Learning from Gänserndorf: Eine Ausstellung in Linz

„Learning von Gänserndorf“ I Foto: Jörg Thums

Was passiert, wenn eine kleine Stadt unweit einer Großstadt kontinuierlich wächst? Die Rede ist von Gänserndorf. Es liegt 30 km nordöstlich von Wien bzw. nordwestlich von Bratislava, je nach Blickwinkel. Gänserndorf wächst und es wird weiterwachsen. Der Druck auf Bauland ist hoch. Man weicht von Wien auf das günstige Umland aus und wenn es so weitergeht, wird Gänserndorf im Jahr 2050 mehr als 30.000 EinwohnerInnen haben. Das will geplant sein!

Learning von Gänserndorf zeigt die Ergebnisse eines Forschungsprojektes der Abteilung Architektur | Urbanistik der Kunstuniversität Linz (Leitung DI Dr. Sabine Pollak) für die Niederösterreichische Wohnbauforschung. Ausgangspunkt bildet die ikonografische Studie „Learning from Las Vegas“ von Denise Scott Brown, Robert Venturi, Steven Izenour und Studierenden der Yale University aus dem Jahr 1968.

Zur Ausstellung erscheint das Buch „Learning von Gänserndorf“. Die Projektleiter und Verfasser, Sabine Pollak und Lars Moritz, waren so freundlich, Auszüge aus dem Einleitungstext architektur.aktuell zur Online-Stellung zur Verfügung zu stellen:

Learning von Gänserndorf
1972 erschien in der MIT Press Learning von Las Vegas, ein großes, eher unhandliches Buch mit dem Foto eines typischen amerikanischen Highways am Cover. Die AutorInnen waren drei ArchitektInnen, die an der Yale University in New Haven, Connecticut, unterrichteten, Denise Scott Brown, Robert Venturi und Steven Izenour. In der Architektur-Fachwelt kam schon der Titel einem Skandal gleich. Niemand hatte sich bislang mit Las Vegas ernsthaft auseinandergesetzt, und lernen wollte man von der Stadt schon gar nicht.

Learning von Gänserndorf wird keinen Skandal provozieren. Aber was kann man von einer Stadt wie Gänserndorf lernen? Viel, meinen wir, wenn man es nur richtig angeht. Learning von Gänserndorf untersucht eine stetig wachsende kleine Stadt und deren Raum rundherum und entwickelt Werkzeuge für den Umgang mit einem solchen oder einem ähnlichen Raum. Vielleicht sollte man vorerst jedoch fragen, warum Las Vegas? 1968 bewarben Denise Scott Brown und Robert Venturi das Projekt an der Yale University mit der These, eine Untersuchung des so genannten Strips, also der Hauptein- bzw. -ausfahrtsstraße von Las Vegas würde für zukünftige Generationen von ArchitektInnen ebenso viel Bedeutung haben wie die Untersuchung einer mittelalterlichen oder antiken Stadt. Las Vegas = Rom = Athen? Eine gewagte Gleichung, denn niemand hatte dem Strip von Las Vegas bislang viel Beachtung geschenkt außer Hotel- und Casinobesuchende. Man schien hinzunehmen, was entstanden war, oder ignorierte die Entwicklung schlichtweg. Scott Brown und Venturi hingegen sahen in dem Strip so etwas wie die Apotheose der amerikanischen Stadt. Der Strip war vulgär, kommerziell, überladen und vor allem nur aus dem Auto heraus erlebbar, eine neue Form von Stadt und eine (damals) neue Form der Stadterfahrung. [...]

Nach einer Researchphase schnallte die Gruppe von Architektur-, Urbanistik- und Grafikstudierenden gemeinsam mit ihren ProfessorInnen ihre Kameras auf die Autos und fuhr nach Las Vegas. Learning von Las Vegas ist bis heute maßgeblich für Stadt- und Siedlungsforschungen. Die Studie zeigte, dass auch disperse Stadträume und alltägliche Architekturen es wert sind, präzise untersucht zu werden. Die Studie zeigte auch, dass eine solche Untersuchung als Ausgangsbasis notwendig ist, wenn es darum geht, solche Räume zu bearbeiten. [...]

