Dominique Perrault über den DC-Tower in Wien

Dominique Perrault © M. Boeckl

Dominique Perrault © M. Boeckl

Ort:  Wien
Themen:  Donacity, DC Tower

Im Februar 2014 geht das neueste Wiener Hochhaus „DC Tower“ in der Donaucity mit der Eröffnung des Hotels ME Vienna der spanischen Sol Media-Kette in Betrieb. Drei Monate vorher reiste Dominique Perrault an, Stararchitekt aus Paris und Entwerfer des Doppelturmkonzepts. Bauherr WED hat davon wegen der aktuellen Lage am Immobilienmarkt vorerst nur ein Haus gebaut. architektur.aktuell sprach mit Perrault über Haus & Stadt.

AA: Stört es Sie, dass bislang nur einer Ihrer geplanten zwei Türme gebaut wurde?

DP: Wenn der zweite Turm gebaut wird, wird es einzigartig sein. Jetzt ist es ein guter Solitär, aber mit beiden Türmen wird es zum Stadttor – einmalig in Europa! Es wäre mehr als nur ein Gebäude, es wäre ein Zeichen in der Stadt. Derzeit ist es gut, aber noch nicht sehr gut. Der Platz dazwischen würde Raum und Identität schaffen. Mit mehreren Türmen schafft man urbanen Raum wie etwa bei der Nationalbibliothek in Paris mit ihren vier Türmen. In Zürich haben wir ein Projekt mit drei Türmen, in Wien sollten es zwei sein. Mit einem Turm geht das nicht. Hochhäuser funktionieren wie die traditionellen Häuser einer Stadt: Da gibt es Straßen, und die Straße ist der Raum zwischen den Gebäuden, Architektur ist auch Dialog zwischen Bauten. Dieses Prinzip funktioniert unabhängig von der Gebäudehöhe. Wenn wir die „Leere“ zwischen Gebäuden kontrollieren, dann können wir sehr spezielle Räume schaffen.

AA: Was waren die Leitlinien Ihres Entwurfskonzepts?

DP: Ich wollte ein massives Volumen aus Glas bauen, nicht eine Fassade vor einer Tragstruktur. Die Gliederung sollte klar, radikal und minimalistisch sein, die Linien von der Basis bis zur Spitze durchlaufen. Man soll Massivität fühlen, es gibt keinen Unterschied zwischen Haut und Knochen. Es soll wie ein Monolith wirken, wie lebendiges Volumen. Es soll eine vertikale Stadt sein, mit all den verschiedenen Funktionen darin. Das Monolithische drückt das am besten aus.

AA: Wie ist die Gebäudehaut gestaltet?

DP: Beim Dachrestaurant gibt es die hochgezogene Fassade als Windschutz. Hier sieht man die drei verschiedenen Elemente der Transparenz: Durchsichtige Scheiben, Felder mit aufgedrucktem Gittermuster und undurchsichtige Elemente.

AA: Als Bodenbelag bei den Lobbies vor den Lifttüren verwenden Sie Metallpaneele – warum?

DP: Metall ist nicht kalt, sondern kann ganz warm wirken. Und es ist robuster als Holz. Beim Pavillon Dufour im Schloss Versailles, den ich gerade zu einem Besucherzentrum umgestalte, haben wir das historische Holzparkett des Schlosses mit Corten-Stahlplatten nachempfunden. Die Oxidationsschicht vermittelt eine Wärme, die wie altes Holz wirkt. Bei 6-7 Millionen Besuchern pro Jahr ist ein Stahlboden sinnvoller als Holz.

AA: Wie funktioniert die Einbindung am Ort, wie beurteilen Sie die Donaucity?

DP: Der Ort hat einen interessanten Mix aus Büros und Wohnungen. Das ist ganz anders als etwa in Paris-La Defense, das ein monofunktionales Quartier ist. Mit der U-Bahn-Verbindung ins Zentrum ist auch eine sehr starke Anbindung an die Stadt gelungen. Diese Art Urbanismus ist notwendig, um nicht nur Dichte, sondern auch Intensität zu schaffen. Man muss vertikale „Densité“, aber gleichzeitig auch horizontale „Intensité“ schaffen. Die Erdgeschoßzone ist in der Donaucity noch zu hart, zu brutal. Es ist zu trocken, es braucht noch mehr Beziehungen zur umliegenden Landschaft. Das Potenzial ist ja vorhanden, der Schatz liegt ja vor der Haustür: Die Neue Donau, an die eine bessere Anbindung geschaffen werden muss.

 

Das Gespräch führte Matthias Boeckl