Kommt jetzt ein Hybridisierungs- und Industrialisierungsschub?

Covid-Blog #2

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Im zweiten Teil unseres Covid-Blogs befassen wir uns mit Definitionsfragen und weiteren Impact-Details der aktuellen Lage, Anfang April 2020.


 

Im ersten Teil haben wir einen Blick auf die österreichische Wirtschaft als Ganzes geworfen und die Frage gestellt, welche ihrer Branchen stärker und welche vermutlich weniger intensiv von der Covid-Krise betroffen sein werden. Je nach Gewicht der Branche bezüglich ihres BIP-Beitrags wären diese Auswirkungen dann zu bewerten – denn Umsatzeinbußen von beispielsweise 30 % in einer Branche, die „nur“ 5 % zum BIP beiträgt, lesen sich – zumindest in reinen Zahlen – anders als die gleichen 30 % einer Branche, die fast 20 % des BIP liefert. Was bei diesen simplen Zahlenspielen jedoch unbeachtet bleibt, sind die schwer bezifferbaren Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Wirtschaftszweigen. Dabei treten zahlreiche Skaleneffekte auf, durch die beispielsweise aktuell geringfügig scheinende Rückgänge in der einen Branche mit einer gewissen Verzögerung jedoch zu gewaltigen Verwerfungen in einer anderen führen können. Das ist natürlich dem hohen Vernetzungsgrad unserer Wirtschaft geschuldet, weshalb die Zahlen von heute mangels Erfahrungen mit einer Pandemie nur mit großen Vorbehalten weitergeschrieben und -projiziert werden können. Und dies ist auch das Szenario, das gemeint ist, wenn Politiker heute davon reden, dass uns das Schlimmste erst bevorsteht.

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Für uns ist relevant, wie sich die Krise auf die Baukultur bzw. alle Umweltgestaltungs-Aktivitäten in ihrer Gesamtheit auswirkt. Denn beim bereits angesprochenen hohen Vernetzungsgrad besonders jener Branchen, die irgendetwas mit Bauen und Gestalten zu tun haben, macht es wenig Sinn, beispielsweise nur die Bauindustrie allein zu betrachten – oder auch die zahlreichen Baugewerbe, die zuliefernde Industrie, die PlanerInnen, DeveloperInnen und NutzerInnen. Einfaches Beispiel: Wenn etwa Bauträger heute entscheiden, dass in zwei Jahren weniger Wohnraum gebraucht werden wird als heute, dann reduzieren sie ihre Aufträge an PlanerInnen sofort. In diesen Fall „spüren“ das ZivilingenieurInnen schon heute am stärksten, während jedoch die Bauindustrie erstmal mindestens ein Jahr lang ihre vorhandenen Aufträge abarbeitet, bevor ihre Produktion mangels neuer Aufträge zurückgeht. Hier sagt die Momentaufnahme der Befindlichkeit einer Einzelbranche des Bauwesens also nur wenig über Lage und Perspektive der Umweltgestaltung als Ganzes aus, die ja auch noch von vielen anderen Faktoren abhängt.  

Das alte Moderne-Ideal der industriellen Bauproduktion am Fließband, das von der individualitätsseligen Postmoderne schon fast ausgerottet worden war, feiert nun fröhliche Urständ‘.

Macht es überhaupt Sinn, einen fiktiven Sektor wie „Baukultur“ oder „Umweltgestaltung“ zu definieren, der in keiner konventionellen Wirtschaftsstatistik erfasst ist und bislang fast nur spekulativ erschlossen werden kann? Wir glauben: Ja. Und zwar aus drei Gründen: Erstens haben wir ja nicht nur die aktuelle Covidkrise zu bewältigen, die man auch als „Teilkrise“ jenes menschgemachten größeren Problems des Planeten begreifen kann, den wir als „Klimakrise“ zu bezeichnen gewohnt sind. Diese hat allerdings sehr viel mit Umweltgestaltung und konkreten Lebensweisen zu tun, weshalb es nicht unvernünftig erscheint, den Faktor Umweltgestaltung im globalen Klimageschehen als Ganzes auszumessen. Bei Emissionsstatistiken von Sparten wie Verkehr, Zementproduktion oder Viehzucht ist diese „Klimarelevanzmessung“ ja längst selbstverständlich.

