In Betrieb: Der neue Campus der Wirtschaftsuniversität in Wien

Zaha Hadid Architects, Library and Learning Center, WU Wien

Zaha Hadid Architects, Library and Learning Center, WU Wien

Drei Monate nach der Eröffnung des spektakulären neuen Campus der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) fand eine engagierte Fachdebatte vor Ort statt: WU-Projektleiter Christoph Sommer und Architekt Cornelius Schlotthauer (Zaha Hadid Architects) führten Lehrende und Studierende der Universität für angewandte Kunst Wien sowie interessierte Gäste durch Wiens neueste „Stadt in der Stadt“. Projektleiter Sommer referierte über die Geschichte des Campus seit dem zweiten (geladenen) Wettbewerb 2008, der auf Basis eines im ersten Wettbewerb ermittelten Masterplans des Wiener Büros BUSarchitektur (Laura P. Spinadel) durchgeführt wurde. Die dabei gekürten Sieger (CRABStudio Architects/Peter Cook, Estudio Carme Pinos, Atelier Hitoshi Abe, Zaha Hadid Architects und NO.MAD Arquitectos/E.Arroyo) wurden mit der Planung von fünf Bauten des Campus beauftragt, den sechsten entwarfen BUSarchitektur selbst, die auch die Freiraumplanung („Walk Along Park“) übernahmen.

In der bemerkenswert kurzen Planungs- und Bauzeit von fünf Jahren entstand nicht nur ein beeindruckend kompromissloser Baukomplex, sondern auch eine veränderte Institution, die sich mit diesem Statement selbst neu erfand. Schon bei der Standortwahl, bei der ein Bauplatz am ehemaligen Nordbahnhofgelände sowie der nun genutzte Ort zur Debatte standen, entschied man sich für Internationalität, Offenheit und Interaktion. Die Lage am großen innerstädtischen Erholungsgebiet des grünen Praters sowie unmittelbar neben den Hallen der Wiener Messe bot sowohl hohen Freiraumwert als auch eine programmatische Beziehung zur Wirtschaft, die sich in der Messe präsentiert. „Ein Detail der Standortwahl war auch, dass wir große Prüfungen, für die wir im Haus keinen Raum mit dem nötigen Fassungsvermögen für hunderte Kandidaten haben, nun in unmittelbarer Nähe in den Messehallen abhalten können“, verrät Projektleiter Sommer.

Im Herbst 2013 präsentiert sich der Campus bereits in vollem Betrieb. Die ambitionierte Freiraumgestaltung des „Walk Along Parks“ mit seinen zahlreichen Sitz- und Lagerflächen, Interaktions-Möbeln und Bühnen, Fahrradunterständen und Mini-Sportplätzen wird in der warmen Jahreszeit ihre volle Leistung für die Lebendigkeit und funktionierende Durchwegung des Areals samt seiner Anbindung an die benachbarten Stadtbezirke entfalten. Per U-Bahn ist der Campus perfekt erreichbar, gleich zwei Stationen liegen neben dem Komplex. Dazwischen erstreckt sich die Wiener Messe, die vom WU-Campus leider durch Mauern und Zäune abgetrennt ist. In unmittelbarer Nähe liegt auch das Bürohausquartier „Viertel Zwei“, in dem sich unter anderem das Hochhaus mit der Konzernzentrale der OMV befindet (Planung: Henke & Schreieck).

