Selina Wach im Gespräch mit Britta Schebesta und Karin Hartmann

Feministische Strategien in der Architektur

Nordrhein-Westfalen war über Jahrzehnte von industrieller Arbeit, Migration und männlich dominierten Produktionskulturen geprägt. Diese Geschichte formte nicht nur das Bild der Arbeit, sondern auch das Berufsverständnis von Architekt:innen. Die Architektinnen Initiative NW (AI NW) setzt sich seit über 30 Jahren dafür ein, Frauen in der Architektur sichtbarer zu machen und Strukturen zu verändern. Heute geht es um mehr: um neue Formen von Praxis, Wissen und Solidarität jenseits der bloßen Repräsentation.


Selina Wach: Wie wirkt die Arbeitsgeschichte der Region bis heute auf Rollenbilder und Karrierewege von Architektinnen – und welche Chancen eröffnet der postindustrielle Wandel für neue Rollen und kollektive Praxis?

Karin Hartmann: Im Vergleich zu Sachsen und Ostwestfalen, wo ich länger gelebt habe, nehme ich Nordrhein- Westfalen schon anders wahr. Die Menschen sind bodenständiger und haben öfter einen Working- Class-Background. Das prägt die Haltung und auch das Selbstverständnis im Beruf. Wenn wir über Chancengleichheit und Architektur sprechen, sehe ich eher den größeren Zusammenhang, bis hin zur Weltpolitik: Rechtsgerichtete Bewegungen instrumentalisieren Geschlechterfragen, und vieles, was global passiert, spiegelt sich lokal noch einmal auf besondere Weise. Gleichzeitig gibt es hier in Nordrhein-Westfalen eine besondere Dichte und Geschichte zivilgesellschaftlicher Netzwerke, aus der auch feministische Gruppen wie die Architektinnen Initiative hervorgegangen sind – inspiriert etwa von Zusammenschlüssen wie der FOPA, der Feministischen Organisation von Planerinnen und Architekten. Britta Schebesta : Der Strukturwandel schafft viele neue Möglichkeiten: neue Arbeitsfelder, flexiblere Karrierewege und mehr Raum für individuelle Bedürfnisse. Doch während in manchen Bereichen Fortschritte erzielt werden, ist anderswo bereits Erreichtes gefährdet. Entscheidend sind nicht allein äußere Bedingungen, sondern auch zugrundeliegende Wertzuschreibungen und Machtlogiken. Solange begrenzende Rollenbilder, Hierarchien und Ausschlussmechanismen wirksam sind, bleiben Chancen ungleich verteilt. Wir müssen diese Strukturen aktiv hinterfragen und neu gestalten, um nachhaltige Veränderung anzustoßen.

Foto: FOTO LASKA | Annika Bethan

SW: Viele Initiativen wie das Festival Women in Architecture haben in den letzten Jahren für mehr Sichtbarkeit von Architektinnen gesorgt. Karin, in einem Interview in diesem Sommer fragst du: „Was kommt nach der Sichtbarkeit?“ Wo seht ihr heute die Grenzen dieses Ansatzes und was braucht es, um über Repräsentation hinaus tatsächlich Strukturen hin zur Gleichberechtigung zu verändern?

Britta Schebesta: Die Architektinnen Initiative sieht Sichtbarkeit weiterhin als wichtige Komponente, aber sie kann nicht das Ziel sein. Sie ist ein Werkzeug auf einem komplexeren Weg zur Gleichberechtigung. Wir müssen uns fragen: Wer wird überhaupt sichtbar gemacht und welche Perspektiven bleiben unsichtbar? Es braucht vor allem eine Kultur der Selbstreflexion: Offenheit, Kritikfähigkeit, Bereitschaft zum Dialog. Nicht in Abwehr gehen, sondern im Gespräch bleiben.

KH: Über Sichtbarkeit wird jetzt seit rund 30 Jahren gesprochen; schon der Third-Wave-Feminismus hatte sie ganz klar auf der Fahne. Es ist naheliegend, darüber zu reden, aber die politische Entwicklung zeigt, dass Sichtbarkeit auch leicht und als Erstes wieder abgeschafft werden kann. An die Strukturen geht es erst, wenn wir über Macht und Machtgefälle sprechen und an Punkte schauen, die weh tun. Diese Veränderungsprozesse sind unbequem, und da bin ich mit Britta einer Meinung: Es braucht zuerst Reflexion und Selbstanalyse, um überhaupt ins Handeln zu kommen.

SW: Wenn wir über Strukturen und Machtverhältnisse sprechen, kommt man schnell zur Frage der Care-Arbeit. Sie scheint oft die Wurzel vieler Ungleichheiten zu sein. Wie seht ihr das?

KH: Das hängt eng mit Machtfragen zusammen. Care- Arbeit wird gesellschaftlich nicht als Machtposition anerkannt – weder für Mütter noch für Väter. Deshalb ist die faire Verteilung von Care-Arbeit ein zentraler Hebel für Gleichberechtigung: Nur wenn Sorgearbeit gleich getragen wird, können alle gleichberechtigt teilhaben. . .

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