Konzentration und Stille

Hauptausstellung in den Cordiere-Artiglierie im Arsenale in Venedig

Ort:  Venedig
Autor:  Isabella Marboe
Fotograf:  Isabella Marboe

Selten hat man die Cordiere-Artiglierie im Arsenal von Venedig so leer erlebt: „FREESPACE“ lautete das Motto, unter das die Kuratorinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara die heurige Architekturbiennale stellten. Sie befreiten die Cordiere und den zentralen Pavillon in den Giardini von allen späteren Einbauten. In diesem authentischen Ambiente wollen hundert Beiträge den Beweis antreten, dass Freiraum die Voraussetzung von Großzügigkeit in der Architektur ist.

„Jede Biennale ist das Ergebnis der Großzügigkeit ihrer Kuratierenden, jede ist das Resultat einer Auswahl. Je mutiger der Kurator, umso besser die Botschaft“, so Präsident Paolo Barrata bei der Eröffnungspressekonferenz der Architekturbiennale 2018. „Diese Biennale muss als ein Kapitel gelesen werden, das auf die Aravena Biennale und die Koolhaas Biennale folgt.“ Aravenas Biennale war sozial engagiert und plakativ-politisch, indem sie auch die Architekturproduktion an den Rändern der Welt ausleuchtete, wo die Kombination aus materiellem Mangel und schwierigen Umständen zu sehr kreativen, oft partizipativen und unkonventionellen Lösungen führt. Rem Koolhaas hatte zwei Jahre davor in niederländischer Pragmatik die eigene Disziplin in ihre Einzelbestandteile zerlegt und systematisch Fenster, Türen, Stiegen, Aufzüge und andere Elemente der Architektur durchdekliniert. Dank hervorragender Recherche überraschend vielschichtig.

"Großzügigkeit des Geistes"

Yvonne Farrell und Shelley McNamara, die Kuratorinnen der diesjährigen Biennale reagierten darauf mit Stille und Konzentration: Sie stellten die Leistungsschau der Weltarchitektur unter das sehr unorthodoxe, elementare Motto „Freespace“ – „Freiraum“. Dieser Freiraum ist dabei in ihrer Lesart als jenes Element zu verstehen, das wirksam wird, wenn ein Projekt von Großzügigkeit inspiriert ist. Er bestimmt also ganz maßgeblich die Qualität von Architektur. Als Leitlinie formulierten die Kuratorinnen ein Manifest, das die „Erde als Klienten“ betrachtet. „Das bringt lang dauernde Verantwortung mit sich. Architektur ist das Spiel von Licht, Sonne, Schatten, Mond, Luft, Wind, Schwerkraft in einer Art, die Mysterien der Welt aufdeckt. All diese Ressourcen sind frei.“ Der erste Satz des Manifests lautet: „Freespace beschreibt eine Großzügigkeit des Geistes und einen Sinn für die Menschheit als Herzstück der architektonischen Agenda, die unmittelbar auf die Qualität des Raumes abzielt.“ Aus diesem sehr idealistischen Manifesto suchten sich alle Teilnehmenden einen Satz, an den sie mit ihren Beiträgen anknüpfen wollten. „Unser Manifesto war ein sehr brauchbares Werkzeug, um eine gewisse Kohärenz zwischen der Diversität einer Ausstellung von diesem enormen Maßstab herzustellen“, so Farrell und McNamara. „Wir sind an die Ausstellung als Architektinnen herangegangen und betrachten die bestehenden Gebäude als unsere spezifischen Bauplätze, als unseren Kontext. Die Ausstellung zielt darauf ab, die Qualitäten der Corderie-Artiglierie und des Zentralen Pavillons frei zu legen. Es war unsere Absicht, die heroische Dimension der Corderie mit ihrem Ziegelmauerwerk und ihrem gedämpften Licht mit der strahlenden Qualität des Oberlichts im Zentralen Pavillon zu kontrastieren.“

Außerordentlich luftig

Ein Ansatz, der in den Cordiere einen außergewöhnlich luftigen Raumeindruck erzeugte, der gleichermaßen als Schwingung den tonangebenden Freiraum schon in sich trug. Ästhetisch und atmosphärisch ist dieser von Farrell und McNamara kuratierte Teil durchaus ansprechend, inhaltlich aber sehr unkritisch. Die Tatsache, dass dieser so wesentliche Freiraum in all seinen Erscheinungsformen vom öffentlichen Platz über den Luftraum in der Architektur bis hin zur geistigen Freiheit von allen möglichen Interessen bedroht und weltweit massiv im Schwinden begriffen ist, wird in der Hauptausstellung überhaupt nicht thematisiert. Dass der öffentliche Raum zunehmender Kommerzialisierung ausgesetzt ist, die Preise für Grund und Boden steigen, Immobilien zu Spekulationsobjekten werden, Architektur unter einem enormen Verwertungsdruck steht und die viel beschworene Großzügigkeit sowohl im Entwurfsansatz als auch in der gebauten Realität daher merkbar im Schwinden ist, Erderwärmung und Klimawandel viele Regionen unbesiedelbar machen: All diese Fragestellungen bleiben fast gänzlich unbehandelt. Sie kommen nur in einigen wenigen nationalen Pavillons vor.

