Interview von Selina Wach

Im Gespräch mit Katharina Benjamin: Kontextur⁠

Kontextur ist eine digitale interdisziplinäre, multiperspektivische Plattform für Architekturkritik mit Sitz in Leipzig, Berlin und Zürich. Das Kollektiv versteht sich als Resonanzraum für junge Perspektiven auf Architektur, Stadt und Gesellschaft zwischen Diskurs und Praxis. Mit Podcasts, Texten und Workshops schafft Kontextur alternative Öffentlichkeiten jenseits klassischer Institutionen. 2017 von Katharina Benjamin in Weimar gegründet, hat sich Kontextur von einem studentischen Format zu einem dynamischen Projekt entwickelt und sein Team erweitert.⁠


WENN DU ZURÜCKSPULST AN DEN ANFANG VON KONTEXTUR – WELCHE GESELLSCHAFTLICHEN ODER PERSÖNLICHEN FRAGEN WAREN DAMALS SO DRINGLICH, DASS DU GESAGT HAST: DARÜBER MÜSSEN WIR SPRECHEN?

[Katharina Benjamin]: 2017 ist ja eigentlich gar nicht so lange her. Aber es fühlt sich doch schon weit weg an. Die Diskurse in der Architektur waren damals noch ganz andere. Wir standen kurz vor dem Masterabschluss und hatten alle diese grundlegende Unsicherheit: Wie gelingt der Berufseinstieg? Was bedeutet das finanziell, was inhaltlich? Die Perspektive von Berufseinsteiger: innen kam damals kaum vor – das war für uns sehr spürbar. Heute ist das ein bisschen besser, aber damals war die Berichterstattung sehr exklusiv, stark auf einige wenige Büros fokussiert, die etwas gebaut hatten. Bei mir kam hinzu, dass ich schon im Bachelor mein Kind bekommen hatte. Die Frage nach den Arbeitsbedingungen war für mich also nicht abstrakt, sondern sehr real. Es war klar, dass Teilzeit in Leipzig mit Kind existenzbedrohend gewesen wäre. Das hat mich damals sehr beschäftigt – und auch wütend gemacht. Ich konnte diesen Mythos vom 72-Stunden-Atelier nicht mehr mittragen. Und das war ein Bruch. Ich habe das Gefühl, dass viele meiner Kommiliton:innen erst Jahre später an diesen Punkt kommen, wenn sie im Büro arbeiten, vielleicht ein Kind bekommen oder merken, dass etwas nicht aufgeht. Und dann war da diese Leerstelle: Es gab keinen Ort, an dem wir über diese Dinge sprechen konnten. Also haben wir Kontextur gegründet. Die Resonanz war sofort da. Das hat uns bestärkt, weiterzumachen.

WAS SIND AKTUELL DIE GRÖSSTEN HERAUSFORDERUNGEN FÜR ARCHITEKTURBÜROS IN HINBLICK AUF IHRE MITARBEITER:INNEN?

[Katharina Benjamin]: Wir schauen auf das Thema Arbeitsbedingungen nicht monoperspektivisch – das ist uns ganz wichtig. Es bringt nichts, die Schuld pauschal den Arbeitgeber:innen zuzuschieben. Das Problem ist systemisch. Wettbewerbe werden in der Regel nicht bezahlt, und in den niedrigen Gebäudeklassen reichen die abrechenbaren Honorare oft kaum aus, um ein Büro mit fairen Löhnen zu führen. Gleichzeitig sehen wir Ambivalenzen: Gerade die progressiven Praxen, die wir spannend finden, können ihren Mitarbeiter:innen oft nur wenig zahlen, während kommerzielle Büros, die wir kritischer sehen, finanziell besser aufgestellt sind. In Deutschland ist die HOAI nicht mehr bindend, doch auch davor wurden die Honorarsätze lange nicht angepasst. Es gibt ein regelrechtes Preisdumping. Es gab eine Phase, in der Architekt:innen gesucht wurden, die Löhne stiegen, plötzlich wurden Goodies angeboten wie Jobräder oder Vier-Tage-Wochen. Doch das kippt gerade wieder, zum Beispiel in Berlin. Remote Work verschwindet, Büros rudern zurück. Und gleichzeitig verändert sich auch unsere Perspektive: Viele, die früher angestellt waren, gründen jetzt selbst – und stehen plötzlich auf der anderen Seite. Bei Kontextur versuchen wir, diese verschiedenen Perspektiven sichtbar zu machen, auch anonymisiert, um einen ehrlichen Austausch zu ermöglichen.

