Bauherrenpreis 2014: Architektur für die Gesellschaft

Bauherrenpreis 2014

Bauherrenpreis 2014

Feierlich wurde am 14. November der Bauherrenpreis 2014 verliehen. Sieben Preisträger und zwanzig Nominierungen belegen das hohe Niveau und die Bandbreite österreichischer Baukultur. Die Jury (Otto Kapfinger, Marta Schreieck, Zvonko Turkali) legte diesmal einen besonderen Wert auf die soziale Komponente und gesellschaftliche Relevanz von Architektur.  Ausgezeichnet wurden folgende Realisierungen: Das Office OFF, ein experimentelles Arbeitsumfeld für die Mitarbeiter der FOB-face of buildings im Steiberg-Dörfl im Burgenland. heri&salli hatten ihnen ein unorthodoxes Gebäude mit Schwimmbad am Dach und Kletterwand in einen Holzgrid gesteckt. Exemplarisch und umsichtig setzten winkler + ruck architekten der Diözese Gurk ein Museum für die Schatzkammer in den Bestand des Doms zu Gurk. Dem Generalrat der Halleiner Franziskanerinnen in Oberalm plante Heinz Tesar ein naturnahes, puristisches und klares Klostergebäude. In Ischgl, dem Las Vegas in der Tiroler Bergwelt, grub die parc ZT GmbH der Gemeinde mit topografischem Feingefühl ein Kulturzentrum in den Dorfkern. In Andelsbuch realisierte Peter Zumthor mit und für die Handwerker des Werkraums Bregenzerwald das Werkraumhaus, ein vielfach nutzbares Schaufenster für das Handwerk. Gemeinsam setzten Werner Neuwirth aus Wien, Sergison Bates aus London und von Ballmoos Krucker aus Zürich für die Genossenschaft Neues Leben den PaN Wohnpark „Interkulturelles Wohnen“ in Wien um. Außerdem ausgezeichnet wurde die VinziRast mittendrin, ein soziales Experiment der Sonderklasse. In der Wiener Währingerstraße bauten gaupenraub +/- mit freiwilligen Helfern ein altes Eckhaus zu Wohngemeinschaften für Studierende und ehemalige Obdachlose um und aus, das vom Verein Vinzenzgemeinschaft St. Stephan betrieben wird. Im Erdgeschoß gibt es ein Lokal, in dem ehemals Obdachlose servieren und man auch ohne Konsumzwang sitzen kann. Im Wiener Ringturm wird eine Ausstellung zum Bauherrenpreis gezeigt, die noch bis 16. Jänner 2015 zu sehen ist.
 
Das Gedränge auf der Feststiege des Wiener Odeon-Theaters war gewaltig, die Zahl der schwarzgekleideten Personen überdurchschnittlich hoch. Viele Architekturschaffenden, ihre Angehörigen und Bauherren waren zur Verleihung des Bauherrenpreises 2014 am 14. November gekommen. 450 Menschen will man gezählt haben. Der Preis hat eine lange Tradition und ein großes Renommee: 1967 wurde er erstmals von der Zentralvereinigung (ZV) der Architektinnen und Architekten Österreichs vergeben, um auch die tragende Rolle mutiger Bauherren und der Bauherrinnen beim Zustandekommen herausragender zeitgenössischer Architektur zu würdigen. Im selben Jahr erschien die erste Ausgabe unseres Magazins architektur.aktuell, das als Medienpartner ein Sonderheft zum Bauherrenpreis produzierte. Er ist eine undotierte Auszeichnung und beweist damit in anachronistisch verdienstvoller Weise, dass sich Qualität nicht unbedingt, ausschließlich und eindeutig nur in Geld bemessen lässt. Dafür zeichnet sich dieser Preis dadurch aus, dass die Jury ab 2010 alle nominierten Projekte tatsächlich vor Ort begutachtet, bevor sie ihre Entscheidung fällt.

