einstigen „Flagship Stores“ der Main Streets vom Shopping Mall der Suburbs und danach von den Big-Box Discountern und von eCommerce verdrängt wurden. Wie so nationale Ketten, wie Macy's oder J. C. Penney, lokale, identitätsstiftende Kaufhäuser ablösten und dadurch als soziale Institutionen verloren gingen und stattdessen die anonyme Wal-Mart-Welt ihren Siegeszug antrat. Howard arbeitet mit einer Fülle von Primärquellen und ausgezeichneten Archivfotos.

Vicki Howard
From Main Street to Mall
304 Seiten, Text englisch, University of Pennsylvania Press, £ 20,99

From Main Street to Mall

 

 

Und wie geht es weiter mit dem Shoppen? Das Buch Das Ende des Online Shoppings zeigt die künftigen Formen in der Welt des Einkaufs auf. Es spricht von komplexen Customer Journeys, von neuen Geschäftsmodellen und vom nachhaltigen Einkaufen in der Kreislaufwirtschaft. Online und Offline-Handel werden im sogenannten Onlife-Handel zusammengeführt werden. Nicht nur, dass Online-Shops verstärkt Läden, Convenience Stores oder Ausstellungsräume an ausgewählten Standorten errichten, um Kundenbeziehungen aufzubauen, der stationäre Handel muss sich neuerfinden und Ladenflächen zu „Smart Stores“ umfunktionieren. Das Buch ist kein Architekturbuch, aber die Informationen darin unerlässlich für jeden aus der Disziplin, der jemals eine Einkaufsfläche planen wird!

Wijnand Jongen, Rainer Will
Das Ende des Online Shoppings
368 Seiten, Text deutsch, ueberreuter, € 24,90

Ende des Online Shoppings

Das könnte Sie auch interessieren

Newsletter Anmeldung

Wir informieren Sie regelmäßig über Neuigkeiten zu Architektur- und Bauthemen, spannende Projekte sowie aktuelle Veranstaltungen in unserem Newsletter.

Als kleines Dankeschön für Ihre Newsletter-Anmeldung erhalten Sie kostenlos das architektur.aktuell Special „ZV-Bauherrenpreis 2019“, das Sie nach Bestätigung der Anmeldung als PDF-Dokument herunterladen können.