Architektur zwischen Improvisation und Präzision⁠

DMtk | Atelier LR + ,,Es gibt Reis“ + Pars + C21

Seit 2021 realisieren Daniela Mehlich und Teresa Klestorfer unter dem Namen DMtk Projekte, die einen eigenwilligen und sorgfältig-pragmatischen Zugang zur Architektur verfolgen. Ihre Haltung: ökologisch bewusst, formal offen, sozial sensibel. Sie suchen keine spektakulären Formen, sondern funktionierende Räume – klar, effektiv, überraschend. Immer im Dialog mit Auftraggeber:innen, Handwerk und Kontext.

Text: Anna Krumpholz | Fotos: Ricardo Nunes, Simon Oberhofer, Zara Pfeifer, Juliane Röthig


„Das Bruchlose, Einheitliche, Glatte interessiert uns nicht“, sagen die beiden Architektinnen. Vielmehr geht es ihnen darum, bestehende Strukturen zu befragen, Räume atmosphärisch und funktional neu zu denken und einfache Mittel bewusst einzusetzen. Baustellen sind für sie kein Kontrollinstrument, sondern ein Ort des Austauschs: „Viel geschieht auf direktem Weg, im Gespräch, im Da-Sein.“

Atelier LR – Maßarbeit in der Wildnis
Ihr erstes gemeinsames Projekt war zugleich ihr bisher einziger Neubau: ein Atelier für eine Textilkünstlerin in einer Bremer Kleingartensiedlung. Der kleine Holzrahmenbau steht inmitten grüner Wildnis und wurde rund um einen großen Webstuhl geplant. Das Gebäude lässt sich fast vollständig öffnen: Oben klappen transparente Polyester-Wellbahnen auf, die Licht durchlassen und zugleich Witterungsschutz bieten. Darunter schwenken großformatige Türen in der unbehandelten Holzfassade weit auf: eine Architektur, die sich zwischen Leichtigkeit, Schutz und Offenheit bewegt. DMtk entwickelten ein System, das auf wiederverwendeten Isolierglasscheiben basiert, eine Maßfertigung im Rahmen der Vorfertigung. Der Holzrahmenbau wurde an Standardformate von OSB-Platten angepasst: „Weniger Verschnitt, weniger Kosten, weniger Fehler.“ Das Resultat ist ein präzises System, das einfach umgesetzt werden kann und auf individuelle Bedingungen reagiert. Das Gebäude folgt den strengen Regelwerken der Siedlung – im Rahmen der Maximalhöhe entstand ein markanter „Hutkörper“, der räumliche Großzügigkeit ermöglicht und für einen kleinen Kleingartenskandal sorgte. 2025 wurde das Projekt mit dem Bauwelt-Preis ausgezeichnet.

DMtk planten das Atelier LR rund um den Webstuhl der Künstlerin – mit maßgefertigtem Holzbau, einfachen Materialien und öffenbarer Fassade.

„Es gibt Reis“ – Leichtigkeit aus Kabelbindern
In einem Wiener Innenhof entstand mit dem temporären Restaurant „Es gibt Reis“ ein Projekt zwischen Leichtigkeit, Materialrecycling und atmosphärischem Humor. Hier traf „luftige Transluzenz“ auf Kabelbinder, Gewächshausplanen auf wiederverwendete Tischlerplatten. Sorgfältige Detaillösungen ergaben sich aus günstigen Mitteln, der NeonGlow bei Nacht traf auf gezielte Imperfektion. Der modulare Gastgarten war als einfache, auf- und abbaubare Stahlkonstruktion konzipiert. Die umlaufende Sitzbank war Teil der Konstruktion – eine minimale Geste mit maximaler Wirkung. Die transluzente Verkleidung erzeugte eine Unschärfe, die dem Raum eine gewisse Entrücktheit verlieh: Der Gastgarten schien fast zu schweben.

Pars – Fine Dining in Raum übersetzt
Im Berliner Restaurant Pars entwickelten DMtk ein räumliches Konzept für radikal-regionales Fine Dining. Der Bestand bleibt sichtbar, das Neue passt sich ein – „die Ecken suchend“, wie sie es nennen. Bestehende Wandreliefs durften als Hommage an das früher dort befindliche Kaffeehaus bleiben, der Boden wurde übernommen: „Den hätten wir uns nicht ausgesucht und auch überhaupt nicht leisten können.“ Altbekanntes trifft hier auf Progressives, Natürliches auf Artifizielles, Haptisches auf Hartes. Ein geknicktes Wandregal, eine verspiegelte Stütze, eine offene Küche mit filigranen Leuchtkörpern – eigentlich Einbauspots – zeigen, wie das Funktionale zur Bühne wird. Der Raum inszeniert die Arbeit in der Küche und wird zur architektonischen Übersetzung des kulinarischen Prozesses.

Im Berliner Restaurant Pars treffen bestehende Wandreliefs und einfache Pendelleuchten auf verspiegelte Interventionen – Alt und Neu treten in einen spannungsvollen Dialog.

C21 – Verdichtung durch Versatz
Beim Innenausbau einer Wiener Loftwohnung zeigte DMtk, wie räumliche Verdichtung nicht Enge, sondern Vielfalt erzeugen kann. Zwei Träger kreuzen sich und tragen ein gestapeltes Splitlevel, das durch den Höhenversatz das Raumgefühl öffnet. „Man hat das Gefühl, den Raum zu öffnen, obwohl er dichter wird“, beschreiben die Architektinnen ihren Entwurf. Die filigrane Spindeltreppe und eine gezielte Farbgebung unterstützen die Raumwirkung. Mit einem Augenzwinkern wurde auch ein eigenes Lichtobjekt „hineingeschummelt“: herkömmliche Leuchtstoffröhren, neu inszeniert – eine Hommage an den Prototypencharakter der gesamten Intervention.

Im Projekt C21 setzt die filigrane Spindeltreppe einen kräftigen Akzent in der rohen Betonstruktur und unterstreicht die zeitgenössische Interpretation urbanen Wohnens.

Architekturpraxis als Haltung DMtk arbeiten bewusst nicht auf Wachstum hin, sondern auf Zusammenarbeit. Kooperation steht im Zentrum, nicht Expansion. Sie tauschen sich in einem offenen Netzwerk aus, mit „grundsätzlich konkurrenzfreier Haltung“, wie sie betonen. Manche Projekte bearbeiten sie auch unabhängig voneinander, doch immer im Geist einer gemeinsamen Architekturpraxis. Ihr Weg führt dabei oft „aus der Theorie zur wirksamen Umsetzung“. Beide haben an der Akademie der bildenden Künste Wien studiert, ihre Wurzeln liegen in konzeptueller Arbeit. Heute richtet sich ihr Fokus stärker auf den Prozess des Bauens: auf die Zusammenarbeit mit Gewerken, das Hinterfragen von Standards und das Entwickeln von individuellen Lösungen – nicht aus Prinzip, sondern weil es oft die bessere Antwort ist. „Es ist uns wichtig, unterschiedliche Lebensrealitäten anzuerkennen, die Kontexte, die gebaute Umwelt – und darin gestaltend zu agieren.“ Auch kleine Vorhaben, oft vernachlässigt oder standardisiert, können so neue Qualitäten erhalten...


Sie möchten weiterlesen? Dieser Beitrag ist Teil unserer Ausgabe 7-8/2025. Der Volltext ist ab Seite 84 zu finden.

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