Die unerhörte Agora in St. Marx

Ein Teil der 44.000 Quadratemeter großen Stadtbrache in St. Marx im Osten Wiens wird seit Jahren als Experimentierfeld kollektiv gestaltet und verwaltet. In Selbstorganisation wurden Freiräume für Gemeinschaft, Do-it-yourself- und Subkultur geschaffen, die Begegnung und Teilhabe ermöglichen. Nun soll diese soziokulturelle Infrastruktur einer Veranstaltungshalle für über 20.000 Besucher:innen weichen.
Text: Lene Benz, Katharina Reisner, Sandra Voser | Fotos: Nikola Hergovich
Unweit von Prater, Zentralfriedhof und der Stadtautobahn Tangente gelegen, fand das ehemalige Schlachthofgelände im 3. Wiener Gemeindebezirk lange Zeit kaum Beachtung. Vor rund zehn Jahren setzte das Mobile Stadtlabor der Technischen Universität Wien mit dem Freiluft-Bildungscampus „OPENmarx“ Impulse für vielfältige, kleinteilige Nutzungen. Daneben formten sich der „NeuMarxGarten“ und ein Do-it-yourself- Skatepark, die die Stadtbrache bis heute beleben und in einen vielfältigen Treffpunkt verwandelten.

Der Skatepark in St. Marx – von Skater:innen selbst gebaut und mit Leben gefüllt, wird zum Treffpunkt für Konzerte, Kunst und Gemeinschaft. Fotos: Nikola Hergovich
Produktion weicht Spektakel 2017 wurde der städtebauliche Wettbewerb „Neu Marx gemeinsam gestalten“ ausgeschrieben, um das Areal im Sinne einer produktiven Stadt mit Mischnutzungen von Wohnen und Arbeiten zu entwickeln. Obwohl der Entwurf von Ortner & Ortner Baukunst mit Topotek1 als Siegerprojekt hervorging, wurde bereits zwei Jahre später erneut ein Wettbewerb für dasselbe Areal ausgelobt: diesmal mit Fokus auf die Errichtung einer Multifunktionsarena, die bis 2030 von der Wien Holding und CTS Eventim realisiert werden soll. „Durch diese Event-Arena muss alles, was hier über Jahre entstanden ist, weichen. Doch genau solche freien Orte, um zu experimentieren, braucht eine Stadt“, meint Dorothee Huber vom Forschungsbereich Städtebau an der Technischen Universität Wien. Die Ergebnisse aus den vorausgegangenen Nutzungsexperimenten blieben unberücksichtigt, dabei hätten sie als „Phase 0“ in die städtebauliche Planung einfließen können.
Das Reallabor St. Marx als „Dritter Ort“ Im letzten Jahrzehnt haben sich engagierte Stadtmacher: innen die Brache angeeignet, sie gestaltet und öffentlich zugänglich gemacht. So entstand ein urbaner Möglichkeitsraum, in dem heute vier Vereine ansässig sind. Gemeinsam mit der Initiative „St. Marx für Alle“ treten sie für den Erhalt der offenen Strukturen ein. Die Eigenverantwortung und der emotionale Wert, den die Beteiligten dem Platz entgegenbringen, werden von den Vertreter:innen der Initiative besonders hervorgehoben: „Viele sagen, sie fühlen sich zu Hause. Das ist wie ein Wohnzimmer.“ In den Worten des Soziologen Ray Oldenburg ist mit St. Marx ein „third place“ entstanden – ein Raum zwischen privatem Zuhause und formeller Arbeitswelt. Durch zunehmende soziale Fragmentierung und Einsamkeit gewinnen Dritte Orte an Bedeutung, denn sie wirken als soziale Klammer, bieten Raum für Aushandlungsprozesse und ermöglichen es, Diversität erfahrbar zu machen. Anders als top-down-initiierte Dritte Orte wie Bibliotheken, Stadtteilzentren oder Cafés erfordert St. Marx als selbstverwalteter, konsumfreier Freiraum aktives Mitgestalten. „Es ist auch ein Ziel, zu zeigen, dass es solche Orte geben kann, an denen so viele verschiedene Menschen arbeiten und so vieles möglich ist. Wo man etwas bauen und ein Lagerfeuer machen kann – das gibt es sonst so nicht in Wien“, so die Initiative.

St. Marx ist ein riesiger, wenig definierter Möglichkeitsraum – mit Skatepark, Basketballplatz, Gartencontainern und Platz für temporäre Nutzungen. Fotos: Nikola Hergovich
Sankt Marx. Macht. Platz. Die Offenheit, die St. Marx auszeichnet, muss mit dem geplanten Bau der Eventhalle einem Nutzungsschema weichen, das auf Verwertung, Kommerzialisierung und Kontrolle setzt und den freien Zugang einschränkt. Dieses profitorientierte Szenario verdreht nicht nur gesellschaftliche Machtverhältnisse, sondern wirft grundlegende Verteilungsfragen im urbanen Raum auf. Natürlich braucht eine Stadt auch großvolumige Veranstaltungsräume, nicht zuletzt, um international konkurrenzfähig zu bleiben. . .
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