Kein Ort. Nirgends. Migrationspolitik in Europa: Jahresveranstaltung von Architektur ohne Grenzen Austria

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Am 22. April lud Architektur ohne Grenzen Austria (AoGA) zur vierten Jahresveranstaltung. Wie bei den ersten beiden Jahresfeiern fand der Abend in Kooperation mit dem Architekturzentrum Wien statt, das ein weiteres Mal seine Räumlichkeiten zur Verfügung stellte. Als weiterer Kooperationspartner kam aus gegebenen Anlass diesmal die IG-Architektur hinzu: Seit vergangenem Jahr betreiben AoGA und IG Architektur die Veranstaltungsreihe mit dem treffenden wie ebenso berührenden Titel „Kein Ort Nirgends. Flüchtlinge in Kasernen?“. In mehreren Arbeitsgruppen und auf unkonventionelle Art und Weise setzen sich die beiden Vereine mit der Problematik von Flüchtlingen in Österreich auseinander und denken sie in größerem Rahmen weiter.

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Jahresveranstaltung Architektur ohne Grenzen Austria „Kein Ort. Nirgends. Migrationspolitik in Europa“

AoGA fokussiert mit diesem Thema auf unmittelbare Probleme vor der eigenen Haustüre, weg von Aufgabenstellungen in fernen Kontinenten und hin zu akuten Herausforderungen im eigenen Land. Denn wie Suzie Wong von AoGA in ihren einleitenden Worten meinte, ist Architektur eng mit humanitärer Verantwortung verbunden und sollte die Lebensbedingungen aller Menschen verbessern – auf dieser Überzeugung beruht auch der Gründungsgedanke der NGO.

Anhand von vier Impulsreferaten und einer Podiumsdiskussion ist die Frage der Migrationspolitik in Europa sowie die Rolle bzw. die Möglichkeiten, die Architektur in diesem Kontext spielen kann, anvisiert worden. – Das Thema hätte brisanter nicht sein können, war doch vier Tage zuvor, am 19. April, die große Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer mit einer unermesslich großen Zahl an Toten passiert.

 

Räume der Flucht
Dass die Asyl- und Flüchtlingspolitik im Argen ist, dass viele Schwachstellen die bereits misslichen Umstände der Betroffenen noch erschweren, das kam bei allen vier Vorträgen, so unterschiedlich die Themen auch waren, zur Sprache. Jochen Hoog vom Wiener Architekturbüro AG3 zum Beispiel machte auf den Wildwuchs an Gesetzen für Flüchtlinge und Asylanten aufmerksam: Die meist nach langer Reise traumatisierten Personen werden sofort nach ihrer Ankunft in den jeweiligen Ländern „verwaltet“, werden zu einem logistischem Problem und in weiterer Folge mit einer Flut an Gesetzen konfrontiert. (Zum Unterschied von Asylwerber und Flüchtling: Ein Asylwerber sucht um internationalen Schutz an, hat diesen aber im Gegensatz zu einem Flüchtling noch nicht bekommen.)

Im Rahmen der Publikation „endlich.österreich“ – GrenzRäume Asyl“ begann AG3 2012 mit einer räumlichen Bestandsaufnahme von u.a. Erstaufnahmestellen, Asylheimen, Flüchtlingslagern und Schubhaftzentren in Österreich. Sie wollten sich diesen Lagerräumen, wie sie es nennen, mit objektiv-wissenschaftlichem Blick nähern.

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Jahresveranstaltung Architektur ohne Grenzen Austria „Kein Ort. Nirgends. Migrationspolitik in Europa“, links: Jochen Hoog (Architekturbüro AG3)

Anhand einiger Beispiele in Wien erzählt der Architekt unter welchen Umständen die BewohnerInnen darin – oft jahrelang – leben: Die minimierte Privatsphäre (5,5 Quadratmeter pro Person), beschränkte Ausgehzeiten, ein Pool, das durch einen Zugang mit Chipkarte den Flüchtlingen verwehr bleibt, Kinder, die nur stundenweise in den Garten dürfen. „Wir wollten Räume beobachten und sind auf Menschen gestoßen,“ meint Hoog betroffen. Diese Einrichtungen verwehren sich ästhetischen Begrifflichkeiten und passen in keine architektonische Debatte. „Diese Grenzräume sind auch in der Architektur Grenzgebiete“, so Hoog.