WAS WOLLEN STUDIERENDE HEUTE LERNEN, WELCHE HALTUNGEN BEOBACHTEST DU? UND GIBT ES DENKWEISEN ODER MYTHEN IN DER ARCHITEKTUR, DIE IHR BEWUSST BRECHT ODER HINTER EUCH LASST?

[Katharina Benjamin]: An der TU Braunschweig ist das sehr heterogen. Manche wissen: Sie wollen später das elterliche Büro übernehmen, im ländlichen Raum, sehr praktisch orientiert. Andere wollen die Bauwende mitgestalten, verzichten auf Beton, lehnen Styrodur ab. Das Spektrum ist groß. Als Lehrende ist es wichtig, das alles ernst zu nehmen, ohne Dogmatismus. Es bringt nichts, nur noch Lehm zu lehren – aber wir müssen Verantwortung thematisieren: Woher kommen Materialien, was bedeutet ihr Einsatz? Diese Reflexion hat mir in meinem eigenen Studium gefehlt. Ich denke, hier beginnt ein Bruch mit vorherigen Generationen. Die Anything-Goes-Kultur, in der formale Gestaltungsfreiheit im Vordergrund stand, ist von einer Phase abgelöst worden, in der Materialherkunft, Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung zentral wurden. Aber gerade in den Hochschulen schwingt das Pendel nun wieder zurück. Gestaltung und Formfragen kommen wieder stärker ins Spiel. Wichtig ist, dass beides zusammen gedacht wird: Verantwortung und Gestaltung. Es braucht eine Ästhetik des nachhaltigen Bauens.

IN EUREN PROJEKTEN GEHT ES IMMER WIEDER UM SOZIALE GERECHTIGKEIT, ÖKOLOGIE UND TEILHABE. WELCHE ETHISCHEN ODER POLITISCHEN PRINZIPIEN PRÄGEN EUREN ARBEITSALLTAG KONKRET UND WO WIRD ES DABEI HERAUSFORDERND, WIDERSPRÜCHLICH ODER SOGAR PREKÄR?

[Katharina Benjamin]: Ich kann für die publizistische Praxis sprechen. Wir stecken – wie viele – in den Sachzwängen eines kapitalistischen Systems. Es gibt immer die Haltung, wie man arbeiten möchte – und die Realität, wie man es finanzieren kann. Manche Projekte sind inhaltlich stark, aber durch prekäre Arbeitsbedingungen entstanden. Diese Widersprüche auszuhalten, ist nicht einfach. Gleichzeitig verlangt die Medienlogik nach klaren Positionen, das erschwert differenzierte Debatten. Wir bei Kontextur wollen unabhängig berichten, aber wir sind ein kleines Team und müssen unsere Arbeit irgendwie tragen. Das ist ein ständiges Ringen zwischen Anspruch und Machbarkeit. Da liegt auch meine Kritik am Architekturdiskurs: Die Architekt:innenschaft muss sich um ihre kritischen Medien kümmern. Denn die kämpfen um ihr Überleben. Doch ohne sie fehlt der Raum für Auseinandersetzung.

IN ZEITEN MULTIPLER KRISEN – SOZIAL, ÖKOLOGISCH, POLITISCH – WAS HÄLT EUCH IN BEWEGUNG? WOHER NEHMT IHR DIE MOTIVATION, EUCH IMMER WIEDER EINZUMISCHEN, POSITION ZU BEZIEHEN? GERADE DANN, WENN DIE ZWEIFEL LAUTER SIND ALS DER GLAUBE AN VERÄNDERBARKEIT?

[Katharina Benjamin]: Ich habe mit Angelika Hinterbrandner – wir sehen uns nicht ständig, aber regelmäßig – einen sehr intensiven Austausch. Zum einen über Berufliches, aber auch ganz stark über gesellschaftliche Fragen und Tagespolitik. Aus diesen Gesprächen entstehen viele Themen – oft gar nicht direkt aus der Architektur, sondern aus dem gesellschaftspolitischen Umfeld. Das hat sich mit Laura Bertelt weiter verstärkt: Wir bringen uns gegenseitig auf neue Gedanken und motivieren uns, gerade auch in Phasen, in denen Zweifel oder Erschöpfung größer werden. Und natürlich ist es ein großes Privileg, dass wir uns mit Kontextur ein Gefüge geschaffen haben, in dem wir sehr frei arbeiten können – inhaltlich, formal, im Ton. Wir müssen niemandem etwas zur Freigabe vorlegen, keine Redaktionslinie einhalten. Wenn wir vier Stunden über ein Thema sprechen wollen, dann machen wir das. Das ist nicht selbstverständlich. Ich kenne viele, denen diese Freiheit und Selbstwirksamkeit fehlt.


Mehr zu unser aktuellen Ausgabe 7-8/2025. Der Text ist ab Seite 64 zu finden. 

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