Ein Abend für Jan Turnovský

Jan Turnovský - Einladung zur Buchpräsentation

Viele Jahre lehrte Jan Turnovský am Institut für Wohnbau der TU Wien. Er war ein studierter Architekt, brillanter Redner, luzider Philosoph und Denker, außerordentlich milder Prüfer, starker Raucher und Trinker. Eine charismatische Persönlichkeit also und insgesamt eine absolute Ausnahmeerscheinung im Wiener Architekturbetrieb. Sein bis dato einziges Buch, „Die Poetik eines Mauervorsprungs“, das 1987 als Band 77 in der Edition Bauwelt Fundamente erschien, erreichte bald Kultstatus. Auf ebenso tiefsinnige wie humorvolle Weise untersucht es den unauflöslichen Interessenskonflikt zwischen der kompromisslos gedachten Planung des Philosophen Paul Wittgenstein und den materialbedingten Notwendigkeiten und Zwängen des Bauens.

Jan Turnovský hatte davor aber noch ein anderes Werk verfasst: „The Weltanschauung as an Ersatz Gestalt“ lautet der Titel der Masterarbeit, die er 1978 an der Architectural Association in London einreichte. Sie untersucht die wechselweise Beziehung zwischen Wahrnehmung und Weltanschauung und deren nicht unbeträchtliche Auswirkung auf die subjektive Interpretation einer Gestalt. Diachron – der von Eva Guttmann, Gabriele Kaiser und Claudia Mazanek gegründete Verein zur Verbreitung und Vertiefung des Wissens über Architektur - hat diese Textpretiose von Jan Turnoský, die sich durch eine sehr eigenwillige, ihren gestalttheoretischen Daseinszweck untermauernde Grafik auszeichnet, aus dem Nachlass des Autors geborgen und bei Park Books herausgegeben. Im Wittgensteinhaus – am dafür passendsten Ort der Welt - wurde das Buch mit dem blassrosa Cover „The Weltanschauung as an Ersatz Gestalt“ im stilvollen Rahmen eines handverlesenen Programms am Montag, den sechsten Juni präsentiert. Der Abend geriet zu einer Hommage an Jan Turnovský, der sogar in Form eines Mitschnitts einer Ö1  Radiosendung „Diagonal“ für ein paar Minuten akustisch wieder auflebte. Er sprach darin über das Wittgensteinhaus, durch das Otto Kapfinger um 18 Uhr sehr sachkundig führte.

Nach einer herzlichen Begrüßung durch die Gastgebenden – Rumjana Koneva, der Direktorin des Bulgarischen Kulturinstituts, Martin Krafl, dem Direktor des tschechischen Zentrums und Eva Guttmann für Park Books und diachron führte Architekt Michael Zinganel als Moderator durch den Abend. Für ihn wurde die Lektüre der „Poetik eines Mauervorsprungs“ gleichermaßen zum Erweckungserlebnis, das ihn dazu bewog, eine Ausstellung in der Neuen Galerie Grazu umzugestalten und dazu ermutigte, über Architektur zu schreiben. Danach kam Turnovsý per Radio-Mitschnitt der Ö1—Sendung „Diagonal“ selbst zu Wort. „Ich glaube, dass Philosophie viel reflektiver vorgeht als Architektur“, so Turnovský. „Das Hauptproblem der Architektur ist, dass sie sich zu ihrer Herstellung realer, materieller Mittel bedienen muss, während die Philosophie nur mit der Tücke der Sprache zu kämpfen hat.“ Diesem Kampf stellte sich Turnovský unerschrocken. Denn – frei nach Wittgenstein: „Was sich überhaupt denken lässt, lässt sich klar denken und was sich sagen lässt, lässt sich klar sagen.“ Dieses Streben nach Klarheit versuchte der Philosoph Wittgenstein als Architekt im Haus Wittgenstein konsequent in gebauter Materie umzusetzen – ein Vorsatz, dessen immanentem Scheitern sich die „Poetik eines Mauervorsprungs“ widmete.

František Lesák, der zur selben Zeit wie Jan Turnovksý als Ordinarius für Plastisches Gestalten und Modellbau an der TU Wien tätig war, zeigte einen bis dato unbekannten Hybrid aus Erfindung und Kunstwerk von Turnovský: Als starker Raucher hatte dieser eine dreireihige Zigarettenpackung mit je sieben Zigaretten unterschiedlicher Länge entworfen. Inklusive Schriftzug – Count down, horizontal count und vertikal down, am „o“ überschnitten. Diese Erfindung einer prototypische Zigarettenpackung mit 21 Stück, die zum wirtschaftlichen Rauchen anregen sollte, legte Turnovsky auch den Austria Tabak Werken vor – eine Reaktion darauf ist weder belegt, noch bekannt. Frantisek Lesak vermutet reine wirtschaftliche Überlegungen und rechnet vor: Raucht ein durchschnittlicher Raucher zwanzig Zigaretten mit 65 Millimeter pro Tag, so kommt er auf 1,30 Meter Zigaretten exklusive Filter, was jährlich 475 Meter ergibt. Bei einer Annahme von durchschnittlich 15% unterbrochener – also aufgrund von unerwartet doch auftauchenden öffentlichen Verkehrsmitteln oder anderer Ursachen nicht zu Ende gerauchter Zigaretten – ergäben sich 95 Meter Ersparnispotential. Auf dieses wollte die Austria Tabak nicht verzichten, legt Lesáks Rechnung nahe. Wie auch immer: diese Erfindung ist ein gutes Beispiel für den Denkansatz von Jan Turnovský, in dem sich Philosophie und Raum verbinden. Auch das Buch „The Weltanschauung as an Ersatz Gestalt“ kommt nicht ohne wesensverwandte Ideen und Zeichnungen aus: Einerseits ist da die kongeniale grafische Umsetzung, die das kleine m einer Schreibmaschine als dekoratives Element einsetzt, dazu gibt es noch Abbildungen wie beispielsweise die einer optimierten Spaghetti Verpackung. Diese kurzweiligen Zeichnungen lockern die Lektüre auf, die alles andere als einfach ist.

„Warum haben wir uns dieses Buch ausgesucht?“, wirft Co-Herausgeberin Gabriele Kaiser in den Raum. „Das Buch mit seinem einzigartigen Typoskript ist eine Augenweide. Die zweite Motivation war eine inhaltliche: Dieser Essay setzt sich über 58 Seiten auf sehr spezielle Weise mit den Bedingtheiten der Architektur auseinander. Und zwar nicht mit Bauordnungen und Normen, sondern mit der Bedingtheit und Beschränktheit des eigenen Denkens. In jeder Gestalt, die wir wahrnehmen, ist die Struktur unserer Weltanschauung präsent.“ Zur Bestätigung gaben Gabriele Kaiser und Claudia Mazanek noch Leseproben zum Besten und kam Buchgestalter Clemens Theobert Schedler zu Wort. Danach interpretierte Max Bühlmann das höchst originelle „Knopf Werk“ von Jan Turnovský frei am Saxophon, die musikalische Untermalung vom Rest des Abends übernahm der Kassettenrekorder von Andreas Donhauser: eine spezielle Jazz-Mischung in memoriam Jan Turnovský.

Alle, die diesen Abend verpasst haben, können sich dem Phänomen Jan Turnovský immer noch über das Buch annähern. „The Weltanschauung as an Ersatz Gestalt“ sind 58 Seiten einer Lektüre, die mit einem Mal lesen ganz sicher nicht erschöpft ist. Also absolut nachaltig.

www.diachron.at