Es geht also im Wesentlichen wieder um die – vor allem ästhetisch-formal-künstlerische - Essenz der Architektur: Dimension, Proportion, das einfallende Licht, das durch die staubigen Fenster der Cordiere eindringt, die ungeheuerliche Länge dieses faszinierenden Raumes, die durch ein Maßband am Boden – im zeitgenössischen Metermaß und dem historischen Fuß – bewusst gemacht wird, die Materialität der roten Ziegelwände und mächtigen Säulen mit ihren abgeschlagenen Podesten. So wird die über 317 Meter lange Halle zur Hauptprotagonistin der Ausstellungsarchitektur: Sie lässt die einzelnen Positionen auf ganz spezifische Weise zur Geltung kommen und interagiert mit den ausgestellten Objekten. „Unser Ehrgeiz für diese Biennale ist, dass Architektur durch die Einsicht in Projekte mit bedeutungsvollen und nützlichen Inhalten gefeiert und analysiert wird, dass Architekten aus aller Welt einander hier treffen, um ihre eigene Profession zu hinterfragen, dass komplexe Ideen verständlich gemacht werden und eine neugierige Öffentlichkeit von Architektur erfrischt wird.“

Architektur, die erfrischt

Das allerdings gelingt durchaus, denn die Kuratorinnen haben teils sehr schöne Projekte ausgewählt und durchwegs gute Architekturbüros geladen. So wird gleich zu Beginn der Hauptausstellung sehr ausführlich ein Campus des indischen Büros Case Design aus Mumbai gezeigt: „A school in the making.“ Ihre Avasara Academy liegt unweit des Dorfes Lavale in einer hügeligen Landschaft und ermöglicht jungen Frauen eine Ausbildung. Schöne, von handgeknüpften, farbigen Stoffen überzogene Möbel, Lampen aus buntem Glas und andere Gegenstände zeigen die Qualitäten dieser Schule ebenso wie Fotografien, eins zu eins Mock-Ups von Wandteilen und ein Modell, das den Kamineffekt anschaulich illustriert. Er führt dazu, dass die heiße Luft aufsteigen und entweichen kann. Lamellen aus Bambus sorgen für eine Beschattung der Fassade, beides sehr wesentlich in dem warmen, feuchten Klima. Der Campus ist von einer informellen Reihe an Wegen, Höfen, Gärten, Terrassen und innen vielen Galerien, Lufträumen und Ausblicken geprägt.

„Räume zu kreieren, die uns zum Tanzen bringen, ist auch so eine freudvolle Vision“, schreiben Níall McLaughlin Architects und zitieren Friedrich Nietzsche: „Wir sollten jeden Tag als verloren betrachten, an dem wir nicht mindestens einmal getanzt haben.“ Das Londoner Büro hat Schnitte seiner Projekte aus Holz in ein riesiges, rundes Modell verarbeitet. Daneben findet sich ein Modell des räumlich bahnbrechend innovativen Hochhauses des Roy and Diana Vagelos Education Center der Columbia University für Medizin von den Architekten Diller Scofidio + Renfro, dass sich mitten in Manhattan den Luxus leistet, Hörsäle und andere Räume für das Lernen und den informellen Austausch an einer kaskadenartigen Treppenlandschaft anzuordnen, die sich immer wieder zu Terrassen öffnet. Die Architekten wollten einen fluiden, animierenden Raum für Studierende der nächsten Generation schaffen. Dieses so spezielle, hohe Haus machte sich auch schon am Cover unseres Magazins (architektur.aktuell, 04.2017) sehr gut. Auch der Fuji-Kindergarten von Tezuka Architects mit seinem ringförmigen Grundriss und dem runden Flachdach, das den Kindern als vielschichtige Bewegungs-, Lauf- und Spielfläche selbstverständlich zur Verfügung steht, ist ein wunderbares Beispiel dafür, was ein großzügiger Entwurf und ein großzügiger Freiraum leisten können. Wie die Live-Projektionen auf das Modell beweisen, wird das Dach von den Kindern auch exzessiv genutzt. 