110 Projekte wurden heuer zum Bauherrenpreis eingereicht, das Niveau war außergewöhnlich hoch. Otto Kapfinger, Marta Schreieck und Zvonko Turkali bildeten die Jury, die in vier Tagen quer durch Österreich reiste, um die 27 Nominierungen vor Ort auf sich einwirken zu lassen. Melanie Hollaus begleitete sie mit der Kamera auf ihrer kritisch-interessierten Besichtigungstour, nahm die Hausbegehungen auf und komprimierte ihre Eindrücke von Gebäuden, Gespräche und Planmaterial zu einem kurzen Film. Er wurde bei der Preisverleihung gezeigt und ist auch online abrufbar www.youtube.com/watch?v=sM12kzQASvI&feature=youtu.be

 „Es sind großteils Pionierprojekte“, meine Marta Schreieck und bedankte sich bei ihren ArchitekturkollegInnen und deren Bauherrenschaft. „Sie haben mit Ihrer die Welt ein kleines Stück besser und lebenswerter gemacht. Wir brauchen Bauherren wie Sie, um der wachsenden Unkultur entgegen zu wirken.“ Hans Hollein, bis dato Österreichs einziger Pritzker-Preisträger und unerbittlicher Kämpfer für Qualität, hat sich zeitlebens für den Bauherrenpreis stark engagiert. Er hätte den Abend genossen. Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou beehrte den Abend mit ihrer Anwesenheit, Michael Kerbler moderierte und nach und nach füllte sich die Bühne mit stolzen nominierten BauherrInnen und den Architekturschaffenden ihres Vertrauens. Es waren so viele, dass Fotograf Andreas Buchberger stark in die Knie gehen musste, um sie alle aufs Bild zu bringen.

Nach einer intensiven, viertägigen Reise durch Österreich, auf der die Jury von sechs Uhr morgens bis 22 Uhr im Dienst der Architekturbegutachtung unterwegs war, fiel die Entscheidung für sieben Preisträger. „Ohne Vertrauen zwischen Architekten, Bauherren und Firmen geht es nicht“, resummiert Zvonko Turkali. „Das war deutlich spürbar. Viele Bauherren haben mit glänzenden Augen die Projekte vorgestellt. Ihre Freude über das Erreichte war groß.“ Als erstes wurden Werner Neuwirth aus Wien, Sergison Bates aus London und Architekten vom Büro von Ballmoos Krucker aus Zürich auf die Bühne gebeten. Sie hatten gemeinsam als den sozialen Wohnbau PAN – interkulturelles Wohnen am Nordbahnhof in Wien geplant. „Für uns war das eines der spannendsten Projekte der letzten Jahre“, so Karl-Heinz Stadler von der Genossenschaft Neues Leben. „Aber ich bin der festen Überzeugung, dass diese Anlage den NutzerInnen langfristig hohe Wohnqualität sichert.“ Menschen aus 25 Nationen leben nun in den verschiedenen Bauteilen, die beweisen, dass auch unter dem Kostendruck des sozialen Wohnbaus hochwertige Architektur entstehen kann. Musikerin und Klangkünstlerin Martina Cizek würdigte das Projekt mit einem eigens dafür komponierten Stück, für jeden Preisträger spielte sie live auf. In der Melodie spiegelte sich wider, wie sie den Bau empfand.

Die „VinziRast mittendrin“ ist von besonderer gesellschaftlicher Relevanz. Seine Geschichte begann im extrem kalten Winter des Jahres 2009, als Studierende das Audi Max der Hauptuni in Wien besetzten und auch Obdachlose dort Unterschlupf fanden. Man begegnete einander auf Augenhöhe, diskutierte viel und wollte den Kontakt nicht abbrechen lassen. So entstand die Idee, Wohngemeinschaften aus ehemaligen Obdachlosen und Studierenden zu bilden. Der Weg zur Umsetzung war lang, viele Freiwillige beteiligten sich beim Um- und Ausbau eines alten Eckhauses auf der Währingerstraße zu einem besonderen Ort. Hier ist die Begegnung mit Menschen möglich, die sonst marginalisiert und ausgegrenzt werden. Die Architekten gaupenraub +/- und der Verein Vinzenzgemeinschaft St. Stephan als Bauherren wagten ein einzigartiges Experiment. Von ihrem Mut profitiert nun die ganze Stadt: Die VinziRast-mittendrin betreibt ein schönes Lokal mit Schanigarten im Hof im Erdgeschoss, das keinen Konsumzwang kennt. In ihren Werkstätten werden Räder repariert, am Dach mit Aussicht und Terrasse finden viele Veranstaltungen statt. In den Geschossen dazwischen wohnen Studierende mit ehemaligen Obdachlosen. „Es gab Spannungen und Schwierigkeiten“, gibt Bauherrin Cecily Corti zu. „Aber letztendlich ist es etwas geworden, das wir uns gar nicht vorstellen konnten.“ Ein Projekt das Hoffnung gibt und Schule machen sollte. Auch die Halleiner Franziskanerinnen leben streng nach dem Vorbild des heiligen Franz und der heiligen Clara von Assisi. Einfach, kontemplativ, karitativ und gemeinnützig. Sie betreiben Schulen, eine Seniorenresidenz, Alten- und Krankenpflege. In ihrem Haus gibt es Zimmer für begleitete Auszeiten, Menschen in unterschiedlichen Lebenskrisen finden hier Aufnahme. „Wo haben Sie Ihre Möbel?“, wurden die Schwestern bereits von Gästen gefragt, so spartanisch und schlicht plante Architekt Heinz Tesar ihr Haus. Sie vertrauten ihm komplett: auch die Möbel und Kultgegenstände wurden von ihm entworfen.

