Ein Hochhaus im Gespräch

Markus Kristan und Matthias Boeckl im Gespräch Foto Parnass/Paul Schnecker

Im Jahr 1932 wurde das Hochhaus in der Wiener Herrengasse als Pionier seines Bautyps in dieser Stadt eröffnet: Seit gut 85 Jahren wird es nun bewohnt. Anlass für Wolfgang Spitzy vom Hochhaus Herrengasse und für Silvie Aigner, die Chefredakteurin des Parnass, am 4. Oktober zu einer Führung durch die Ausstellung „85 Jahre Hochhaus Herrengasse“ und zum anschließenden Talk in den Panoramaraum des hohen Hauses zu bitten. Die Ausstellung zeigt die Geschichte des Hochhauses in historischen Aufnahmen und im Film, zum Talk waren als Gäste und Gesprächspartner Matthias Boeckl, Professor für Architekturgeschichte an der Universität für Angewandte Kunst und Chefredakteur von architektur.aktuell, sowie Markus Kristan, Kurator der Architektursammlung in der Albertina und Autor zahlreicher Bücher zu Architektur geladen. Beide sprachen über die Geschichte, Architektur und Zukunft des Hochhauses und die historische Bedeutung der Herrengasse, moderiert wurde der Abend von Silvie Aigner, Chefredakteurin von Parnass.

Das Hochhaus in der Herrengasse ist das erste, das in Wien gebaut wurde und typisch für die Stadt: Denn erstens wurde natürlich heftig darüber diskutiert und hätte es ursprünglich an einem anderen Grundstück am Alsergrund als sozialer Wohnbau des Roten Wien errichtet werden sollen. „Eigentlich wollte die rote Stadtregierung an der Kreuzung von Spitalgasse und Währingerstraße ein expressionistisches Wohnhochhaus bauen. Den Wettbewerb dafür hatte Rudolf Frass gewonnen, ein Schüler Otto Wagners“, so Markus Kristan. Daraus wurde aber nichts, weil die schwarze Regierung ein neues Finanzausgleichsgesetz beschloss, wodurch dieses Bauvorhaben nicht mehr finanzierbar war. Und zweitens ist das Hochhaus in der Herrengasse streng genommen eine Blockrandbebauung, die sich generell an die Traufkantenhöhe ihres mondänen Nachbarn – des Hauses am Michaelerplatz von Adolf Loos – mit seiner Gesims-Höhe von 25 Meter hält. Darüber aber treppt es sich am prominenten ihrem Eck sehr geschickt zurückgestaffelt und wie eine Stufenpyramide terrassiert auf eine Höhe von 52 Meter empor. Dieser Turm ist allerdings nur von wenigen Punkten Wiens aus wirklich wahr zu nehmen. Es ist also ein sehr dezentes Hochhaus, das man kaum sieht. Oben im Panoramaraum genießt man dafür einen fulminanten Weitblick über Wien und eine einzigartige Aussicht auf die Innere Stadt, deren prominenteste Türme wie der von St. Stephan, des Rathauses oder der Votivkirche zum Greifen nahe scheinen. Früher gab es hier ein sehr populäres Restaurant, inzwischen wird dieser Raum nur hin und wieder für Talks geöffnet.

Bevor das Hochhaus in der Herrengasse gebaut worden war, befand sich an derselben Stelle ein Palais der Familie Liechtenstein, dessen angrenzende Reitschule 1872 in den Bösendorfer Konzertsaal umgebaut worden war. Dem letzten Konzert an diesem Ort widmete Stefan Zweig in seinem Roman „Die Welt von Gestern“ eine berührende Passage, auch in Schild in der Fahnengasse erinnert an diesen legendären Konzertsaal. Weil im Sommer 1914 der erste Weltkrieg ausbrach und wesentlich länger andauerte, als gedacht, verzögerte sich auch der Bau des Hochhauses in der Herrengasse sehr wesentlich – de facto wurde es nach einer Bauzeit von 430 Tagen, an denen einige hundert Arbeiter durchgehend tätig waren, erst 1932 eröffnet. 