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Zweitens ist Umweltgestaltung eine Art „Querschnittsmaterie“, die sich bisher kaum in den gewohnten Branchenstatistiken abbildet, weil eigentlich jede Branche direkt oder indirekt zum Komplex Umweltgestaltung auf die eine oder andere Weise beiträgt – die Bauindustrie etwa in höherem Ausmaß und die Finanzwirtschaft in geringerem, wenn man die Sache oberflächlich betrachtet. Der zweite Blick enthüllt jedoch, dass die Bauindustrie grob gesprochen nur die simple Hardware der Umweltgestaltung produziert, während die Finanzwirtschaft etwa durch ihre Investitionsentscheidungen ganz wesentlich bestimmt, was überhaupt gebaut wird. Ein schönes Beispiel dafür ist die Energiewende, die mit der Proliferation von Wasserkraftwerken, Windrädern und Photovoltaikanlagen zweifellos unsere Umweltgestaltung massiv beeinflusst, aber ganz direkt von der Finanzwirtschaft eben durch Börsenkurse, Subventionspolitik u.ä. gesteuert wird.

Der dritte Grund ist, dass auch all jene Branchen und Sparten, die überwiegend mit Umweltgestaltungsaktivitäten ihr Brot verdienen, kaum mehr „sortenrein“ den konventionellen Branchen zugeordnet werden können. Schon mehrmals haben wir darauf hingewiesen, dass etwa Architekturbüros längst nicht mehr ausschließlich mit klassischer Bauplanung ihr Geld verdienen, sondern auch mit zahlreichen Beratungs- und anderen Dienstleistungen. Von Bauträgern und Developern ist anzunehmen, dass sie nicht bloß als Bauherren aktiv sind, sondern auch sehr stark in der Finanzwirtschaft mitmischen. Und bei der zuliefernden Industrie – etwa den Softwareschmieden – ist klar, dass sie nicht nur das Bauwesen im weitesten Sinne beliefern, sondern auch zahlreiche Branchen, die weniger direkt mit Umweltgestaltung zu tun haben.

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Welche Möglichkeiten gibt es aber nun, den Komplex Umweltgestaltung in all seinen inneren und äußeren Einflußfaktoren so zu erfassen, dass man seine „Betroffenheit“ von der Pandemie wenigstens annähernd messen kann? Und im zweiten Schritt die umgekehrte Frage zu beantworten, welche Rolle unsere aktuellen Umweltgestaltungsstrategien ihrerseits bei der Entstehung von Krisen wie Covid, Klimawandel & Co. spielen? Und im dritten Schritt Resilienzkriterien aus diesen Analysen zu beziehen, die den Sektor „wetterfester“ machen, weil sie gleichzeitig auch dem Planten guttun? Hier hilft vorerst wohl nur eine Methode der kleinen Schritte, deren addierte Ergebnisse „Hochrechnungen“ auf den Gesamtkomplex Umweltgestaltung erlauben. Konkret: Branche für Branche und Subsektor für Subsektor zu betrachten. Ihren bisherigen „Track Record“ zu betrachten und die Aktivitäten einzeln bezüglich Resilienz in globalen Krisen und Relevanz für deren Entstehen zu analysieren. Dieser Aufgabe wollen wir uns in den weiteren Folgen unserer Covid-Reihe widmen.

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Den Beginn sollte eigentlich die PlanerInnen-Brache machen. Die österreichische ZivilingenieurInnenkammer ist aber derzeit vor allem damit beschäftigt, den aktuellen Krisenschock für ihre Mitglieder zu bewältigen. Die Analyse retrospektiver Zahlenreihen oder Überlegungen zu Änderungen im Aktivitätsportfolio von ArchitektInnen und IngenieurInnen müssen verständlicherweise warten, sind aber dennoch mittelfristig überlebenswichtig. Dankenswerterweise hat jedoch Julia Beierer im „Immo-Kurier“, der einschlägigen Wochenend-Beilage der Wiener Tageszeitung „Kurier“, eine Blitzumfrage unter ArchitektInnen durchgeführt und in der Ausgabe vom 4. April 2020 veröffentlicht. Dieses Meinungsbild ist durchaus erhellend. Befragt wurden drei Architekten und eine Architektin, deren Aktivitätsportfolio relativ breit gestreut ist – vertreten sind internationale Player, aber auch Generalisten, die von Schulen über Gewerbebauten bis zu Kulturbauten fast alles planen, bis zu Büros, die sich vor allem mit Interior Design und Wohnbau befassen. Tenor: Noch geht es gut, aber niemand weiß, wie es in drei Monaten aussieht. Die Arbeit läuft vorerst weiter, in den Büros mit „Social Distancing“ und/oder aus dem Home Office. Viel hängt davon ab, in welcher Phase sich die Projekte befinden, die von den Büros bearbeitet werden. Die Ausführungsplanungen schreiten fast ungehindert voran, die Entwurfsarbeiten werden vielfach bereits gebremst und die Akquisition ist derzeit eher kein Thema. Das wirkt sich auf die Büroaktivitäten gleichsam von Null bis Hundert aus – je nach Projektemix im aktuellen Portfolio.