Ganz anders geht es in Ischgl zu. In diesem Dorf kommen auf 1500 Einwohner 11.000 Gästebetten. Es gibt aber auch ein starkes Vereinsleben. Den Einheimischen plante die parc ZT GmbH am letzten verbliebenen unverbauten Fleck des Ortes unter dem alten Widum am Hauptplatz ein Kulturzentrum. Geschickt in das Gelände gegraben, öffnet es sich mit einer Tribüne zu einem Platz und bezieht auch den achtsam sanierten Altbau des Vidums mit ein. Der Musiksaal hat eine hervorragende Akustik, die Gemeinde ist sehr glücklich damit. „Das wichtigste ist, dass man weiß, was man will und dass man gleichzeitig weiß, dass man das nicht so genau wissen kann, gerade, wenn so viele beteiligt sind“, sagt Renate Breuss, die Geschäftsführerin vom Werkraum Bregenzerwald. 85 Handwerksbetriebe aus der Region haben sich hier zusammengeschlossen, um gemeinsam ihr Wissen zu pflegen, zu teilen und zu vermehren. Sie fragten den großen Schweizer Architekten Peter Zumthor, ob er ihnen nicht eine Ausstellungs- und Versammlungshalle bauen wollte. Das Werkraumhaus. „Wenn es schnell gehen soll, seid ihr bei mir falsch“, hätte er gesagt. Im Juli 2013 wurde das Werkraumhaus mit seinem weit auskragenden Dach fertig. Hinter raumhohen Glasfassaden finden seitdem hier auf 700 m2 ein Lokal, viele Werkstücke, Objekte, Ausstellungen, Veranstaltungen und Begegnungen Raum.

„Es ging bei der Konzeption des Büros nicht um einen Arbeitsplatz, sondern um die Schaffung eines Lebensraums“, so heri&salli, die sich ohne die Begegnung mit Johannes Stimakovits, den Geschäftsführer von FOB-face of buildings nie selbständig gemacht hätten. Aus dem Projekt, das zu ihrer Bürogründung führte, wurde nichts. Dafür aber entwickelten sie gemeinsam mit ihrem Bauherren das Betriebsgebäude Office OFF in Steinberg-Dörfl im Burgenland. Weil hier Hotels rar sind, gibt es in dem freigeformten Gebilde mit der Schindelfassade auch Zimmer zum Übernachten für die Kunden, die aus aller Welt kommen. Das Gebäude ist energieautark, hat ein Schwimmbad am Dach, eine Kletterwand und auch sonst noch einiges zu bieten. Der Dom zu Gurk ist ein romanisches Baudenkmal erster Güte, doch er liegt weit abseits aller Touristenpfade. Mit viel Einfühlungsvermögen und Augenmaß haben die Architekten winkler + ruck aus Klagenfurt die Kunstwerke aus der Diözesanen Schatzkammer in die denkmalgeschützte Substanz integriert. Nun ist der Dom um eine museale Sehenswürdigkeit reicher. Wie schön die Details der Ausstellungsvitrinen gelöst sind, ist in der Ausstellung im Ringturm zu sehen, wo auch viele Modelle der Preisträgerobjekte sehen. Wem das nicht genügt, der muss sich auf den Spuren der Jury auf die Reise begeben.

www.zv-architekten.at

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