Geplant wurde das Haus vom alteingesessenen Wiener Architekturbüro Theiss & Jaksch, das von Siegfried Theiss und Hans Jaksch gegründet worden war und sich unter dem Namen Schwalm-Theiss & Bresich bis heute gehalten hat. Es ist damit das älteste in Wien. Das Hochhaus in der Herrengasse war ein Direktauftrag und wurde zu 60% über Mittel der damals gerade frisch eingeführten Wohnbauförderung errichtet. Trotzdem waren die Miete an dieser exklusiven Adresse naturgemäß hoch: Aufgrund seiner Nähe zum Burgtheater zogen überdurchschnittlich viele Schauspieler ein, darunter Oskar Werner, Susi Nicoletti, Paula Wessely, Curd Jürgens und Gusti Wolf. Auch bei Architekturschaffenden war und ist das Hochhaus in der Herrengasse als Wohnort sehr beliebt. Konstruktiv ist es sein hoher Teil ein Eisenbetonskelettbau, der auf einer 2,5 Meter dicken Stahlbetonfundamentplatte ruht, mit Hohlziegeln ausgemauert und mit Korkplatten isoliert ist. „Die niederen Trakte wurden in herkömmlicher Ziegelbauweise errichtet“, so Markus Kristan. „Allderings gab es lauter  Programmatisch war es höchst fortschrittlich: das Hochhaus in der Herrengasse hatte in seinem Sockel Geschäfte, die es bis heute gibt, darüber jede Menge Büros und Arztpraxen, sowie ursprünglich insgesamt 224 Wohnungen, hundertzwanzig für Familien und 104 für Junggesellen und Junggesellinnen. Jede Wohnung hatte einen kleinen Elektroherd mit zwei Kochplatten, wofür die Gemeinde Wien einen eigenen Stromtarif erließ. Die Kochnischen wurden minimal bemessen, weil man davon ausging, dass die illustre Bewohnerschaft ihr Essen vom Restaurant am Dach beziehen würde. „Das Hochhaus in der Herrengasse war ein Wohnhaus der Junggesellen, Künstler, Intellektuellen, Freiberufler und Rechtsanwälte“, so Matthias Boeckl. „Die Wohnungen für Junggesellen und Junggesellinnen waren vorbildlich. Einige wurden speziell von Architekten designt. So gestaltete Felix Augenfeld eine Wohnung für die selbständige, alleinstehende Frau.“

Die Herrengasse selbst ist extrem geschichtsträchtig: Ihre ältesten Wurzeln gehen bis in die Römerzeit zurück, was man an der Platzgestaltung von Hans Hollein am Michaelerplatz noch nachvollziehen kann. In jüngerer Vergangenheit von der Initiative Herrengasse + neu als Shared Space gestaltet, außerdem setzte Gregor Eichinger seine Skulptur GO vor das runde, gläserne Café am Eck und schuf dem Hochhaus so eine klassische Plaza wie in New York. Die Skulptur erinnert an den Moment, als die künstliche Intelligenz AlphaGo den südkoreanischen Go-Weltmeister Lee Sedol im März 2016 im Go Spiel besiegte. Drei mal drei überidmensional große, schwarze Go-Steine mit 1,3 Meter Durchmesser erinnern nun in der Herrengasse daran. Sie werden auch sehr gern zum Springen, von Stein zu Stein hüpfen, Sitzen oder für Selfies genutzt. „Der öffentliche Raum ist ein Abbild der Gesellschaft und immer mehr eine gefährdete Spezies. Die Frage stellt sich immer mehr: was können wir tun, um ihn zu erhalten?“, so Matthias Boeckl im Talk. „Die Herrengasse ist ein exemplarisches Modell dafür, wie eine private Initiative den Stadtraum aufwerten kann.“

Über das Hochhaus in der Herrengasse ist übrigens bereits vor mehr als fünf Jahren ein Buch erschienen: Architekturhistorikerin Iris Meder und die prakizierende Architektin, Architekturjournalistin und Wissenschaftlerin Judith Eiblmayr, deren Büro auch im Hochhaus in der Herrengasse angesiedelt ist, haben es geschrieben: Haus Hoch – Das Hochhaus Herrengasse und seine berühmten Bewohner“ ist im Metro Verlag erschienen und in der Herrengasse 2 bei Hamtil & Söhne käuflich zu erwerben.