Ein Problem, das auch andere Branchen betrifft, ist der Mehraufwand, der durch die Arbeit im Home Office entsteht. Das beschreiben etwa Wolf Prix von Coop Himmelb(l)au und Erich Bernard vom Wiener Büro BWM. Man spart sich durch Videokonferenzen zwar die Wegzeit zu physischen Meetings, dieser Gewinn wird aber offenbar durch Mindereffizienz der Videokonferenzen im Vergleich zu persönlichen Austausch direkt am Arbeitsplatz, wo „Emotion und Empathie“ (Wolf D. Prix) positiv wirken und sofort alle Follow-Up-Schritte eingeleitet werden können, völlig aufgefressen. Hier wird man den Umgang mit den digitalen Tools wohl noch besser üben müssen, um das gesamte Effizienzpotential herauszuholen. Daher wäre es wohl eine Illusion zu glauben, dass das telematische Weiterführen sämtlicher Meetings und sonstiger Arbeiten nach der Krise sofort spürbar Kosten sparen würde – ein Fingerzeig für alle maschinenhörigen Effizienzoptimierer.

Inhaltich sind im „Kurier“-Artikel vor allem zwei Statements spannend, die einen ersten Blick auf die Veränderungen der Produkte der ArchitektInnenarbeit bieten, nämlich der Bauten, die sie planen. Die Reise geht hier in Richtung Hybridisierung und Industrialisierung. Hybridisierung deshalb, weil monofunktionale Bauten in Krisen oft unbrauchbar werden, siehe Bürobau, den im Augenblick kaum jemand nutzen kann. Wohnbauten wiederum müssen mehr sein als bloße Schlafstätten, da wir uns in ihnen zukünftig vielleicht viel länger aufhalten werden und daher auch Möglichkeiten für Arbeit, Freizeitgestaltung, Shopping etc. im Stadthaus brauchen. So erwartet Architekt Helmut Dietrich vom international höchst renommierten Büro Dietrich Untertrifaller, „dass das Thema Wohnen wichtiger wird als die Fernreise oder das Auto.“ Das ist ein klarer Fingerzeig für die Abteilung Wohnbau im Komplex Umweltgestaltung. Der Wohnbau ist relativ krisenresilient, soferne er – so absurd das klingt – Immobilität auf hohem Niveau ermöglicht. Das sagt uns etwas, damit kann man planerisch und auch wirtschaftlich etwas Konkretes anfangen – nämlich derartige Pionierprojekte planen, bauen und von einer weitsichtigen und innovativen Politik fördern lassen.

Der zweite wichtige Hinweis kommt von Erich Bernard und betrifft die Technik der Bauproduktion, also die Bauweisen. Seiner Erwartung nach könnte sich der (neue, oben beschriebene?) Wohnbau „in Richtung einer seriellen Fertigung entwickeln, die kostengünstiger und schneller bauen kann“. Damit ist ein wahrhaft großes Faß aufgemacht, denn das alte Moderne-Ideal der industriellen Bauproduktion am Fließband, das von der individualitätsseligen Postmoderne schon fast ausgerottet worden war, feiert nun fröhliche Urständ‘. Dabei geht es natürlich um eine umweltfreundlichere, effizientere und flexiblere Industrieproduktion als in den 1920er Jahren. Aber dennoch um Re-Industrialisierung, Effizienzsteigerung und dadurch auch ökologischer Produktionsweisen. Die ökologische Re-Industrialisierung scheint sich also auch über den Wohnbau Wege zu bahnen, wo man es a priori nicht erwartet hätte. Das ist einer der vielen interessanten und hoffnungsvollen Effekte der Covidkrise – weitere werden in den nächsten Folgen unseres Covid-Blogs präsentiert.

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