Hans Puchhammer 90

Die Grammatik des Konstruktiven

Puchhammer Wawrik, Wohnbau Erlaaer Straße, Wien, 1982-84 (c) Wiener Wohnen

Der einflussreiche Wiener Architekt Hans Puchhammer wurde 90. Zu diesem Anlass bringen wir eine bearbeitete Fassung von Otto Kapfingers Eröffnungsvortrag zur Ausstellung „Hans Puchhammer“ im Oktober 2003 im Prechtl-Saal der TU Wien.


 

Als ich 1967 an der Technischen Hochschule Wien das Architekturstudium begann, waren die Fächer Hochbau und das dem Hochbauinstitut zugeordnete, erste Entwurfsprogramm ebenso uninteressant wie gefürchtet. Der damals vortragende Professor, ein aus undurchsichtigen Gründen zynisch gewordener Altmeister, präsentierte sein Metier im Stile eines Großinqisitors. So wurde für uns Anfänger die erste Begegnung mit dem technischen Einmaleins der Baukunst eine eher nervtötende, um nicht zu sagen traumatische Angelegenheit, fanden sich unsere romantischen Vorstellungen vom modernen Bauen unversehens mit einer ebenso furchterregenden wie verzopften Phalanx von Konventionen und Fallgruben konfrontiert. Es war wohl eine Phase – nicht nur an der Wiener TH – wo Bautechnik und Baukunst sich zueinander wie Wasser und Feuer verhielten, wo das Handgreifliche und das Praktische mit dem Gestalterischen und dem Visionären nichts zu tun hatte. So haben wir junge Heißsporne uns damals in den Niederungen des Hochbaus erst gar nicht aufgehalten und sind gleich – es war die Ära der ersten Mondflüge – zur Raumfahrttechnologie übergegangen. Das war jedenfalls spannender, und auch publizistisch erfolgreicher...

Puchhammers Architektur ist unglamourös und unsensationell und deshalb von der lokalen Architekturpublizistik zuletzt viel zu sporadisch wahrgenommen worden.

Otto Kapfinger

 

Rückblickend muss ich sagen: mit Hochtechnologie hatten die bei uns Studenten grassierenden Kapsel- und Blasenprojekte wenig zu tun, sie glichen eher den aus Stroh gebundenen Idolen , mit denen etwa die Amazonas-Indianer  ihre Erstbeobachtungen von Flugzeugen verarbeiteten. Aber auch die altvatterischen Hochbaudetails waren nur lästiger, unreflektierter Prüfungsstoff gewesen. Dass Architektur jene Disziplin ist, die Technisches und Emotionales, Quantifizierbares und Nichtquantifizierbares als Raumkunst zur Synthese bringt, das habe ich erst etliche Jahre später nachgelernt, nachlernen müssen und erfahren können. Die Frage ist, hätte uns 1967/68 ein Hochbauprofessor vom Format eines Hans Puchhammer einen fundierteren Einstieg geben können? Faktum hingegen ist, dass gut zehn Jahre später am Karlsplatz mit Ernst Hiesmayr, Hans Puchhammer und Anton Schweighofer Architekten die Lehre prägten, wo das Ineinander von Konstruktion und Gestalt, von Zweck und Sinn wieder in einer ganz anderen Brisanz und Balance stand als zuvor. Speziell Puchhammer war von seiner Biografie her dafür prädestiniert, am Studienbeginn das gestalterische Potential des Technischen in seiner vollen Breite zu vermitteln und die Wege vom ganz Einfachen zum Hochkomplexen nachvollziehbar zu machen. Er stammt aus einer Familie von Baumeistern und Zimmermeistern, hat das Bau-Handwerk von der Pike auf mitbekommen. Nach 1945 musste im Betrieb des Vaters bei äußerstem Mangel an Material und Maschinen mit dem Vorhandenen klug und solide improvisiert werden. Fast alles mußte noch von Hand gemacht werden, mit Muskelkraft transportiert, geformt, zugerichtet und montiert werden.

Hans Puchhammer (c) Zentralvereinigung der ArchitektInnen Österreichs

Hans Puchhammer (c) Zentralvereinigung der ArchitektInnen Österreichs

Nach der Gewerbeschule geht Puchhammer nach Wien an die Technische Hochschule, aus der Werkstatt des Onkels reist das erste eigene Reissbrett mit. Parallel zu Studium sucht der junge, schon praxiserfahrene Mann aus der Provinz sofort Kontakt zu den avanciertesten Büros in Wien, besucht er regelmässig Lois Welzenbacher an der Akademie, arbeitet er bei Roland Rainer an den Wettbewerbs- und Ausführungsplänen für die Wiener Stadthalle.

