Modern Classics 16

Konrad Wachsmann in Salzburg - und die Folgen

Arbeitsgruppe 4 mit J. G. Gsteu, Pfarrzentrum Ennsleiten, 1958-61

"Entdeckt" auf einer Vortragstournee durch Europa, überredeten junge österreichische Architekten den großen Bauindustrialisierungs-Pionier Konrad Wachsmann (1901-1980), ab dem Jahr 1956 Architekturseminare auf der Salzburger Sommerakademie zu veranstalten. Das hatte auch für den realen Baubetrieb im Lande Folgen.


 

Konrad Wachsmann gab in den Jahren 1956 bis 1960 in Salzburg fünf Sommerseminare. Im Mittelpunkt der faszinierten Erinnerungen der Kursteilnehmer stehen meist die innovativen Arbeitsmethoden des Pioniers der Bau-Industrialisierung, weniger die konkreten Architekturentwürfe, die sich daraus ergaben. Vor dem gewohnten Hintergrund der traditionellen Meisterschulen und der technischen Fakultäten der österreichischen Architektenausbildung wirkten die offene Diskussionsatmosphäre, die Teambildung und der systematisch in der Gruppe geplante Ablauf der Studien völlig neuartig. Obwohl deren Ergebnisse vorerst offen bleiben sollten, steuerte die Arbeit aber letztlich doch auf bestimmte Ziele zu, wie sich Friedrich Achleitner, Teilnehmer der beiden ersten Seminar 1956 und 1957, erinnert: „Wer die souverän ‚dirigierten‘ Wachsmann-Seminare miterlebte, konnte schon damals den Eindruck gewinnen, dass er selbst, bewusst oder unbewusst, kalkuliert oder instinktiv, auf ein bestimmtes Ziel, auf eine konkrete Formvorstellung zusteuerte, obwohl er die Illusion der totalen Offenheit des Ablaufes bis zur letzten Minute aufrechterhielt.“

Hermann Czech im Wachsmann-Kurs 1959, Foto Wolfgang Mistelbauer

Hermann Czech im Wachsmann-Kurs 1959, Foto Wolfgang Mistelbauer

Das Ergebnis war für uns einzigartig, zudem höchst überraschend, da es zwingend logisch – quasi von selbst – zu entstehen schien.

Gerhard Garstenauer

Die kollektivistische Lehrmethode war darauf angelegt, individuelle „Handschriften“ und Sichtweisen möglichst auszuschließen sowie Objektivität herzustellen. Die gesamte lange Vorgeschichte der Avantgarde-Auffassung industrialisierten Bauens, das in einer idealen Zukunft die „Architektur“ ablösen sollte, hatte ja stets die Überwindung der künstlerisch-individuellen Bauplanung durch rational-kollektive Methoden verfolgt – letztlich den vollständigen Ersatz der Künstlersubjektivität durch „objektive“ Planungsmethoden. „Industrialisierung“ war nur der Ausdruck dieser angestrebten totalen Rationalisierung, die Maschine ihr Werkzeug, nicht ihr Zweck.

Wachsmann Schüler-Chart 1957 aus Kat KW 1958

Wachsmann Schüler-Chart 1957 aus Kat KW 1958 

Bei der Premiere 1956 teilte Wachsmann die 21 Seminarteilnehmer in sieben Dreiergruppen. In den ersten beiden Jahren fand die achtwöchige praktische Arbeit der Studierenden in den Dombögen statt, einer Raumflucht über den Arkaden, die das Spätrenaissance-Ensemble am Salzburger Domplatz rahmen und die fürsterzbischöfliche Residenz mit der Domkirche verbinden.

Die jungen österreichischen Architekten Friedrich Kurrent und Johannes Spalt – beide aus der Wiener Akademie-Schule von Clemens Holzmeister – unterstützten Wachsmann als Assistenten und hatten sich auf diese Aufgabe durch einen Besuch beim Meister an der Hochschule für Gestaltung in Ulm vorbereitet. Am Beginn wurden konkrete Entwurfsaufgaben vermieden, die Teams sollten zunächst allgemein recherchieren: „Die Aufgabenkreise umfassten Themen wie Material/Produktion, Konstruktion, Elemente, Modul, Installation, Planung und Begriffe“, aber auch „Fügen und Verbinden“, wie sich Kurrent erinnert: „Das Ziel war stets, auf Basis dieser Vorstudien am Ende gemeinsam ein Projekt zu erarbeiten, von dem auch ein Modell gebaut wurde.“ Das gemeinsam geplante Bauprojekt war 1956, 1957 und 1958 war jeweils eine multifunktionale Halle als Anwendungsbeispiel der vorher erarbeiteten modularen Technik von 1958.