Bis heute bildet der Strip, ein knapp sieben Kilometer langer Abschnitt des Las Vegas Boulevards, den Anziehungspunkt der Stadt. Er liegt außerhalb des Stadtzentrums (sofern man von einem solchen sprechen kann) und beginnt nach der Autobahnabfahrt mit dem Schild im Googie-Style „Welcome to Fabulous Las Vegas Nevada“. Am Strip sind wichtige Hotels und Casinos situiert, die Gebäude sind groß und bunt und weisen alle nur denkbaren Stile auf. Las Vegas verkörpert seit jeher eine negative Stadtentwicklung. Das künstliche Ambiente der Hotels (ein Klein-Venedig), das postmoderne Aneinanderreihen von Zitaten, das Fehlen eines herkömmlichen öffentlichen Raums und die auf Werbung fokussierte Beleuchtung der Stadt. In Las Vegas verdichtetet sich das, was in jeder Stadt der USA in Ansätzen auch vorhanden ist (der flach ausufernde Rand, die Highways mitten in der Stadt, die gesichtslose Architektur von Shoppingmalls), aber nicht in dieser Konzentration. Las Vegas ist anders. [...]

Gänserndorf und Las Vegas
Was hat las Vegas mit Gänserndorf zu tun? Klar ist: Gänserndorf ist nicht Las Vegas. Doch wie Scott Brown, Venturi und Izenour den Blick auf die banale Konsumarchitektur in Las Vegas lenkten, lohnt es sich, den Blick auf die alltägliche Architektur Gänserndorfs zu richten ‒ denn sie ist es, die das Leben in Gänserndorf und vielen anderen Städten bestimmt (und nicht die architektonisch herausragenden Bauten). Aber auch auf einer konkreteren Ebene lassen sich Parallelen ziehen. Auch die Architektur entlang der Bundesstraße B8, des „Strips von Gänserndorf“, ist antiräumlich, auch sie ist auf den „automobilen“ Körper zugeschnitten, und auch hier dominiert streckenweise das Zeichen die Architektur. Doch im Gegensatz zu Las Vegas stehen Architektur und Zeichen (oder: Architektur als Zeichen) in Gänserndorf nicht in erster Linie im Dienste einer kommerziellen Verführung, als besonders verführerisch würde man Gänserndorf im Allgemeinen und der Strip im Besonderen wohl nicht bezeichnen. Die Zeichen entlang des Gänserndorfer Strips wollen weniger verführen denn ganz praktisch informieren. Das hat auch damit zu tun, dass Gänserndorf weniger durchgeplant und auf kapitalistische Verwertungsinteressen zugeschnitten ist als Las Vegas. Während Las Vegas von einer Kultur der „schöpferischen Zerstörung“ geprägt ist, in der das Alte jederzeit beseitigt wird, wenn das Design des Neuen es erfordert, überlagern sich am Strip von Gänserndorf historische Schichten, die verhindern, dass sich hier eine glatte, durchgestylte Architektur-Zeichen-Oberfläche herausbildet.

Im europäischen Kontext würde man den Raum zwischen Wien und Gänserndorf als einen typischen Zwischenstadtraum bezeichnen, weder Stadt noch Land, dispers und von Verkehrswegen und Shoppingcentern dominiert. Die gängigen Wohnformen sind das Einfamilienhaus oder die mäßig verdichtete Zeile. Aber auch wir in Europa haben gelernt: Im Sinne ihres Erfinders Thomas Sieverts sind Zwischenstadträume nicht nur dispers und hässlich, sondern auch offen, interpretierbar, flexibel und ästhetisch unbestimmt. Sie sind in der Handhabe schwierig, bieten aber vielfältigere Zugänge als es traditionelle (Kern-)Städte erlauben. Man wohnt neben Gewerbe, fährt in das nahe Shoppingcenter einkaufen und danach zum Biobauernhof, auf Brachen dazwischen wuchert Natur, und braucht man vorübergehenden Raum für Kleinhandel, ist man in der Zwischenstadt gut aufgehoben. In Zwischenstadträumen herrscht angenehme „An-Ästhetik“ vor. [...] (Sabine Pollak, Lars Moritz)

Mehr über diesen spannenden und Kontinente übergreifenden städtebaulichen Vergleich nachzulesen in:
„Learning from Gänserndorf“
Projektleitung: Sabine Pollak, Lars Moritz
Buchkonzept, Layout und Grafik: Miriam Pollak

Noch bis 25. März 2017

https://afo.at/programm/learning-von-gaenserndorf