Nach dem Diplom, 1956, trifft sich mit Puchhammer fast die gesamte „Bande“ der Salzburger Gewerbeschule in der Sommerakademie bei Konrad Wachsmann. Hier hören und lernen sie aus erster Quelle das Hohelied des humanisierten, industriellen Bauens. Wachsmann ist ein Philosoph, ein Bonvivant, ein Kosmopolit aus der Avantgarde der klassischem Moderne – und er ist ein Konstrukteur par excellence. Den konstruktiv Begabten unter seinen Seminaristen öffnet er die Augen für die kulturelle, die geistige und gesellschaftliche Dimension der Technik; den mehr künstlerisch Berührten zeigt er die ingeniöse Struktur, die faszinierende Materialität der Baukunst – und die Spielregeln und Vorteile der Teamarbeit. All das hat fruchtbare Konsequenzen in Österreichs Architektur – unter anderem die Partnerschaft von Hans Puchhammer mit Gunther Wawrik. Um 1960 entwerfen und realisieren sie Möbelsysteme, Wohnbauten und Siedlungsstrukturen, die strikt von den Potentialen der modernen, industriellen Werkstoffe ausgehen.

Puchhammer Wawrik, Burgenländisches Landesmuseum (c) F Achleitner RNF

Puchhammer Wawrik, Burgenländisches Landesmuseum (c) F Achleitner RNF

Die avancierte Technologie bleibt dabei nicht in ihrer Eigengesetzlichkeit befangen, sie erstellt vielmehr „Partituren“ für räumliche Potentiale, für räumliche Ereignisse – und auch diese sind nicht bloß selbstreferentiell stilisiert, sondern formen die Bühnen, bilden praktikable, stimulierende Hintergründe für Lebensvorgänge, für die leiblich-geistige Entfaltung der Einzelnen, der Gruppen, der Gesellschaft. Der gesamte Bogen der Kreation wird erfasst, das Werden, das Machen und Gebrauchen setzen in jeder Phase ihre spezifische Ethik und Ästhetik. Die Baustelle ist kein aufreibendes, ungeliebtes Chaos, die Werkstatt ist so wichtig wie die Wohnstatt. Die Herstellung aller Teile, Transport und Zwischenlagerung am Bauplatz, Aufrichtung der Struktur, sogar die Stundenpläne der Montage sind als jeweils transitorische Ordnungen erfasst und durchdacht, vergleichbar den organischen Prozessen in der Natur, wo jedes Stadium in sich vollkommen erscheint und es objektiv betrachtet nichts Hässliches, nichts Unwichtiges oder Marginalisierbares gibt.

Ein Beispiel: die 1965 entworfene, 1969 fertiggestellte Terrassensiedlung „Goldtruhe“ in Brunn am Gebirge bei Wien – wo das innovative Materialkonzept, aus der Logik moderner Bauführung entwickelt, ein Raumkonzept aufspannt, ein heute noch beeindruckendes Wohnmilieu, großzügig, vielfältig, differenziert im Spiel zwischen Innen und Aussen, zwischen einfachen Grundelementen und ihren unterschiedlichen Variationen und Konfigurationen.

1969 gehören Puchhammer/Wawrik bereits zu den 15 für eine internationale Ausstellungstour ausgewählten, Teams, welche die Spitze des heimischen Schaffens repräsentieren. Zur selben Zeit stehen sie mitten in der Auseinandersetzung mit einem großen historischen Bauensemble – dem Landesmuseum Burgenland in Eisenstadt. In der Konfrontation mit dem Alten schärft und läutert sich da die Modernität der Puchhammer/Wawrik´schen Baukunst, entsteht ein weiteres Hauptwerk ihrer gemeinsamen Praxis. Sokratis Dimitriou hat dazu bemerkt: „In diesem Ensemble ist das Alte nicht modernisiert und das Neue nicht patiniert...“ Auf dieser Spur wird Puchhammer auch in seinem eigenen Oeuvre eine Domäne entfalten. Dazu nur ein paar Stichworte: – der technisch, räumlich und in der Modulation natürlicher Belichtung bei engsten Platzverhältnissen modellhafte Umbau eines alten Stadthauses in der Wasagasse, die Adaptierungen für Zürich-Kosmos am Schwarzenbergplatz, das Museum Carnuntinum in Deutsch Altenburg, die Generalsanierung des Wiener Konzerthauses, seine Interventionen im TU-Gebäude selbst, oder die Erweiterungstrakte der Landwirtschaftlichen Schule beim Stift Lambach.

