Eine Lobby für die Landschaft
Fanny Brandauer arbeitet an der Schnittstelle von Landschaftsarchitektur, kuratorischer Praxis und Kunst und ist zudem in der Lehre tätig. In ihren Projekten erforscht sie, wie Landschaft gezeigt, vermittelt und sinnlich erfahrbar wird – etwa im von ihr gegründeten Salon Landschaft oder dem digitalen Atlas of Landscapes in a Room. Dabei geht es ihr darum, Türen in Kunst- und Kulturinstitutionen für landschaftsarchitektonische Perspektiven zu öffnen und Landschaft als etwas zu lesen, das immer auch durch Wahrnehmung, Deutung und Verantwortung geprägt ist.
Selina Wach: In deinen Arbeiten wird Landschaft selbst zum Medium – sie wird gezeigt, kuratiert, inszeniert. Welche neuen Bedeutungen entstehen, wenn Landschaft nicht entworfen, sondern ausgestellt wird?
Fanny Brandauer: Wenn man Landschaft im Ausstellungskontext zeigt – also Außenraum im Innenraum – ist das erstmal ein Paradoxon. Aber genau dadurch kann man Landschaft hochkonzentriert und isoliert betrachten. Im Ausstellungsraum ist man gezwungen, eine Auswahl zu treffen und einzelne Aspekte zu entkontextualisieren und neu zu rahmen. Für mich ist wichtig, dass man Zeit in Analyse und Bestandsaufnahme investiert. Erst wenn man gelernt hat einen Ort zu lesen, kann man authentisch planen. Ich stelle mir Landschaft als Schichtsystem vor: natürliche Parameter wie Flora, Fauna, Licht, Schatten, Jahreszeiten; dann anthropogene Einflüsse – ökonomische, ökologische, politische Interessen; und dann den Interpretationslayer. Landschaft entsteht auch in unseren Köpfen – als mentales Konstrukt, geprägt durch Erfahrungen. 2023 habe ich in München eine Ausstellungsarbeit gemacht, „Landschaftsprobe“. Ich habe zwölf Quadratmeter Brachfläche neben einem Fahrradweg untersucht – so ein typisches unbeachtetes Abstandsgrün. Brachen sind oft unscheinbar, wirken „schlampig“, weisen aber meist eine hohe Biodiversität auf, sind Erfahrungs- und Experimentierräume. Ich habe diese Fläche über Wochen analysiert und dann in den Ausstellungsraum übertragen. Herzstück war ein Geruchslabor: Im Winter habe ich Pflanzen von dieser Brache mit Wasserdampf destilliert. Das war spannend, weil dadurch Gerüche entstanden sind, die man sonst nicht wahrnimmt. Und die Reaktionen waren interessant, manche riechen und sagen „Wald“ oder denken an eine vergangene Reise, obwohl es Pflanzen aus einer Stadtlandschaft sind. So entstehen neue Assoziationsräume – und dann kann man sagen: „Passt auf, das ist ein Stück Brache. Lasst uns über Stadtnatur sprechen“. Vielleicht geht man danach raus und nimmt die Umwelt anders wahr.

SW: Deine Projekte verhandeln das Verhältnis von Natur und Kultur immer wieder neu. Wie lässt sich diese Schnittstelle angesichts ökologischer Krisen noch denken, ohne in romantische oder instrumentalisierende Lesarten zu verfallen? Oder braucht es genau dieses romantische Verhältnis zur Natur?
FB: Der Naturbegriff wird ja ständig neu verhandelt. In einem zeitgenössischen Verständnis ist die Dichotomie zwischen Natur und Kultur obsolet. Natur und Kultur können nur zusammen gedacht werden, als ein korrelierendes System. Wir haben aber bis heute ein sehr romantisiertes Naturbild: raus aus der Stadt, raus aus der engen Wohnung, Natur als Erholungswert. Dabei werden menschliche Einflüsse ausgeblendet. Und Landschaft ist nicht nur Berg und Wiese und Fluss, sondern genauso Industrie, Stadt, Brache, Steinbruch, Parkplatz. Wir müssen dahin kommen, dieses romantisierte Naturverständnis aufzubrechen – und begreifen, dass alles Landschaft ist. Für mich geht es darum, vom Menschen überprägte oder gar zerstörte Landschaften als Realitäten zu begreifen und einen Umgang mit ihnen zu finden, statt zu versuchen, sie zu beschönigen oder zu überkommen. Aus einer posthumanistischen Perspektive bedeutet das, das anthropozentrische Denken zu verlassen. Wir sind Teil unserer Umwelt, stehen in Beziehung zu allen Akteur:innen. Darin können neue Schönheiten entdeckt werden. . .
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