Lebensraum Straße

Barcelona hat’s vorgemacht, Wien probiert’s aus: Superblocks und Supergrätzl sollen Straßen zu Lebensräumen machen. Doch zwischen Vision und Wirklichkeit liegen politische Hürden, planerische Grenzen – und jede Menge Emotionen. Im Kern geht es um nichts Geringeres als die Neuverhandlung des öffentlichen Raums.
Der Inbegriff einer modernen spanischen Stadt sind großzügige Straßenachsen, die bis zum Meer führen, flankiert von klaren Rasterstrukturen – so präsentiert sich etwa Barcelonas „Eixample“-Viertel. Die Planung dieses Stadtteils geht auf Ildefons Cerdà zurück – einen Ingenieur, der Mitte des 19. Jahrhunderts mit seinem Entwurf die Grundlage für ein neues Verständnis von urbanem Leben schuf. Dass seine Idee eines durchlüfteten, sozial gerechten Stadtraums mehr als 150 Jahre später zur Basis für das Konzept der „Superblocks“ (katalanisch „Superilles“) werden sollte, konnte er wohl kaum ahnen. Heute steht Barcelona erneut an einem Wendepunkt: Mit dem Programm der Superilles wird versucht, die autogerechte Stadt in eine menschengerechte zu verwandeln. Mehrere Blockbauten werden zu einem zusammenhängenden Viertel vereint, in dem die dazwischenliegenden Straßenzüge beruhigt werden und als grüne Achsen zu kleinen Plätzen führen, die früher einmal Verkehrskreuzungen waren. So entstehen Orte, die statt Autoverkehr Begegnung ermöglichen. Das Konzept verfolgt hier klar „super“ Ziele: weniger Verkehr, bessere Luftqualität und mehr Raum für Begrünung und gemeinschaftliches Leben. orientierte Stadtregierungen. Deren ideologische Haltung entscheidet letztendlich, wofür welches Budget in die Hand genommen wird. Das hat mitunter großen Einfluss auf die tatsächliche Umsetzung der weitreichend geplanten Superblocks.

Wiens „Supergrätzl“
In Wien schaut man aufmerksam nach Barcelona. Hier heißen die Pilotprojekte „Supergrätzl“, angelehnt an den katalanischen Vorreitergedanken – allerdings in deutlich kleinerem Maßstab. Während Barcelona einen großflächigen Masterplan verfolgt, tastet sich Wien Schritt für Schritt voran: Einzelne Quartiere werden temporär verkehrsberuhigt oder punktuell begrünt. Im aktuellen Stadtentwicklungsplan (STEP 2035) wird das Supergrätzl Favoriten als „Good-Practice“-Beispiel genannt und Supergrätzl sollen künftig „bedarfsorientiert eingesetzt“ werden – vor allem dort, wo Transformation besonders drängt: entlang der Gürtelachse oder in innerstädtischen Bezirken. Das zeigt: Wien sucht seinen eigenen Weg zwischen Pragmatismus und Vision. Doch noch gleicht die Stadt einem „Fleckerlteppich“ aus vereinzelten neu gestalteten Plätzen, Halteverboten oder Wohnstraßen – viele gute Ansätze ohne verbindendes Narrativ. Das große Ganze fehlt: eine gemeinsame Vorstellung davon, wie öffentlicher Raum künftig aussehen soll. Hinzu kommt im Planungsprozess eine Herausforderung, die oft unsichtbar bleibt: der Untergrund selbst. Unter öffentlichen Straßen verbirgt sich ein dichtes Netz aus Versorgungsleitungen und Einbauten – Strom-, Gas-, Fernwärme- oder Telekomtrassen –, das kaum Spielraum für tiefwurzelnde Bäume oder versickerungsfähige Flächen lässt. Wer heute grüne Achsen plant, muss zuerst jene seltenen Zonen finden, in denen überhaupt Erdreich vorhanden ist. . .
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