Asyl- und Flüchtlingspolitik: Ein gemeinsames Europa wäre die Antwort –
Florian Trauner vom Institut für Integrationsforschung der Universität Wien zeigte in seinem Vortrag vor allem die komplexen legalen Hürden für Flüchtlinge bzw. Asylanten auf: Das beginnt bei der Unmöglichkeit einen Asylantrag im Ausland zu stellen, schließt das Verbot der Arbeit ein, während das Asylansuchen läuft, und geht laut Dublin-Verfahren (einer Verordnung des europäischen Parlaments) bis zur Begrenzung auf nur einen zuständigen Staat, der das Ansuchen prüft. Jede Wiederholung in einem Zweitstaat ist illegal. Überprüft wird die Einhaltung dieses Verfahrens mit Hilfe der EU-weiten Datenbank Eurodac, die Fingerabdrücke aller Asylwerber akribisch festhält.

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Florian Trauner, Institut für europäische Integrationsforschung, Universität Wien

Angesichts dieser Gesetze und Verordnungen entsteht zurecht das Bild, dass Beschränkungen und Kontrollmechanismen europaweit möglich sind, Schutz oder Erleichterungen für Flüchtlinge jedoch nicht. Das ist allerdings der Ankerpunkt, der sich ändern muss. Das Non-Refoulement-Prinzip (ein Kernstück der Genfer Flüchtlingskonvention), welches einem Staat verbietet, einen Flüchtling in ein Land zurückzuschicken, in dem sein Leben gefährdet sein könnte, ist mittlerweile zu wenig. Die Hürden überwiegen.

– oder „Geht hin und benennt die wahren ‚Mörder’!“*

Vor allem angesichts der steigenden Zahlen schreit die Flüchtlingspolitik nach neuen Maßnahmen: 56 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, 218.000 Menschen sind 2014 alleine von Nordafrika nach Europa aufgebrochen. Mehr als eine halbe Million Asylanträge wurden 2014 in ganz Europa gestellt (44 Prozent mehr als 2013). In Österreich waren es 28.027 Anträge – eine Zahl, die allgemein Schrecken hervorruft, allerdings pro Einwohner nur 0,4 % Asylwerber bedeutet. Die Verteilung der Flüchtlinge erfolgt jedoch zur Zeit noch äußerst unausgeglichen – einige Länder, wie Deutschland, Schweden oder Ungarn, übernehmen dabei mehr Verantwortung als andere.

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Florian Trauner, Institut für europäische Integrationsforschung, Universität Wien

Eine mögliche Antwort auf diese alarmierenden Zustände wäre laut Florian Trauner, eine gemeinsame europaweite Asylpolitik. Sprich die Kompetenzen der Nationalstaaten mindern, um sie supranationalen Institutionen in der EU in die Hände zu legen.

Damit stößt der Europaexperte in das gleiche Horn wie Robert Menasse, den Dietmar Steiner, Direktor des Az W, in seiner Begrüßung treffend in den Abend „mitgebracht“ hat: „Gehet hin und benennt die wahren ‚Mörder’!“, fordert Menasse in einem Artikel in der Tageszeitung Die Presse vom 23. April. Und die wahren Mörder das sei nicht wie in letzter Zeit so oft angeprangert, die EU, sondern das sind die Nationalstaaten, die die Asylpolitik u.a. aus Angst vor Wählerverlust massiv blockieren.

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Dietmar Steiner, ehemaliger Direktor des Az W

Zivilgesellschaftliches Engagement und Aufklärung
So tragen ob der fehlenden adäquaten Antworten auf EU-Ebene die Verantwortung der Lösungsfindung zur Zeit allein die zahlreichen Initiativen auf lokaler Ebene, die mit viel zivilgerechtlichem Engagement diese Aufgabe erfüllen.

Das interkulturelle Beratungs- und Therapiezentrum ZEBRA zum Beispiel, 1986 als NGO in Graz gegründet, startete 2014 in vier steirischen Gemeinden das Projekt „Zusammenleben in Quartier und Gemeinde“.

