Best of des Entwerfens an der Fakultät für Architektur und Raumplanung der TU Wien

Architektur_Entwürfe: Arbeiten an der TU Wien aus dem Studienjahr 2016/17. Auftakt zur Ausstellung

Im besten Fall sind Architekturfakultäten experimentierfreudige Laboratorien und Brutstätten für neue Ideen und innovative Ansätze. Auf jeden Fall sind es Orte, an denen sich Studierende mit unterschiedlichsten Fragestellungen auseinandersetzen müssen. Auch an der TU Wien – Österreichs zahlenmäßig größter Fakultät für Architektur und Raumplanung – wird ständig geforscht, gedacht, entwickelt und konzipiert. Jedes Jahr entstehen dort an die 2.400 Entwurfsarbeiten, die sich mit rund 130 Themen auseinandersetzen. Um die bemerkenswertesten Leistungen eines produktiven Studienjahres einmal vor den Vorhang zu holen, zeigte die Fakultät im leerstehenden ehemaligen Telegraphenamt in der Zollergasse 31 eine Auswahl der besten Projekte aus dem Studienjahr 2016/17. Von Mittwoch, den 17. Mai bis Freitag, den 24. Mai waren dort unterschiedlichste Arbeiten aus verschiedenen Sparten vom Städtebau bis zur künstlerischen Intervention zu sehen. Die Ausstellung wurde von Michael Zinganel gestaltet.

Außerdem fanden die ganze Woche über Diskussionen zu verschiedenen Themen statt, deren Teilnehmer nach einem Rundgang auch bestimmte Projekte auszeichneten, die ihnen besonders gelungen erschienen. Diese wurden am Ende der Ausstellung mit einer eigenen Urkunde gewürdigt. Am Mittwoch, den 24. Mai stand „Engagierte Architektur“ im Mittelpunkt der Paneldiskussion zwischen Rudi Scheuvens, dem Dekan der Fakultät für Architektur und Raumplanung, der auch in der Fachschaft engagierten Architekturstudentin Daniele Markova und Hannes Traupmann von pxt (Pichler und Traupmann Architekten), die soeben ihr höchst innovatives ÖAMTC-Headquarter vollendet hatten. Traupmann lehrt außerdem schon lang an der Universität für Angewandte Kunst: nachdem er im Studio von Zaha Hadid tätig gewesen war, betreut er nun Studierende von Kazuyo Sejima. Christian Kühn moderierte das Gespräch mit Verweis auf die Grazer Schule, für ihn gleichermaßen ein Synonym für engagierte Architektur. Für Hannes Traupmann ist Engagement eine Grundbedingung für geglückte Architektur, aber auch die interessantesten Momente in der Lehre entstehen erst, wenn eine Gruppe engagierter Leute aufeinandertrifft. In seiner Studienzeit an der Angewandten war Architektur gar nicht anders denkbar, als mit einer Leidenschaft „vom Scheitel bis zur Sohle.“ Damit sich das einstellt, brauche es aber auch ein „Engagement und eine Präsenz der Lehrenden“, gibt Traupmann zu bedenken. Als Büromitarbeiter wählen er und sein Partner Christoph Pichler immer „engagierte Leute mit Passion“ aus. „Viel Handwerkszeug kann man lernen, primär aber stellen wir Leute ein, die engagierte, faszinierende Persönlichkeiten sind und Lust haben, an Projekten zu arbeiten.“ Christian Kühn erkennt retrospektiv als größte Stärke der bahnbrechend wirksamen Dynamik der legendären „Grazer Zeichensäle“ und der daraus resultierenden Grazer Schule den ständigen Austausch über Architektur zwischen den Studierenden. Rudi Scheuvens verweist auf Peter Fattinger und sein design.build Studio, das beispielsweise im Rahmen von OPENmarx einige Container mit einer Küchenwerkbank, Pergola und einem riesigen Tisch im Freien zu einem OPENlab umbaute, wo auch viele Veranstaltungen stattfanden. Scheuvens erwähnt aber auch die Blue Box an der Hochschule in Bochum, wo Studierende die alte Mensa eigeninitiativ in einen dreigeschossigen open space verwandelt hatten, in dem nun ständig rund 120 Studierende vom ersten bis zum achten Semester arbeiten. Für die TU wäre so ein Raum, der Kommunikation und damit Innovation fördert, auch wünschenswert – allerdings ist die Finanzierung immer ein problematisches Thema.

