Alles scheint gut. Ist wirklich alles gut?

Change Blog # 6

sao-paulo-1194935_1920 (c) pixabay

Im Change Blog vom Mai haben wir behauptet: „Der Mensch ist träge“. Denn die Reformlust und die Wendebereitschaft der Architektur- und Baubranche halten sich nach dem Corona-Trauma schon wieder in engen Grenzen. In Österreich beschränken sie sich derzeit auf Verfahrensfragen und vorgezogene öffentliche Investitionen. Gleichzeitig geht die globale und regionale Urbanisierung offenbar ungebremst weiter.


Wer mit einer fundamentalen Umkehr der Baubranche in Österreich unter dem Eindruck der Coronakrise gerechnet hat, der wurde sukzessive enttäuscht. Es wurde kein großes nationales Bauziel entworfen – wie das etwa in Frankreich mit dem angestrebten 50 % Holzbau-Anteil für öffentliche Bauten erfolgte. Auch bei der Raumordnung ist keine Reform in Sicht, geschweige denn ein großer Wurf, der dieses wichtige Instrument der Umweltgestaltung aus den Händen regionaler Behörden nimmt. Das wäre die kritische Lektüre der Lage. Mit einer Prise Sarkasmus kann man sie aber auch positiv interpretieren: Österreichs Baubranche ist schon längst so innovativ unterwegs, dass die Fundamentalwende gar nicht nötig ist. Der Kurs stimmt nämlich. Höchstens geringfügige Kurskorekturen sind angebracht. Diese Perspektive hat etwas Charmantes und noch dazu den Vorteil, dass man dafür in der öffentlichen Debatte wesentlich mehr Belege findet als für die Wendethese. Drei Beispiele aus April, Mai und Juni 2020 stehen stellvertretend für den Optimismus der Branche.

Am meisten positive Meldungen kamen aus dem Holzbau. Die Zimmereien sind ausgelastet. Nach kurzen Schließungen, die über Urlaubsaubbau bewältigt wurden, und ein wenig Kurzarbeit liegt man wieder im Plan. Erstaunlich: Beim Holzfertighaus-Hersteller Hartl etwa ging es bereits Mitte April nach nur einem Monat „Pause“ wieder weiter wie gewohnt. Das stets lesenswerte Branchenblatt holzmagazin berichtete dazu: „Auch während des Produktionsstopps ging das Geschäft weiter, auch Abschlüsse konnten getätigt werden. Insgesamt rechnet man mit einem guten Jahr, denn die Nachfrage ist sehr gut und liegt in manchen Bereichen des Portfolios 20-50 % über dem vergangenen Jahr.“ Verblüffend. Und großartig, wenn es stimmt!

Holzhaus Hartl-Werk Echsenbach (c) www.hartlhaus.at

Holzhaus Hartl-Werk Echsenbach (c) www.hartlhaus.at

Die Schlussfolgerung, dass jetzt ein Trend zum Wohnen auf dem Land einsetzen könnte, weil man am Land die aktuelle Krise weniger gespürt hat als in den Großstädten, ist zu kurz gedacht und nicht wirklich haltbar.

Signa-Österreich-Chef Christoph Stadlhuber

 

Wer nicht restlos von der stetig steigenden Nachfrage nach innovativen Bauweisen wie Holz überzeugt ist (in diesem Bereich besitzt Österreich eine potente, international gefragte Industrie und viele Zukunftschancen), der kann sich auf die öffentliche Hand verlassen. 30 % des Bauvolumens in Östererich werden ja in den öffentlichen Bereich eingeordnet und 50 % des Hochbaus sind – gutteils öffentlich geförderter – Wohnbau. Bei den 30 % sind auch die Infrastrukturbauten dabei, unter anderem jene der Bahn. Auch dazu gibt es gute Nachrichten, denn nun wurden enorme Öffi-Investitionen angekündigt. Über die 4,5 Milliarden Euro hinaus, die bis 2023 für den Ausbau des öffentlichen Verkehrs in Österreich schon vor Corona budgetiert wurden, „plant die Regierung, um 250 Millionen Euro landesweit Bahnhöfe auszubauen“, berichtete die Wiener Tageszeitung „Der Standard“ im Mai. „Von Finkenstein bis Altach sollen ‚Mobilitätsdrehscheiben‘ entstehen, die etwa durch Ladestationen für E-Autos, Fahrradstellplätze und Park-and-Ride-Anlagen die öffentlichen Verkehrsmittel attraktiver machen, sagte Infrastrukturminsiterin Leonore Gewessler. Dieses Paket ist nicht neu, wird aber um zwei Jahre vorgezogen." Weiteres Goodie: „Die Bundesmittel für Infrastruktur, also 150 Millionen Euro, werden von den Ländern eins zu eins aufgestockt.“

Park-and-Ride-Anlage der ÖBB (c) immobilien.oebb.at

Park-and-Ride-Anlage der ÖBB (c) immobilien.oebb.at

Wer schließlich die jüngst aufgeblühten Thesen einer kommenden De-Urbanisierung und Re-Ruralisierung falsifizieren will, den bediente Signa-Österreich-Chef Christoph Stadlhuber perfekt. In einem Interview, das Ende Juni in der Wiener Tageszeitung „Die Presse“ erschien, warnte er ernüchternd, „dass man von Momentaufnahmen nicht gleich auf eine Umkehr von seit längerem bestehenden Entwicklungen schließen sollte. Die Schlussfolgerung etwa, dass jetzt ein Trend zum Wohnen auf dem Land einsetzen könnte, weil man am Land die aktuelle Krise weniger gespürt hat als in den Großstädten, ist zu kurz gedacht und nicht wirklich haltbar. Der Zuzug in urbane Regionen, der seit Jahren stattfindet, wird weitergehen. Auch andere seit langem bekannte Trends beim Wohnen werden anhalten. So sind etwa aus ökonomischen Gründen zunehmend kleinere, leistbare Wohneinheiten gefragt – und die aktuelle, für viele prekäre wirtschaftliche Situation wird dies eher verstärken. Auch was das kontinuierlich ansteigende Bedürfnis nach Freiflächen wie Balkone, Terrassen oder Loggien betrifft, geht es in diese Richtung weiter.“ Immerhin scheint also ein Qualitätsschub des Wohnbaus bevorzustehen.  – In den kommenden Blog-Beiträgen werden wir genauer nachfragen, wo und wie sich dieser entfalten könnte.

Freiflächen im Wohnbau immer mehr gefragt (c) pixabay 1031241_1920

Freiflächen im Wohnbau immer mehr gefragt (c) pixabay 1031241_1920

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