Wachsmann-Sommerakademieprojekt: Frei entwickelte Überdachungskonstruktion 3 m hoch, 1957 aus Kat KW 1958

Wachsmann-Sommerakademieprojekt: Frei entwickelte Überdachungskonstruktion 3 m hoch, 1957 aus Kat KW 1958

Am zweimonatigen Weg zum finalen Gemeinschaftsprojekt sorgte Wachsmann durch Expertenvorträge, vor allem aber durch planmäßige innere Kommunikation der Gruppe nicht nur für inhaltlichen Austausch, sondern auch für die Anonymisierung der einzelnen gestalterischen Ideen: „Da wochenweise geplant wurde (6 Tage), und an jedem Wochenende eine zusammenfassende Diskussion vorgesehen war, musste auch der ‚Stoff‘ in 6 Teile zerlegt werden. Am Ende eines jeden Tages tauschten die Teams das von ihnen zum Thema Erarbeitete untereinander aus, reichten es also weiter, denn am Schluss der Woche musste ja jeder Seminarteilnehmer vollständig und vollinhaltlich über alle Problemkreise informiert sein. Das ging mehrere Wochen so und brachte eine derartige Fülle von schriftlichen Aufzeichnungen und Zwischenresultaten, dass wir uns nicht vorstellen konnte, wie ein mögliches Endresultat aussehen würde. Wachsmann schaffte dies – aus uns – in einer abschließenden auch rhetorisch glänzend entwickelten Zusammenschau. Das Ergebnis war für uns einzigartig, zudem höchst überraschend, da es zwingend logisch – quasi von selbst – zu entstehen schien“, erinnert sich Kursteilnehmer Gerhard Garstenauer.

Diese Magie, mit der Wachsmann seinen verblüfften Schülern und einer verwirrenden Materialfülle am Ende des Seminars eine konkrete Bauplanung entlockte, steht in einem gewissen Gegensatz zum rationalistischen Anspruch seiner Methode. Manifestartig beschrieb er diese im Ausstellungskatalog von 1958: „Die Existenz der Maschinen bestimmt das Bauen unserer Zeit. Die Maschine erlaubt keine willkürliche, individuelle Entscheidung über irgendein Thema. Im Gegensatz zu einer handwerklichen Ausführung ist das industriell hergestellte Produkt Teil einer umfassenden Ordnung.“ Daran müsse sich auch eine zeitgemäße Architektenausbildung orientieren: „Der Studienplan basiert auf einer direkten Zusammenarbeit aller Beteiligten und der aktiven Mitarbeit an der Analyse gestellter Probleme. So werden Resultate erzielt, die nicht mehr auf Begabung und Talent oder Anpassung an die individuelle Handschrift eines Meisters beruhen, sondern die objektive Sprache des zeitgenössischen, organisatorisch technisch Möglichen sprechen mit dem Ziel, unter Vermeidung vorgefasster Meinungen, das Bild unserer Umwelt aus gegenwärtigen Bedingungen herauszuformen.“ Eine gründliche Reform der Ausbildung von Planern fordere letztlich sogar die Abschaffung des Architekturentwurfs als zentrales Lehrfach: „Während der Studien sollten die Aufgabenbereiche und die Methodik der Entwicklung eines Problems als Ersatz der Entwurfslehre in engster Zusammenarbeit mit Wissenschaft, Technik, Industrie, Wirtschaft und Politik formuliert werden.“

Im Ausstellungskatalog von 1958 druckte man auch Stichworte Zur Industrialisierung des Bauens ab, die gesellschaftspolitische Fragen stellen: „Die Maschine ist das Werkzeug unserer Zeit. Sie ist Ursache jener Wirkungen, durch die sich die Gesellschaftsordnung manifestiert.“ Wachsmann interpretiert hier allerdings die Möglichkeiten der Industrie, die schon damals konsumentenorientierte Customization-Strategien kannte, noch auf eine strikt mechanistische Weise: „Den Bedingungen der Industrialisierung folgend, durch Multiplikation von Zelle und Element, soll sich das Bauwerk indirekt entwickeln.“

Ottokar Uhl, Kirche Siemensstraße, Wien (c) AZW, Gert Schlegel

Ottokar Uhl, Kirche Siemensstraße, Wien (c) AZW, Gert Schlegel

In diese Kerbe schlägt auch der 1957 in Paris geschriebene Katalogbeitrag des Schweizer Malers und Bildhauers Hugo Weber, mit dem Wachsmann am Institute of Design des IIT in Chicago zusammengearbeitet hatte. Weber hatte in der US-Emigration als Autor und Filmemacher mit Moholy-Nagy am New Bauhaus Chicago gelehrt, war eng mit Mies van der Rohe befreundet und modellierte 1961 eine Porträtbüste des berühmten Architekten. Wachsmanns Bemühungen um eine Ent-Individualisierung des Bauens fasst er plakativ zusammen: „Das Bauen ist belastet durch Gewohnheiten, Vorurteile, Berufsinteressen, wie kaum ein anderes Gebiet unserer Zivilisation. Die besten Möglichkeiten der maschinellen Technik dem Bauen zukommen zu lassen, verlangt prinzipielleres Denken und radikaleres Vorgehen. Die Arbeiten Konrad Wachsmanns stehen zur Diskussion als Gegenpol zu einer Architekturbewegung, die im plastischen Spiel: Kubus, Raum, Fassade, Dekoration, ihren Ausdruck findet. Der Mode steht die Konstante struktureller Wesentlichkeit entgegen. Eine neue Anonymität des Bauens auf technischer Grundlage ist das Ziel, die Erwartung und Hoffnung.“

Rezente Wachsman-Monographie der Universität für angewandte Kunst Wien

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