Selina Wach im Gespräch mit Jurek Brüggen

Einfamilienhaus-Haus

In Stendal in Sachsen-Anhalt wird gerade an einem Widerspruch gebaut, den viele Städte kennen: Während Wohnblöcke leer stehen, bleibt der Wunsch nach Einfamilienhaus- Qualitäten bestehen. Das Projekt „Einfamilienhaus- Haus“ des Berliner Büros undjurekbrüggen mit der Organisation AFEA übersetzt diese Sehnsucht in den Bestand. Aus einem Plattenbau entsteht ein Wohnmodell, das private Außenräume und mehrgeschossige „Haus“-Typologien möglich macht.

Selina Wach: Der Ausgangspunkt ist erstmal paradox: Einfamilienhäuser im Block. Wie ist das Projekt entstanden, von der ersten Idee bis zur Zusammenarbeit mit der Stadt?

Jurek Brüggen: Im Prinzip ist es aus zwei Zufällen entstanden. Der erste war ein Zug: Ich bin von Zürich nach Berlin gefahren, der Zug hatte so viel Verspätung, dass wir nachts in Stendal raus mussten. Dadurch habe ich Stendal überhaupt erst kennengelernt. Da ist diese besondere Struktur: kleine Altstadt – und dann Plattenbau nach Plattenbau, WBS 70. Grund dafür ist das Kernkraftwerksprojekt aus DDR-Zeiten, das nie fertig wurde. Dafür wurden damals wahnsinnig viele Wohnungen gebaut. Nach der Wiedervereinigung, als die Bauarbeiten am Kernkraftwerk eingestellt wurden, sind viele Menschen weggezogen. In der Folge gab es Leerstand und es wurde viel abgerissen. Der zweite Zufall war ein Artikel in der Volksstimme: „Zu wenig Bauland in Stendal“. Da wurde ich stutzig, weil das mit dem Leerstand nicht zusammenpasst. Dann wurde mir klar: Viele Menschen wollen nicht mehr im Plattenbau wohnen, sondern in einem Einfamilienhaus. So entstehen diese extrem kleinen Handtuchgrundstücke. Und dann dachte ich: Das ist doch absurd, erst alles abzureißen und zu versiegeln, um am Ende weniger Einfamilienhäuser zu bauen. Also haben wir der Stadt eine Skizze geschickt und gesagt: Vielleicht kann man Bestand erhalten und trotzdem Einfamilienhausqualitäten ermöglichen. Am Anfang kam nichts zurück. Wir haben dann telefoniert, wurden zu den Genossenschaften vermittelt, die die Plattenbauten besitzen. Die private Genossenschaft fand’s interessant, wir sind gemeinsam durchs Viertel gelaufen – und irgendwann hieß es: Sucht euch ein Haus aus und zeigt, wie es gehen könnte. Also haben wir eines ausgewählt und auf eigene Kosten eine Vorplanung gemacht.

Photo: Aimée Michelfelder

SW: Welche Einfamilienhaus-Qualitäten waren für den Entwurf nicht verhandelbar?

JB: Das Allerwichtigste ist der Garten und der eigene Eingang: Jede Einheit hat ihren eigenen privaten Garten und ihre eigene Tür – man geht nie durch ein Treppenhaus wie im Mehrfamilienhaus. Und dann die Individualität: Im Plattenbau wiederholen sich zwei, drei Typen immer wieder. In unserem Konzept ist jede Einheit im Block eigentlich ein Unikat, von ganz klein bis ganz groß. Und dann gibt es da eine Großzügigkeit, dieses Freiheitsgefühl. Deshalb nehmen wir in jeder Einheit an einer Stelle eine Deckenplatte raus: ein überhoher Raum, wo man, wenn man möchte, eine Galerie oder Empore einbauen kann – oder man lässt ihn einfach offen.

SW: Ihr baut auch an einem sozialen Bild: private Außenräume, vertikale Erschließung, Nachbarschaft auf Distanz oder in Kontakt. Welche Gemeinschaft ist vorgesehen – und welche Grenzen setzt ihr bewusst?

JB: Wir haben viel darüber nachgedacht und auch diskutiert, weil ich ein großer Fan von Genossenschaften und gemeinschaftlichem Wohnen bin. Wir haben kürzlich ein Projekt gemacht, in dem es sehr viele geteilte Räume und Treffpunkte gibt. Hier war das Ziel aber ein anderes: Wir wollten bewusst die Menschen ansprechen, die den Wunsch nach dem klassischen Einfamilienhaus haben – also Privatheit, eigenes Reich, Rückzug. Das nehmen wir ernst. Gleichzeitig gibt es im Konzept Orte, wo Begegnung möglich ist, ohne dass man sie erzwingen muss. . .

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