Hans Puchhammer, Renovierung Museum Carnuntinum (c) Wiki Commons Corradox

Hans Puchhammer, Renovierung Museum Carnuntinum (c) Wiki Commons Corradox

Ich möchte an dieser Stelle speziell ein Merkmal ansprechen, das für die weniger bekannten Häuser Puchhammers aus den 1980er und 90er Jahren und auch für seine Hallenbauten in Oberösterreich aus dieser Phase charakteristisch ist. Er ist wie gesagt ein Praktiker, ein versierter Konstrukteur, kein willkürlicher Experimentator; seine Hochbaulehre für die Studenten ist „universell“ im Sinne der gesamtheitlichen Wissensbildung und universitären Forschung. Seine Intention ist nicht das voraussetzungslose Erfinden von Konstruktionen, seine Stärke ist es, das bestverfügbare Knowhow innovativ auszuloten, das heißt - vorhandene Technologien und Systeme so mit räumlichen, typologischen und gestalterischen Anforderungen zu verschränken, dass das Konstruktive über seinen Schatten springt und in einem größeren, baukünstlerischen Zusammenhang aufgeht. Puchhammer behandelt das Baustrukturelle so wie Ludwig Wittgenstein die Strukturen unserer Sprache sieht: auch die Sprache hat ihre Konstruktionslogik, ihre Grammatik; doch ihre kulturelle Dimension erreicht sie dort, wo sie in einem systemfremden oder –erweiternden Kontext außergrammatikalische Bedeutung gewinnt.

Die Sprache hat nicht nur System und Regel, sie hat auch Witz, sie hat Gewitzheit – in der Situation, im Gebrauch, und erst das macht sie kunstmächtig, macht sie vital, innovativ, entwickelt sie weiter. Wittgenstein nennt dieses Phänomen des Übergangs vom Eindimensionalen in die Ambi- und Polyvalenz den „Aspektwechsel“: Logik und Systematik werden kulturell wirksam und bedeutsam, wo sie so konfiguriert sind, dass sie aus einem Milieu in ein anderes „kippen“ können und dort eine Wirklichkeit, einen Aspekt aufleuchten lassen, der vorher - sozusagen systemimmanent - nicht zu erwarten war. In der vollen Bedeutung des griechischen Begriffs der „techne“ steckt analog dazu nicht nur die schiere Fertigkeit, sondern primär auch „die List“, mit einer Sache, einer Aufgabe auf nicht vorhergesehene Weise „fertigzuwerden“.

So ist das Konstruktive in Puchhammers Bauten niemals nur eindimensional. Das statisch Tragende steuert immer auch räumliche Bewegungen, es integriert klimatische Systeme und fokussiert oder moduliert auch noch wesentliche Lichtwirkungen. Ein zentrales, baustatisches Element funktioniert zum Beispiel auch als vertikale Erschließungsachse, als Stiegenspindel, als Hohl- bzw. Hüllform von Warm- und Kaltluftsystemen – und als Reflektor für Oberlichte, die das Haus „an seinem Rückgrat entlang“ durchlichten. Das Konstruktive trägt nicht bloß oder ist reine, puristische Tektonik, es hat auch noch wesentliche andere Dimensionen.

Genau das hat etwa Reyner Banham erstmals an den Pionierbauten von Frank Lloyd Wright aufgezeigt – wo eben das Tektonische engstens mit thermischen und lichtsteuernden Leistungen verknüpft und durchwachsen ist. Ähnlichen „Witz“ haben die ausgetüftelten Konstruktionen eines Adolf Loos,  der – wie Puchhammer in seinen einschlägigen Forschungen nachwies – die vorhandene, verfügbare Zimmerer- und Maurertechnik im Rahmen des baurechtlich Möglichen in der Trennschärfe von Zentimeterstärken so ausreizte, dass er damit komplexe Raum-, Weg- und Lichtführungen in kompaktester Weise erzielen konnte.

Konstruktion ist die Grammatik, die Prosa der Architektur. Aus ihrer Alltäglichkeit, aufgeladen mit weiteren Aspekten, kann sich ein Reichtum, eine Poetik unalltäglicher Qualitäten entfalten. Das zeigt uns Puchhammers Architektur – unglamourös und unsensationell und deshalb von der lokalen Architekturpublizistik zuletzt viel zu sporadisch wahrgenommen -, das zeigt uns seine Lehre, seine weitreichende Forschung. „Viel zu wissen und andere daran teilhaben zu lassen“ nannte Friedrich Achleitner eine zentrale Eigenschaft dieses bauenden Hochbauprofessors. Hans Puchhammer hat gerade hier an der Technischen Universität Wien eine fundamentale Wahrheit der Baukunst wieder sichtbar gemacht: dass nämlich das Konstruktive in der Architektur nicht nur notwendig ist, sondern auch über das Beherrschen des Nötigen hinaus Sinn stiftet, zusätzliche Wirkungsebenen aufreisst und somit Witz hat, - haben muss, denn nur wenn sie über die pure Not hinausgewandte, weitere Werte eröffnet – dann ist die Technologie im vollen Wortsinn wirklich notwendig!

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