Ziel des Projekts ist, sich den Herausforderungen zu stellen, die zu Hauf auftreten, wenn Flüchtlinge in Gemeinden einquartiert werden. Da ist zunächst die Ablehnung und Skepsis der einheimischen Bevölkerung, die meist auf Unwissenheit und fehlenden sachlichen Informationen beruhen und Aufklärung bedürfen. Die Angst vor dem großen Unbekannten spielt hier eine große Rolle. Die Sprachbarriere und die fremden Lebenskonzepte verschrecken. Die Gemeindeverantwortlichen stimmen zwar einer Aufnahme zu, lassen die Bevölkerung aber vollends unvorbereitet.

„Wir bekommen Anrufe aus den Gemeinden, wie ‚der Bus mit den Flüchtlingen ist unterwegs. Was sollen wir tun?’“, erzählt Projektleiterin Nina Jessenko. Die „Ausländer“ wiederum leben oft tagelang in Isolation, in kleinen Ortschaften mit schlechter Infrastruktur häufig abgeschnitten von der Umwelt. Zebra versucht dieser Unsicherheit der einheimischen Bevölkerung, der „Alltagsablehnung“, wie Jessenko das nennt, auf unterschiedlichen Ebenen zu begegnen: Ein wesentlicher Faktor ist hier zunächst die Information, das Gespräch vorab.

Als nächster Schritt wird die direkte Kontaktaufnahme mit den Flüchtlingen angeboten, beispielsweise mit Hilfe eines Dolmetschers. ZEBRA initiiert aber auch gemeinsame Aktivitäten, um die gegenseitigen Hemmschwellen der Kontaktaufnahme abzubauen (Kochen wirkt diesbezüglich stets Wunder). Und um dem Arbeitsverbot, mit dem Asylwerber oft jahrelang konfrontiert sind, entgegenzuwirken, sind gemeinnützige Beschäftigungen gegen einen kleinen Anerkennungsbeitrag eine Antwort mit gegenseitigem Nutzen.

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Nina Jessenko, ZEBRA

Magdas Hotel als Best-Practice Beispiel aus der Architektur
Magdas Hotel am Wiener Prater ist Wiens erstes Hotel, das als Social Business geführt wird. Die Initiative dazu legte die Caritas: Sie beauftragte das Wiener Architekturbüro AllesWirdGut mit dem Umbau und der Adaptierung eines baufälligen Pensionistenheimes aus den 1960erJahren zu einem Hotel. „Finanziell sollte sich das Konzept alleine tragen und alltagstauglich sein,“ erzählt Johanna Aufner von AllesWirdGut.

Das Hotel mit 78 Zimmern ist seit seiner Eröffnung im Februar 2015 mittlerweile in Wien und darüberhinaus zu einem interkulturellen Best-Practice-Beispiel hinsichtlich Konzept, Entwicklung und Bau avanciert. Partizipation und Kooperation auf breiter Ebene gingen dabei Hand in Hand mit der gesellschaftlichen Vision: Flüchtlinge, Profis und Freiwillige waren an der Realisierung beteiligt, teilweise leben die so engagiert Zupackenden nun auch in dem Hotel bzw. betreiben es. Asylwerber haben hier die Gelegenheit zu arbeiten und neue Fähigkeiten zu erwerben.

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Johanna Aufner, AllesWirdGut

Seit November 2015 leben hier 25 Jugendliche, die ohne ihre Eltern nach Österreich kamen – „UMF“ (unbegleitete minderjährige Flüchtlinge) nennt man sie übrigens salopp im Fachjargon. 16 Nationen sind unter Magdas Dach vereint.

Unzählige Einzelinitiativen trafen in den neun Monaten des Umbaus auf eine ebensolche Fülle an kreativen Umsetzungen: Vom Crowd-Funding, über die Unterstützung von Universitäten bis hin zum gekonnten Up-Cycling Prozess von bestehenden Ressourcen, Spenden oder von Gefundenem. „Wenig Geld ist kein Manko,“ meint Johanna Aufner. „Jeder war eingeladen mitzuarbeiten“. Die Lobby und das Café wurden dabei zur Begegnungszone aller – sie soll es auch weiterhin bleiben.

* Robert Menasse, Geht hin und benennt die wahren „Mörder“!, diepresse.com, 23.04.2015

www.arch-og.at/

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