Der stärkste Hebel der KI
Künstliche Intelligenz wird in der Architektur bereits vielfältig genutzt. Die spannendere Frage lautet inzwischen nicht mehr, ob sie eingesetzt wird, sondern wo sie tatsächlich einen Unterschied im Schaffen macht. Genau darum ging es beim TurnOn Talk: um die Grenze zwischen Werkzeug und Spielzeug, zwischen echtem Mehrwert und bloßem Effekt.
Von der Idee bis zur Baustelle
Künstliche Intelligenz wird in der Architektur oft zuerst über Bilder diskutiert. Über die sogenannte generative KI und ihren Resultaten von Renderings, Stiltransfers und schnelle Stimmungen. Das ist verständlich, greift aber zu kurz. Beim TurnOn Talk stand daher bewusst eine breitere Frage im Raum: In welchen Bereichen des architektonischen Prozesses wird KI tatsächlich zum Hebel. Ob im Entwurf, in der statischen Berechnung, in der Produktion, oder auf der Baustelle. Und ebenso im Hintergrund, dort wo Kommunikation, Koordination und Wissensmanagement über die Qualität von Projekten entscheiden.
Das Panel war genau dafür zusammengesetzt. Mit Stimmen aus Entwurf, Tragwerksplanung und Industrie entstand ein Bild, das die aktuellen Verschiebungen in der Baubranche differenziert sichtbar machte. Nicht eine große Erzählung über die eine KI, sondern mehrere konkrete Perspektiven darauf, wo ihr Potenzial heute schon greifbar wird.
Künstliche Intelligenz ermöglicht es uns, in Projekten schneller fundierte Entscheidungen zu treffen und komplexe Sachverhalte deutlich effizienter zu durchdringen.
Besonders deutlich wurde dabei, dass der größte Gewinn derzeit oft weniger in der spektakulären Formproduktion liegt als in der Arbeit mit Komplexität. Martin Josst formuliert es für DMAA klar: „KI ist für uns kein Formgenerator, sondern ein Denk und Analysewerkzeug.“ Der eigentliche Wandel liege im Umgang mit Komplexität. KI könne Varianten berechnen, Muster erkennen und Zusammenhänge lesbar machen. Die architektonische Entscheidung aber bleibe eine Frage der Werte und damit menschlich.
Auch Anna Heimrath von Bollinger + Grohmann beschrieb das Potenzial von KI aus ihrer Praxis der Tragwerksplanung. „Künstliche Intelligenz ermöglicht es uns, in Projekten schneller fundierte Entscheidungen zu treffen und komplexe Sachverhalte deutlich effizienter zu durchdringen.“ Gerade in den Bereichen Wissen, Prozesse und Modelle sieht sie den großen Hebel. Zugleich machte sie klar, dass KI nur so gut sein kann wie die Struktur der Daten, auf die sie zugreift. Ein zentrales Thema war daher die interne Wissensplattform. Also die Frage, wie bereits produziertes Wissen im Büro wieder auffindbar und nutzbar wird, anstatt mit jedem Projekt von Neuem gesucht oder neu erzeugt zu werden.
Genau dort wurde der Abend besonders interessant. Denn KI bedeutet für viele Büros im Moment vor allem bessere interne Kommunikation. Wissen, das vor Jahren aufgebaut wurde, lässt sich wieder aktivieren. Standards, Best Practices und Erfahrungen verschwinden nicht mehr in Ordnern, Postfächern oder den Köpfen einzelner Personen. Sie werden Teil eines Systems, das Teams im Alltag entlasten kann. Für ein Feld wie Architektur, das permanent mit Zeitdruck, Abstimmung und wachsender Komplexität arbeitet, ist das womöglich die größere Veränderung als jedes KI Bild.
Die Diskussion des TurnOn Talks zeigte damit ein realistisches Bild. KI ersetzt weder Entwurf noch Expertise. Aber sie verändert, wie Architektur arbeitet. Vielleicht liegt das größte Potential derzeit dort, wo weniger darüber gesprochen wird: in der Ordnung und Auffinden von bereits erstellten Wissen eines Büros. Also in jenen Prozessen, die Architektur jeden Tag mittragen, auch wenn man sie von außen kaum sieht.