Anschaulich und installativ

Nach diesen klassischen Projekt-Präsentationen verändert die Ausstellung ihren Charakter: Viele Installationen mischen sich darunter. „Momente der Schönheit vermitteln Sicherheit, Hoffnung, Zuwendung und Identität“, meinen Alison Brooks Architects. „Schönheit ist eine Sprache, die verloren ging.“ In ihrer Installation „ReCasting“ treten die Architekten mit aus Sperrholz nachgebauten räumlichen Situationen aus ihren Häusern und Projekten einen künstlichen, leicht theatralischen Raum nach, der aber mit seinem Rundbogen, den Sitznischen oder Bänken unterschiedliche urbane Situationen wie das Eingangsportal, den Platz oder die Nische vermittelt. Eine wahre Entdeckung ist der Beitrag des spanischen Büros Flores & Prats: Diese präsentieren ein 1:1 Modell des Vestibuls ihres Sala Beckett Theaters in Barcelona, das sie in einem ehemaligen, verlassenen Sozialarbeiter-Club eingerichtet haben. Auf der Rückseite des Modells finden sich originale Pläne, Zeichnungen und sehr akribische Aufnahmen des Bestands, Studien zu verschiedenen historischen Tür- und Fensterformaten: Eine ganze Welt tut sich da rund um diese Projekt auf und man schreitet beseelt und berührt weiter ob dieser Bereitschaft zur Hingabe an eine Aufgabe und dieses eindrucksvoll aufwändige Wunder an Architektur. Eine einzigartige Art, behutsam mit Bestand umzugehen – ihn zu retten und zu bereichern.

Mit Architektur die Welt verbessern

Sehr interessant ist auch das Projekt von Laura Peretti Architects aus Rom: Sie revitalisierten die soziale Mega-Struktur Corviale in Rom, eines der längsten Hochhäuser Europas, das vom Architekten Mario Fiorentino geplant und von 1975 bis 1982 errichtet worden war. In Corviale leben etwa 7.000 Einwohner, es war zu einem Negativbeispiel für graduellen Verfall geworden. Peretti entwickelte vor allem den Freiraum zwischen und unter dem Gebäude neu, um aus einem kilometerlangen, langweiligen, riesigen Gebäude ein attraktives, durchgrüntes und zu seiner Umgebung durchlässiges Haus zu machen.  Rintala Eggertson zeigen ein Rasterelement aus Holz und einen Film über den Bau ihrer Struktur im Forte Marghera in Mestre: Sie errichteten dort einen gedeckten Umgang, der einen Freiraum in einen Hof verwandelt, um den Menschen aus Mestre als Ort für Feiern und Feste zu dienen. Der Film macht deutlich, was es bedeutet in Venedig zu bauen und vieles per Boot transportieren zu müssen. Andererseits entpuppt sich das Fort als naturbelassen verwilderter, magischer Ort. „Wir wollen ein Extra anbieten: Atmosphäre, Gefühl, Erfahrung – etwas, das sinnvoll und notwendig ist, um das Umfeld für ein gutes Leben zu schaffen.“

John Wardle Architects bauten eine Art begehbaren Trichter mit Spiegeln, der raffiniert mit der Wahrnehmung spielt. SANAA bewiesen sich einmal mehr als Meister immaterieller Reduktion: sie zeigten ein transparentes, zylinderförmiges Gebilde, in dem sich Lichtreflexe je nach Anzahl von Besuchern unterschiedlich spiegelten. Überaus faszinierend war auch das Experiment von Riccardo Blumer, Architekt und Professor, der ein Gerüst baute, das ständig temporäre, flüssige Wände aus Seifenlauge produzierte. Auch diese reflektierten das Licht und ihre Umgebung sehr vielschichtig. Die mexikanische Architektin Rozana Montiel nahm als einzige Bezug zum Außenraum auf: Sie projizierte den Ausblick auf den Kanal an die Seitenwand, in den eine Kamera in Echtzeit übertrug, was draußen vor sich ging. So konnten die Besucher der Ausstellung scheinbar nach draußen blicken, während eine scheinbar umgekippte, gemauerte Wand mit sonnenlichtdurchtränktem Fenster am Boden den Eindruck einer gefallenen Mauer erzeugte und gleichzeitig ein Podest bildete. Für Montiel ein stimmiges Statement zu ihrer Arbeit, die immer Kontakt sucht und aus dem Vorgefundenen schöpft. Valerio Olgiatti wiederum stellte zwischen den echten Säulen des Arsenale einen Wald aus weißen Säulen auf, die noch dazu natürliche Geräusche wie Vogelgezwitscher oder Lärm von sich geben. Eine witzige Idee. Anna Heringer, die den Auftrag von Architektur darin sieht, die Welt zu verbessern, präsentierte das von ihr und Veronika Lena Lang initiierte Projekt Didi Textiles: Dort werden alte, von den Familien in den Dörfern von Bangladesh bereits zu Decken vernähte Saris modern gestaltet und zu Gewand upgecycelt. Dazu zeigt eine winzige, innen mit Zeitungspapier tapezierte Box den beengten Lebensraum, der Fabriksnäherinnen in Bangladesh zugestanden wird. Als ihren einzigen Freiraum bezeichnet Heringer den winzigen Fernseher. Zu den absoluten Favoriten zählt der Beitrag von Aires Mateus: Die portugiesischen Architekten bauten ein Gebilde aus dunklem Holz mit einem Loch in Kopfhöhe in der Mitte. Stieg man hinein und blickte in den inneren Hohlraum der Skulptur, sah man echte Pflanzen, hell erleuchtet, die einen herrlichen Duft verströmten. Dieser Eindruck zauberte allen ein überraschtes Lächeln ins Gesicht.