DRAUSSEN | OUT THERE – Landschaftsarchitektur auf globalem Terrain

© Foto: OFICINAA

Landschaft: Hoffnung abseits der Sehnsucht

Der Rückzug Amerikas aus dem Pariser Klimaabkommen macht es auf tragische Weise deutlich. Veränderungen wie Klimawandel oder Verstädterung, welche unsere Umwelt in einem globalen Maßstab verändern, sind schwer zu fassen und noch schwerer verständlich zu vermitteln.

Das Architekturmuseum der TU München stellt sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung und widmet sich seit der Berufung von Andres Lepik vor allem den Themen des Wandels und der sozialen Rolle von Architektur heute.

Mit der Ausstellung „DRAUSSEN | OUT THERE“ rückt sie die Veränderungen der Landschaft als oberste Schicht einer globalen Welt und deren Wechselwirkung mit ihren Bewohnern in den Fokus. Gezielt liegt das Augenmerk auf Landschaftsarchitektur, welche Lebensräume erhält oder erschafft, weitab von jeder Sehnsucht nach dem schönen Grün. Die Ausstellung zeigt in zehn Fallbeispielen das konkrete Zusammenwirken, die systemische Abhängigkeit von Stadt und Umland, von Wasserkreisläufen und den lokalen und globalen Bedingungen. Dabei gehen die Ausstellungsmacher von der Prämisse aus, dass es am Anfang des 21. Jahrhunderts keinen Winkel der Erde mehr gibt, in dem die Wirkungen der Urbanisierung, der massiven Ausbeutung fossiler Brennstoffe, der wachsenden Mobilität und die ungebremsten Veränderungen ökologischer Systeme, aber auch die Folgen zunehmender Migration nicht spürbar sind. In enger Zusammenarbeit mit den fünf akademischen Teams der TU Berlin, TU München, National University of Singapore, Universität Stuttgart, Leibnitz Universität Hannover und dem Architekturmuseum der TU München entwickelte das Büro OFICINAA architektur+städtebau die Ausstellungsgestaltung, mit dem Anspruch die Werkzeuge der komplexen Grundlagenforschung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

 

Abstrakte Themen “begreifen”

Betritt man die Ausstellung, wird man von einem großen halbdunklen Raum, der zu einer ruhigen Besonnenheit und Konzentration einlädt, empfangen. Großformatige hinterleuchtete Fotos zeigen je eine eigene Landschaft vertikal, wie in einem Schnitt von der Erde zum Himmel, und bei genauerem Hinsehen erkennt man die Beschriftungen, die auf Besonderheiten in der Landschaft hinweisen. Gegenüber der Fotografie zeigt sich auf einem großen Tisch das jeweilige Forschungsprojekt, mit Fundstücken und Objekten, die für das Leben und Überleben der Menschen wichtig sind, aber auch mit Modellen, kleineren Fotographien, Plänen und Erklärungen, die einem tiefer in den Kosmos jedes einzeln Ortes und seinem Leben einladen. Ein Video hilft bei einem schnellen Einstieg, und bei genauerer Inspektion kann man verschiedene Schubläden und sogar Blickschlitze finden, die einen auch ermöglichen tiefer in die Materie einzusteigen. Bewusst ist die Ausstellung so aufgebaut, dass die den Fachmann ebenso anspricht, wie den zufälligen Besucher der benachbarten Ausstellungen zur Kunst oder Design der Moderne und Gegenwart.

 

Die Schönheit der Feldforschung

Früh wurden Silvia Benedito und Alexander Häusler (OFICINAA) als Gestalter mit in die Planungen einbezogen. Zwei Jahre dauerte es bis sich aus den anfänglichen Vorstellungen der Institutionen eine Rezeption individueller  Erlebnisse in einem offenen Raum wurde. Bewusst sind die verschiedenen Geschwindigkeiten der Besucher aufgenommen, des Schlendernden, des Museumsbesuchers der sich Zeit nimmt und des Fachmanns, der sich in ein Projekt tiefer einarbeiten will. Die dunkle Beleuchtung und viele kleine Lichtstrahler helfen dabei sich auf die Objekte zu konzentrieren, ähnlich der Schreibtischlampe, die das Drumherum ins Dunkel ausblendet. Jeder der Tische ist individuell gestaltet um den Charakter des jeweiligen Projekts besonders hervorzuheben. Dabei werden Teile der Tische zu Pulten, zu Planschränken, zu Guckkästen oder zu Fotohaltern, oftmals begleitet von einem Beistellregal welches eine zusätzliche Handbibliothek zum Einlesen bietet. Die elegant anmutenden Tische sind aus einfachen Industrieprodukten mit automatisiertem Holzzuschnitt hergestellt: Flächen aus geöltem schwarzen MDF werden mit Stabplatten aus Eiche gerahmt. Im Licht der Spots zeigen sich die Tische mit einem ganz eigenem Design, welches industrielle Materialen und Techniken zu einem individuellen Möbelstück werden lässt, die zum benutzen einladen. Silvia Benedito, die selbst Landschaftsarchitektur an der Harvard University unterrichtet, beschreibt die Intention des Ausstellungsdesigns auf den Gegensatz zwischen den oftmals prekären Lebensverhältnissen vor Ort und den hochwertigen Möbeln: „Wir wollten zeigen, dass Feldforschung heute etwas besonderes, wichtiges und hochwertiges ist. Deshalb haben wir bewusst nützliche und zugleich schöne Präsentations-Tische entwickelt, die zum einen an die Wunderkammern des 17. und 18. Jahrhunderts, aber gleichzeitig auch an die Kommandopulte von Missionen in den Weltraum erinnern. Dinge die schön sind sprechen uns an und wir schätzen sie mehr.”

 

27.04.2017 - 20.08.2017 in der Pinathek der Moderne (www.pinakothek.de)

 

Begleitprogramm zur Ausstellung:

Kuratorenführungen
Mit Johann-Christian Hannemann und Regine Keller
DO 08.06. | 29.06. | 13.07. | 20.07., jeweils 18.30
Roundtable zu „draußen. Landschaftsarchitektur auf globalem Terrain“
Landschaftsarchitektur der Gegenwart muss sich den Herausforderungen einer globalen Verstädterungswelle, geprägt von sozialer Ungleichheit, räumlicher Ungerechtigkeit und politischer Instabilität stellen. Die Landschaftsarchitekten Undine Giseke, Regine Keller, Jörg Rekittke, Antje Stokman und Christian Werthmann diskutieren ihre spezifischen Herangehensweisen. Moderation: Andres Lepik
DO 27.04.2017, 18.00 | Pinakothek der Moderne, Ernst von Siemens-Auditorium | Eintritt frei

Podiumsdiskussion mit Maximilian Dorner
Behindertenbeauftragter des Kulturreferats im Rahmen der Münchner Veranstaltung „Drinnen oder draußen? Zusammenleben in Europa“
DO 04.05.2017, 18.00 | Ausstellungsräume des Architekturmuseums der TU München in der Pinakothek der Moderne | Eintritt frei im Rahmen des Besuchs der Ausstellung (Ausstellungseintritt)