Diversity in Architecture

Diversität: Von Sichtbarkeit zu Veränderung

Mit der Initiative Diversity in Architecture (DIVA) rückt eine Organisation die Sichtbarkeit von Architektinnen in den Fokus des internationalen Architekturdiskurses. Ausgehend vom DIVIA Award entstehen Netzwerke, Publikationen und Debatten, die strukturelle Ungleichheiten im Berufsfeld thematisieren. Im Gespräch erklärt Direktorin Ursula Schwitalla, warum Anerkennung, Vorbilder und politische Rahmenbedingungen entscheidend sind.

Was war der konkrete Auslöser für die Gründung von DIVIA? Gab es einen Moment oder eine Erfahrung, die Ihnen gezeigt hat: Jetzt müssen wir handeln?

Als Kunsthistorikerin habe ich 20 Jahre an der Universität Tübingen die Vortragsreihe Architektur Heute kuratiert und über 200 Architekt*innen zum Vortrag eingeladen (darunter 11 Pritzker Preisträger*innen, allerdings die Mehrzahl vor dem Award ). Am Ende waren es wieder einmal mehr Architekten als Architektinnen. Zwei Jahre habe ich dann ausschließlich Architektinnen eingeladen: wunderbare Begegnungen, unprätentiös, zuverlässig, immer das Team präsentierend und nicht sich selbst, dafür wurden Projekte für Menschen gezeigt. Mit dieser Erfahrung entstand aus der Vortragsreihe 2021 die Publikation Frauen in der Architektur (Hatje Cantz) in deutscher und englischer Edition mit einem historischen Teil und dem zeitgenössischen Teil, indem 36 internationale Architektinnen mit einem Werk vertreten sind.

Bücher sind gut, aber ein Preis bedeutet noch mehr – deshalb habe ich 2021 mit Partner*innne die NPO Diversity in Architecture e.V. gegründet, um den ersten Preis für internationale Architektinnen in Deutschland auszuloben.

Eine hochangesehene internationale Jury zeichnet alle zwei Jahre nicht nur eine Gewinnerin aus, sondern zugleich werden 6 Finalistinnen mit einem Katalog und einer Wanderausstellung geehrt, die während der Architektur Biennale in Venedig 2025, in Deutschland, in Paris und Barcelona und schließlich in Ho-Chi-Minh-City der Stadt der vietnamesischen Gewinnerin 2025 gezeigt wurde und wird. Dadurch unterscheidet sich der DIVIA Award von allen anderen Architektur Auszeichnungen und fördert eine globale DIVIA Community.

Wenn 60% der Studierenden Frauen sind und nur 34% im Berufsleben bleiben, aber nur mehr 10% ihr eigenes Büro führen, dann verlieren wir ein Potenzial, auf das unsere Gesellschaft nicht verzichten kann.

Ursula Schwitalla, Gründerin

 

DIVIA-Award_Ausstellung im Gustav Epple in Stuttgart, 2025 | (c)Atelier Pohlers

Sie sprechen von Sichtbarkeit als erstem Schritt. Reicht Sichtbarkeit allein aus, um strukturelle Ungleichheiten in der Architektur zu verändern oder braucht es radikalere Instrumente?

Bücher und Preise sind nur ein erster Schritt zur Sichtbarkeit. Es geht aber weit mehr darum, Architektinnen die Anerkennung zu geben, die ihr Werk verdient. Damit schaffen wir einen Beitrag zur Gleichberechtigung und Toleranz im Feld der Architektur, die noch längst nicht besteht und von so vielen männlichen Architekten gar nicht gewünscht ist. Wir müssen auf die strukturellen Diskriminierungen aufbrechen, die anscheinend in Beton gegossen sind. Wenn 60% der Studierenden Frauen sind und nur 34% im Berufsleben bleiben, aber nur mehr 10% ihr eigenes Büro führen, dann verlieren wir ein Potenzial, auf das unsere Gesellschaft nicht verzichten kann. Wir fordern die Politik auf, die Rahmenbedingungen für Frauen zu verbessern. Aber wir zeigen auch role models, um der jüngeren Generation Mut zu machen.

Wie messen Sie den Erfolg der Initiative jenseits von Preisverleihungen? Woran erkennen Sie, dass sich tatsächlich etwas im Berufsalltag von Architekt*innen verändert?

Mit unseren DIVIA Conferences zwischen den Award Jahren greifen wir bestimmte Themen auf, die gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen, Architektinnen und Studierenden diskutiert werden und zu einer Stärkung der Position von Frauen in der Architektur beitragen. Wir laden Politiker*innen ein, teilzunehmen und sich für Diversity speziell im Feld der Architektur langfristig einzusetzen. Vorträge an Universitäten von Mitgliedern unserer Community richten sich v.a. an die kommende Generation von Architekt*innen, um einen mind change zu bewirken. Mind the gap: historisch, zeitgenössisch, ökonomisch, geographisch, kulturell. In unserer DIVIA Community stärken sich Frauen gegenseitig in ihren Forderungen auf Anerkennung, gleiche Bezahlung, gleiche Chancen in ihrer beruflichen Karriere auch nach der Kinderpause, Gleichbehandlung und Toleranz.

Ihr langfristiges Ziel ist Diversität in all ihren Facetten. Welche nächsten Schritte plant DIVIA, um über Geschlechtergerechtigkeit hinaus auch andere unterrepräsentierte Perspektiven stärker einzubinden?

Bei Diversity in Architecture sind wir überzeugt, dass Architektur eine soziale Disziplin ist. Das Interesse von Diversity in Architecture wird sich in den nächsten Jahren nicht von Geschlechtergerechtigkeit und beyond trennen, aber zusätzlich auf ethnische, politische, postkoloniale und nonwestern, die Situation im global south, sowie auf ökologische Fragestellungen richten, wie auf klimagerechte und bio- wie geobasierte Baustoffe in den Fokus richten. DIVIA vertritt nicht nur geographische und kulturelle Diversität, sondern auch einen interdisziplinären diversen Ansatz fördern. Wie zukünftig beyond architecture etwa Stadtplanung, Landschaftsarchitektur, Innenarchietektur oder Design im weiteren Verständnis in den Blick nehmen. Wir werden darüber hinaus Projekte die Diversität und Inklusion fördern aufnehmen – unabhängig ob Architekt*innen oder Architekten oder ganze Teams verantwortlich zeichnen.

Mehr auf diversityinarchitecture.de

Ursula Schwitalla (links) mit Marta Maccaglia, Gewinnerin 2023 | (c) Raphael Pohlers

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