Die ÖGFA wird 60

Für die Gesellschaft

Die Österreichische Gesellschaft für Architektur (ÖGFA) wird 60. Ein Rückblick auf Brüche und Kontinuitäten, auf Diskurs- Baustellen zwischen Streitbarkeit und konstruktiven Ideen.

Text: Maik Novotny


Unternimmt man den Versuch, die 60-jährige Geschichte der Österreichischen Gesellschaft für Architektur zusammenzufassen, erscheint es auf den ersten Blick am einfachsten, all das aufzulisten, was die ÖGFA nicht ist. Sie ist keine Standesvertretung einer Berufsgruppe. Sie ist kein Architekturmuseum und kein Ausstellungsraum. Sie hat kein Manifest. Sie ist nicht ohne Widersprüche, denn trotz des „Ö“ im Namen war und ist ihr Wirkungsbereich meistens auf Wien und das Umland beschränkt.

Auch die Positionen, die die ÖGFA streitbar vertritt, bilden keine gerade Linie, vielmehr ist das Streitbare selbst das Kontinuum. Mindestens so wesentlich wie das „Ö“ ist das „G“ der Wesenskern der „Gesellschaft“, wie die ÖGFA in früheren Jahren von manchen Proponenten (nicht gegendert – der Frauenanteil war in den ersten 20 Jahren erschütternd gering) lakonisch genannt wurde. Das heißt: Die Rolle der Architektur in der Gesellschaft ernst zu nehmen, ohne die Architektur selbst aus der Kritik auszunehmen. Schon der Gründungsimpuls 1965 resultierte aus einer Unzufriedenheit mit dem Bauwirtschaftsfunktionalismus jener Zeit und dem nachlässigen Umgang mit historischer Bausubstanz, konkret den vom Abriss bedrohten (und teils tatsächlich zerstörten) Wiener Stadtbahnstationen von Otto Wagner. Es folgten seitdem immer wieder Initiativen, die konstruktiv eine eigene mögliche Zukunft der Stadt aufzeigten. Die Ausstellung „Neue städtische Wohnformen“ (1966) auf Grundlage eines Open Call in der Architekt:innenschaft brachte Aufmerksamkeit der Stadt Wien und führte (nach komplexen persönlichen Zerwürfnissen, auch das ein ÖGFA-Kontinuum) zum Bau der Wohnsiedlung Schöpfwerk. Die Kritik an der damaligen Wiener U-Bahnplanung führte 1970 zum Wettbewerb und Gestaltungsauftrag für das Planungsteam um Wilhelm Holzbauer. Den optimistischen Elan der 1960er-Jahre trugen die Beteiligten bis weit in die 1980er-Jahre weiter. Als wichtiger Meilenstein kann die 1979 gegründete Zeitschrift UMBAU gelten, die (mit kleinen typographischen Änderungen) bis heute besteht und bislang 32 Ausgaben umfasst. Die Auseinandersetzung mit den vielfältigen Daseinsformen der Moderne ist über 60 Jahre hinweg ein Dauerthema der ÖGFA, dem der Stoff auch so bald nicht ausgehen wird.

„Neue städtische Wohnformen“ (Open Call, Grundlage für spätere Umsetzung der Wohnsiedlung Schöpfwerk)

1975 etwa fungierte die internationale Wanderausstellung „Österreichische Architektur 1945–1975“ als Standortbestimmung. Figuren wie Josef Frank leuchten an diesem Firmament internationaler Relevanz besonders hell, mit den Ausstellungen zu Viktor Hufnagl (2022) und Hermann Czech (2024, beide in Kooperation mit FJK3) wurden auch die nächsten Generationen der österreichischen (mehr oder weniger gemäßigten) Moderne gewürdigt. International agierte die ÖGFA auch über das „Ö“ hinaus. Insbesondere der „Nahe Osten“ – damals noch hinter dem Eisernen Vorhang, heute wieder mitteleuropäisch und trotzdem von der Architekturöffentlichkeit vernachlässigt – wurde in zahlreichen Exkursionen durchmessen. Bereits 1967 begann die Kontaktaufnahme mit einer Exkursion in die CSSR, weitere folgten. Die Liste aller Namen, die in diesen 60 Jahren im Vorstand und um nahen Umfeld der ÖGFA tätig waren, würde Seiten füllen, und es wäre wohl nicht ganz falsch, sie in journalistischer Zuspitzung als „Diskurs- Durchlauferhitzer“ zu bezeichnen. Sie agierte immer wieder gleichermaßen als konstruktiver Ideengeberin und scharfe Kritikerin der Stadtöffentlichkeit und -obrigkeit. In den letzten Jahren waren die Schauplätze der Kritik an der Wiener Stadtentwicklung und Planungspolitik unter anderem die problematische „Stadtstraße“ in Transdanubien, die mehr von PR als von Fachexpertise geprägte Stadtbegrünung am Beispiel Michaelerplatz und der Planungsund Ideenfriedhof des Wientals, das sein Potenzial partout nicht erfüllen will...


Sie möchten weiterlesen? Dieser Beitrag ist Teil unserer Ausgabe 9/2025. Der Volltext ist ab Seite 54 zu finden.

Internationale Wanderausstellung „Österreichische Architektur 1945–1975“

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