Berliner Anti-Abrissinitiativen gestern und heute⁠

Instandbesetzen statt Kaputtbesitzen

Der Anfang: Protest statt Verdrängung⁠ „Lieber Instandbesetzen als Kaputtbesitzen. Gegen Wohnungsnot, Abriß, Beton und Spekulation“ – diese Anklage prangte auf einem großen Banner bei einer Demonstration in Berlin-Moabit Ende 1980. Die 1960er-Jahre in Westberlin waren noch geprägt vom Neubau großer Wohnsiedlungen auf der grünen Wiese wie dem Märkischen Viertel, gepaart mit der gleichzeitigen Kahlschlag-Sanierung bestehender Wohngebiete inklusiver Verdrängung der Mieter:innenschaft.⁠ Auch die Bewohner:innen am Heinrichplatz (heute Rio-Reiser-Platz) in Berlin-Kreuzberg sollten ausziehen, in diesem Fall wegen einer großspurigen Autobahnplanung. Aber um 1970 war etwas ins Rollen geraten. Die Mieter:innen nahmen den Kampf auf, entwickelten 1979 ein eigenes Konzept für den „Block 103“, (be)setzten den Bestand wieder instand und schlossen sich 1981 zum Blockverbund zusammen. Man wollte nicht mehr einsehen, die gewachsene Nachbarschaft aufgeben zu müssen, damit (siehe Zitat oben) die Bau- und Investorenlobby Profit machen konnte. In dieser politisierten Zeit einer lebendigen „Recht auf Stadt“-Debatte und neuer Bottom-up-Stadtplanungskonzepte traf die IBA Altbau in Berlin 1984/87 unter der Leitung von Hardt-Waltherr Hämer einen Nerv. Seine zwölf Grundsätze einer behutsamen Stadterneuerung versammelten die zentralen Punkte einer neuen Planung aus dem Bestehenden heraus. In diesem Kontext gründete sich aus den Mieter:innen ein selbstverwalteter Sanierungsträger, der den Block mit einer Aufwertung der Innenhöfe, sozialen Einrichtungen, Dachbegrünung und Solarkollektoren in den Folgejahren zu einem Vorzeigeprojekt entwickeln konnte. Die Geschichte des Block 103 zeigt, dass die Anti-Abriss-Bewegung schon vor rund 50 Jahren ein treibender Faktor in Berlin war.

Text: Alexander Stumm | Foto: Susanne Lorenz⁠, Sebastian Golbik


 

Kampf ums SEZ Auch heute wieder organisieren sich Menschen und Architekt:innen in Initiativen, um sich gemeinsam gegen den Abriss zu engagieren. Zwei Beispiele seien genannt. Als Erstes das Sport- und Erholungszentrum (SEZ), eröffnet 1981 als gigantischer Spaß-Palast der DDR. Wenn es etwas mit Freizeit zu tun hatte, konnte man es mit großer Wahrscheinlichkeit innerhalb der offenen Stahlstruktur dieses Komplexes machen: Schwimmen oder Saunieren, Eis- oder Rollschuhfahren, Billiard, Boule oder Bowling, Tennis, Federball oder Minigolf spielen, Konzerten und anderen Veranstaltungen lauschen, sich frisieren lassen oder in einem der zahlreichen Restaurants essen. Unzählige Erinnerungen schlummern in dem 2002 geschlossenen Gebäude. Die peppig-postmoderne Architektur hat nicht nur Identität, sondern ließe sich mit ihrer offenen Raumstruktur grundsätzlich auch für diverse Nutzungen umbauen. Deswegen fordert die Initiative „SEZ für Alle“: „Macht das SEZ wieder auf“. Sie setzt sich für eine Aussetzung des Abrissvorhabens für fünf Jahre, die Etablierung einer Zwischennutzung und schließlich einen Wettbewerb für die Zukunft des Areals ein. In Berlin wie anderswo (Potsdam!) hat es die Ost-Moderne in den letzten Jahren sehr schwer. Der Vorwurf, dass auch handfeste ideologische Gründe für den Abriss sprechen, lässt sich nicht von der Hand weisen. Wenn es nach dem Willen des Berliner Senats geht, soll der Komplex baldmöglichst weichen, um Wohnungen und einer Schule Platz zu machen.


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