Karin Harather und Renate Stuefer haben mit 39 Studierenden von Oktober 2015 bis Juni 2016 im Rahmen ihres Projektes „Displaced – space for change“ im größten Wiener Flüchtlingsquartier, der Vorderen Zollamtsstraße 7, in Zusammenarbeit mit Bewohnern, Bewohnerinnen und der Leitung des Hauses durch verschiedene architektonisch-künstlerische Interventionen die räumliche Qualität im Haus stark gehoben, vor allem aber auch voneinander gelernt und die Atmosphäre zwischen den Menschen stark verbessert. „In diesen wenigen Monaten ist es uns gelungen, vielfältige Vernetzungen und ein Klima der Solidarität zu etablieren und damit neue Wege der Integration zu beschreiten. Stadt, Raum und Flucht: Architektur ist zuständig.“ In 6.547 gemeinsamen Arbeitsstunden wurden 1.191 Bewohner involviert und in die Umgestaltung ihres Quartiers einbezogen. Displaced-space for change wurde auch mit der SozialMarie ausgezeichnet, was auch das veränderte Verständis der Rolle von Architekten anschaulich belegt. Dabei entstand auch eine Klangskulptur: dieses Möbel mit dem markanten textilen, gelben Trichter, Trommeln, Klingeln, Blasebalg, Metallrohren und anderen ungeahnten Möglichkeiten, Geräusche zu erzeugen, war in der Ausstellung aufgebaut und aus zu testen. Als die Notquartiere geschlossen wurden, begannen Harather und Stuefer gemeinsam mit dem design.build Studio von Peter Fattinger einen ausrangierten Bus der Wiener Linien zu einem fahrenden, multifunktionalen Raum umzubauen. Christian Kühn gab zu bedenken, dass Studierende im Masterstudium, die ausschließlich Entwerfen dieser Art belegen, bei denen ganze Gruppen kollektiv beurteilt werden, womöglich gute soziale, aber weniger entwerferische Kompetenzen hätten. Er verwies auf Mies van der Rohe, vom dem kolportiert ist, dass er seine Studierenden erst entwerfen ließe, wenn sie das Detail verstünden. Daniele Markova hielt dagegen, dass die TU Wien eine so große Universität wäre, an der ebenso auch Hi-Tech-Interessen, experimentelle Tendenzen und raumplanerische Konzepte Raum fänden. Immer noch bliebe der Anspruch an die Absolventen im Kern „ästhetisch komplex.“

Welch Bandbreite die Studierenden tatsächlich abdecken, zeigte die Ausstellung dann sehr eindringlich. Viele sehr unterschiedliche Arbeiten wurden auch prämiert: So konnten sich Dymtro Isaiev und Isabella Klebinger für ihr Projekt „Retreat into the Streets“ eine Auszeichnung holen. Sie bauten ein chinesisches Dreirad zu einer mobilen Wohnheinheit um, die auch mit dem öffentlichen Raum auf sehr interessante Art und Weise interagiert. Elke Delugan nominierte das Projekt „traudi“ – Home not shelter für eine Auszeichnung. Alexander Hagner hatte dafür mit elf Studierenden ein innovatives, platzsparendes und multifunktionales Hochbett für den kleinen Raum einer Flüchtlingsunterkunft entwickelt, an den Bestand des Siemens-Büros aus den 1980ern im Kempelenpark angepasst, das derzeit von der Caritas als Flüchtlingsunterkunft und Studentenheim betrieben wird. Die Studierenden richteten im Team gemeinsam mit den dortigen Bewohnern gemeinsam ihre Zimmer nach Wunsch ein. Das intelligente Holzmöbel garantiert einerseits Privatheit, bietet Ablagefläche, zoniert den Raum und erhält dabei noch viel frei nutzbare Fläche. Auch von Studierenden, die dort gemeinsam mit Flüchtlingen leben, wurde es gut angenommen. (architektur.aktuell, 1-2, 2017). Auch Daniela Markova erhielt eine Auszeichnung für ihren Entwurf einer Therme mit Kulinatirum in Pozzuoli, den sie am Institut für Architektur und Entwerfen bei Prof. Pálffy machte. Sie setzte ihre Therme und das Restaurant mit Aussichtsterrasse als hakenförmiges, eingeschossigen Baukörper, der zwei Höfe bildet, schwebend auf die Geländekante und ein Sockelbauwerk, das gleichermaßen die dorigen Ruinen umarmt und so auch in den Ablauf des Ruhens und Badens integriert. Das Freibad ist ein Biotop ohne Chlor, das Projekt punktet mit allen klassischen Qualitäten guter Architektur: Lage in der Landschaft, Bezugnahme auf die spezifische Situation, Funktionalität, Eleganz, Maßstab, konstruktive Lösung. Viele andere spannende Projekte waren in dieser Ausstellung zu finden. Um das Engagement der Studierenden, die hier vertreten waren, muss man sich sicher keine Sorgen machen.