Friedrich Kiesler: Architekt, Künstler, Visionär: eine Ausstellung in Berlin

Friedrich Kiesler vor dem „The Shrine of the Book“, Jerusalem 1965 | Foto: David Harris, Israel © Friedrich Kiesler Stiftung

Friedrich Kiesler sei der größte nichtbauende Architekt, meinte der amerikanische Architekt Philip Johnson 1960. „Seine Ideen seien schwer zu realisieren, aber enorm und tiefgründig,“ so Johnson. Der austro-amerikanische Ausnahme-Künstler, Bildhauer, Bühnenbildner, Designer und Theoretiker Friedrich Kiesler (1890–1965) sprengte die Grenzen einzelner Kunstgattungen sowie traditionelle Grenzziehungen zwischen Kunst und Architektur. Seine ganzheitliche Designtheorie des Correalismus sowie das Konzept eines endlos fließenden Raumes zählen zu den großen Visionen des 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus war Kiesler eine zentrale Figur im Netzwerk der führenden Kunst-und Architekturszene New Yorks, sein Freundeskreis liest sich wie ein Who-is-Who der Avantgarde.

Wien, die Stadt, in der Kiesler im Umfeld von Otto Wagner, Josef Hoffmann und Adolf Loos die Idee des Gesamtkunstwerks von Beginn an einsog, eine für sein gesamtes späteres künstlerisches und theoretisches Werk wegweisende Konstante, widmete das Wiener MAK Museum für angewandte Kunst 2016 mit der Schau „Friedrich Kiesler. Lebenswelten“ (15. Juni bis 2. Oktober 2016) eine große Retrospektive. Kuratiert von Dieter Bogner, Maria Lind und Bärbel Fischer (siehe dazu architektur.aktuell Juli/August 2016).

Nun widmet der Martin-Gropius-Bau in Berlin dem Universalkünstler eine Ausstellung, in der das vielschichtige Werk in all seinen Facetten erstmals auch in Deutschland vorgestellt wird. Anhand zentraler Projekte, wichtiger Künstlerfreundschaften und Gemeinschaftsarbeiten wird auch sein Umfeld skizziert und seine Bedeutung für die Architektur- und Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts aufgezeigt. 

In Berlin feierte Kiesler mit einem elektro-mechanischen Bühnenbild für Karel Čapeks „W.U.R. (R.U.R.) Werstands Universal Robots“ 1923 am Theater am Kurfürstendamm seinen ersten großen Erfolg und springt im wahrsten Sinne des Wortes auf die Bühne der Avantgarde. Ein Jahr später sorgt er, wieder in Wien, mit der Ausstellungsgestaltung für die von ihm auch kuratierte „Internationale Ausstellung neuer Theatertechnik“ und seiner „Raumbühne“ als zentrales Ausstellungsstück ein weiteres Mal für Furore. 1925 wird er von Josef Hoffmann eingeladen, die österreichische Theatersektion für die „Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes“ in Paris zu gestalten. Diesen Auftrag nutzt er, um seine Zukunftsvision einer frei schwebenden Stadt, die Raumstadt, modellhaft als Ausstellungsstruktur zu präsentieren. 1926 geht er nach New York, um ein weiteres Mal eine „International Theatre Exposition“ zu organisieren.

Kiesler verlässt Europa mit avantgardistischen Projekten im Gepäck. Mit großen Erwartungen angekommen, bleiben sie anfänglich unerfüllt. Seine Ideen scheinen zu avantgardistisch für die Neue Welt. Kiesler arrangiert sich rasch mit der harten Realität im New York der 1920er Jahre und findet in der Gestaltung von Schaufenstern und Geschäftslokalen ein erfolgreiches Betätigungsfeld. In den 1930ern arbeitet er an Möbel- und Lampenentwürfen und errichtet 1933 in den Schauräumen der Modernage Furniture Company in New York das „Space House“, seine Vision eines Einfamilienhauses, als 1:1 Modell. Viele Kernthemen der Kiesler’schen Entwurfs- bzw. Architekturtheorie, vor allem sein Konzept einer „Raum-Zeit-Architektur“, werden hier erstmals formuliert.

Von 1937 bis 1941 leitet Friedrich Kiesler das Laboratory for Design Correlation an der Columbia University in New York und entwickelt seine Correalismus-Theorie, einen ganzheitlichen Designansatz, der auf wissenschaftlicher Analyse gründet und in dessen Zentrum der Mensch steht. Im Zuge seiner Forschung beschäftigt sich Kiesler intensiv mit der menschlichen Wahrnehmung und entwickelt die „Vision Machine“, mit deren Hilfe er das menschliche Sehen als einen aktiven Prozess visualisieren möchte. Diese Studien bilden die Grundlage seiner späteren Ausstellungsgestaltungen.

Im Laufe der 1940er Jahre gestaltet Kiesler mehrere spektakuläre Ausstellungsräume: Peggy Guggenheims Galerie „Art of This Century Gallery“ die „Russian American Exhibition“, eine „Hall of Ecology“ im American Natural History Museum, die Ausstellung „Bloodflames 1947“, sowie die „Exposition Internationale du Surréalisme”. Sie alle zeugen von seiner engen Beziehung zu den Surrealisten im New Yorker Exil. Kiesler ist ein Künstler für Künstler. Der Austausch sowie die Zusammenarbeit mit Künstlerkollegen waren für ihn von größter Bedeutung. Ganz besonders gilt dies für Marcel Duchamp.

Kiesler behauptet stets, dass jeder „eine gestalterische Grundidee hätte“ – für ihn selbst könnte die Arbeit mit dem „Raum“ als solche bezeichnet werden. Der Raum, insbesondere der endlos fließende Raum, zieht sich als Kernthema durch Kieslers Œuvre. 1950 schafft er erstmals ein kleines eiförmiges Modell für ein „Endless House“. Im Laufe der 1950er Jahre verfeinert er dieses Konzept und erhält 1958 ein Stipendium, um im Skulpturengarten des MoMA ein 1:1 Modell eines „Endless House“ zu errichten. Diese Raumvision, in der Boden, Wand und Decke kontinuierlich ineinander übergehen, zeige Kieslers Denken in Volumen, so Kurator Dieter Bogner. „Die äußere Form des Endless House hat Geschichte geschrieben.“ Wenngleich die Realisierung scheitert, zählt es unbestritten zu den Ikonen visionärer Architektur des 20. Jahrhunderts.

Das einzige tatsächlich realisierte Gebäude Kieslers wird 1965 in Jerusalem eröffnet: der „Shrine of the Book“, den Kiesler gemeinsam mit Armand Bartos plant. Das symbolisch stark aufgeladene Bauwerk – es beherbergt alttestamentarische Schriftrollen, die am Toten Meer gefunden wurden – sowie die nicht ausgeführte „Grotto for Meditation“ in New Harmony, Indiana, zeugen vom großen Interesse an sakralen Räumen in Kieslers Spätwerk.

In den Jahren 1964/65 arbeitet Kiesler an großen Environments, die er aus einzelnen, aus Aluminium oder Bronze gegossenen Skulpturen zusammensetzt. Die begehbare Skulptur „Bucephalus“, ein kleines „Endless House“, stellt gewissermaßen eine Summe all seiner früheren Projekte dar. Kieslers bildhauerische Projekte sind heute kaum bekannt und können in der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau erstmals als wesentlicher Bestandteil seines umfangreichen Schaffens entdeckt werden.

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit der Österreichischen Friedrich und Lillian Kiesler Privatstiftung unter der Kuration von Gerd Zillner, Peter Bogner, Dieter Bogner.

Noch bis 11. Juni 2017
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