Die einzelnen Bauten des WU-Campus bieten nicht nur anspruchsvolle Architektur auf der Höhe des aktuellen internationalen Diskurses, sondern natürlich auch viel inspirierenden Raum für Studierende, Lehrende und die Verwaltung. Im Mittelpunkt steht dabei – entsprechend dem eigentlichen Zweck einer Universität – das „Library and Learning Center“ (LLC) der britisch-irakischen Stararchitektin Zaha Hadid. Seine eindrucksvolle Höhe und Auskragung machen es zur Landmark des Campus. Innen entwickeln sich spektakulär geformte organische Raumsequenzen, die sich rund um das gebäudehohe Atrium mit zahllosen Durchblicken, Galerien und Canyons entfalten. Die Bibliothek und die Arbeitsplätze für die Studierenden entlang langer Tische und zahlreicher Screens teilen sich dabei den Raum – zwischen den Arbeitsflächen stehen die Bücherregale. Diese programmatische Integration aller nötigen Lernressourcen – Bücher, Arbeitsplätze, Austausch – findet ganz oben ihren Höhepunkt im beeindruckend auskragenden Baukörper, der mittels Empore in zwei Ebenen geteilt ist. Durch seine schräge Frontverglasung blicken die Lernenden in den grünen Prater und auf die „Stage“ – eine vielgestaltige Bühnenfläche, die als eine der sechs Attraktionen des Freiraums geboten wird (neben der „Stage“ gibt es auch noch eine „Lounge“, eine „Relax“-Zone, die „Expo“, einen „Patio“ und ein Forum).

Die übrigen Bauten des Campus ergänzen das Ensemble zu einem integralen Komplex, in dem jedes Objekt in Interaktion mit seinem Nachbarn und dem Ganzen tritt. Die völlig unterschiedlichen Formensprachen und Reaktionen der Planer auf die jeweilige räumliche Situation bilden dabei eine Art Orchester, in dem jedes Instrument seinen eigenen Klang besitzt, im Spiel aber auch auf die anderen Stimmen reagiert und sich in eine übergeordnete Partitur fügt. Die Architekten repräsentieren einige der einflussreichsten Positionen des aktuellen globalen Architekturbetriebs: Hitoshi Abe, der seine Laufbahn im Studio Los Angeles von Coop Himmelblau begonnen hatte und nun Dean der Architekturschule der UCLA ist, definiert mit seinen schwingenden Körpern in fernöstlich anmutenden Schachbrettfassaden (manche bemühen auch den Vergleich mit der französischen Süßspeise „Millefeuille“) rund um mehrere Atrien und mit Innenstadtplätzen zwischen den einzelnen Trakten ein Gebäude für mehrere WU-Institute. BUSarchitektur, die Wiener Autoren des Masterplans, zeigen nebenan im „Teaching Center“ mit seiner Corten-Stahl-Fassade ein spannungsreich zerklüftetes Raumgebilde für große Hörsäle sowie das Auditorium Maximum (Audimax) der Wirtschaftsuniversität.

Auch in den drei übrigen Campus-Bauten von Estudio Carme Pinós aus Barcelona (Institutsgebäude), NO.MAD Arquitectos aus Madrid (Executive Academy) sowie CRABstudio/Peter Cook aus London (Instituts- und Verwaltungsgebäude) drücken sich profilierte Architekturhaltungen aus: Carme Pinós wollte horizontale Bandfenster vermeiden und entwickelte ihr Haus aus Parallellogrammformen, während Peter Cook in der Tradition der britischen Pop Art eine Vielfalt fröhlicher Farben und unkonventionell eingesetzter Materialien bietet (Beschattungselemente aus Holzbalken). Die Spanier NO.MAD um Eduardo Arroyo hingegen interpretieren das Motiv eines spiegelnden Turms.

Jedes dieser Häuser verwirklicht so eine eigene Handschrift, eine eigene Raumphilosophie, einen eigenen Umgang mit Formen und Materialien. Beeindruckend ist, dass dabei kein bloßes Architekturmuseum oder gar ein „Karneval der Alphatiere“ (Christian Kühn in der Wiener Tageszeitung „Die Presse“) entsteht, sondern sich die Bauten deutlich aufeinander beziehen, interagieren und in der Nutzung sichtbar miteinander kommunizieren. Ein repräsentatives Buch, das 2014 bei Birkhäuser/Ambra erscheint, wird alle Aspekte des Campus im Detail präsentieren, analysieren und dokumentieren.