Interview mit Claudia Cavallar, Catharina Maul, Anna Wickenhauser, Sabine Pollak

Kampf um den Maßstab

Die Architektinnen Claudia Cavallar, Catharina Maul, Anna Wickenhauser und Sabine Pollak, Vizerektorin der Kunstuniversität Linz, über ihren Werdegang, ihre Karriere und ihre Praxis als Frauen in einer Männerdomäne.


 

architektur.aktuell: Wie seid ihr zur Architektur gekommen?

Sabine Pollak: Ich beginne mit einem Klischee: Ich wollte Kunst und Malerei studieren. Das haben mir meine Eltern, beide Naturwissenschaftler, ausgeredet. Da war Architektur quasi die Alternative.

Anna Wickenhauser: Mein Vater war selbständiger Architekt, da habe ich das gesehen - diesen Kampf um Entwürfe, Besprechungen, Nächte, um Projekte zu entwickeln. Das wollte ich zuerst auf keinen Fall. Nach der Matura musste man sich dann entscheiden, da bin ich drei Tage nach Wien gefahren, nur ohne wirkliches Ziel Kilometer gegangen und habe gemerkt, dass meine Neigung bei der Architektur liegt. Ich habe sehr gern Modelle gebastelt und Baumhäuser gebaut. Ich begann dann an der TU Graz mit dem Architekturstudium und war sofort begeistert. Es war genau das richtige.

Architektin Catharina Maul

Catharina Maul: Ich komme aus einer Architektenfamilie, Architektur war bei uns allgegenwärtig. Meine Mutter ist Fotografin, mein Vater Architekt. Das war aber für mich nicht so maßgebend, dass ich gesagt hätte, ich fange mit 18 an, Architektur zu studieren. Ich habe mit etwas anderem begonnen und bin dann über einen guten Freund an der TU Graz zur Architektur gekommen. Ich hörte mir eine Vorlesung an, inskripierte und erzählte es meinem Vater. Er fragte: ,Willst du dir das wirklich antun?‘ Als ich bejahte, hat er sich gefreut. 

Mein Vater fragte: ,Willst du dir das wirklich antun?‘ Als ich bejahte, hat er sich gefreut.

Architektin Catharina Maul

Cavallar: Bei mir in der Familie hat nie jemand vorher studiert. Meine Schwester und ich, wir sind die erste Generation. Ich bin aus Meran, also vom Land. Ich kam nach Wien und dachte, das will ich machen. Aber ohne Ahnung, wie das funktioniert. Dann habe ich die Aufnahmeprüfung an der Angewandten geschafft.

architektur.aktuell: Wie habt ihr eure Studien erlebt?
Cavallar:Ich habe dazwischen sieben Jahre aufgehört. Zur Zeit des ersten Internet-Booms habe ich in einem Start-Up Web-Anwendungen entwickelt. Mir hat das gefallen, weil es so anders war. Als ich studierte, musste man ein Star werden. Das hat mich nicht interessiert. Nachdem Hans Hollein in Pension ging, beendete ich mein Studium bei Greg Lynn. Da sah ich: Man kann eine kohärente Anschauung haben und sich mit Ideen beschäftigen, ohne sofort in einer Konkurrenzsituation zu sein. Das gefiel mir, und so machte ich dort mein Diplom. Es wundert mich selbst sehr, dass ich nun tatsächlich in dem Bereich arbeite.

Architektin Anna Wickenhauser

architektur.aktuell: Weil wir beim Thema Frauen sind: habt ihr im Laufe eures Studiums Situationen erlebt, in der ihr als Frauen anders behandelt worden seid als eure männlichen Kollegen?

Wickenhauser: Ich war einmal bei einer Schlusskritik bei Hans Kollhoff, ein Semesterprojekt, die Zentralbank in Zürich. Mike Guyer war in der Jury. Seine erste Reaktion auf mein Projekt war: ,frauliches Projekt.‘ Da gab es sofort Buh-Rufe. Das fand ich sehr beeindruckend. Die Studierenden in der Schweiz waren drauf getrimmt, dass so etwas nicht passiert. Es wurde auch sehr lang darüber diskutiert. Ich weiß nicht, was mein Projekt fraulich gemacht hat, es war genauso eine Kiste wie alle anderen. Aber es hat mich irritiert.

Pollak: Ich habe Hochbaukorrekturen bei Prof. Ernst Hiesmayr erlebt, in denen  – obwohl wir ihn alle fachlich sehr geschätzt haben –  schon einmal die Hand aufs Knie kam. Einfach so en passant.

Maul: Mit so etwas habe ich überhaupt keine Erfahrung. Es war auch nie so, dass ich das Gefühl hatte, als Frau anders behandelt zu werden. Weder auf der Uni, noch im Berufsalltag, noch in Bezug auf Mitarbeiter, Bauherren.

Wickenhauser: Welcher Jahrgang bist du?
Maul: 1987.
Pollak: Es hat sich schon was geändert!

Maul: Wir waren aber auch 50:50 Studierende, teils mehr Frauen als Männer. Mittlerweile sind mehr Frauen selbständig und in der Architektur präsenter als vor dreißig Jahren. In der Generation meines Vaters war das anders. Er hatte nicht so viele weibliche Kolleginnen, das weiß ich von ihm. In meinem Studienjahrgang machten sich meinem Gefühl nach aktuell mehr Frauen selbständig als Männer.

Architektin Sabine Pollak

Es war nicht so, dass du in die Bibliothek gegangen wärst und tausend Monografien von Frauen gefunden hättest. Zaha Hadid war die große Ausnahme.

Architektin Claudia Cavallar

Architektin Claudia Cavallar

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